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 | (b&w 4/07 Seite 11)
| Sofortprogramm für die Hauptschule – das 10. Pflichtschuljahr
Schüler in einer neunten Klasse, die nicht willens und/oder nicht fähig sind, einen (befriedigenden) HS-Abschluss zu erreichen, die den Anforderungen einer ordentlichen Ausbildung nicht gewachsen sind, orientierungslos in der Klasse sitzen, drei Viertel der Kraft und Zeit des Lehrers fordern. Dieses Bild ist in vielen Hauptschulkollegien in städtischen Gebieten bekannt. Unmotivierte Schüler, die noch dazu alle Anstandsregeln vermissen lassen. Doch nicht nur deshalb sind die Hauptschüler benachteiligt:
Die 10 Schuljahre müssen in zwei Schulen absolviert werden . Laut Statistik bestehen rund 93,6 Prozent den Hauptschulabschluss. Trotzdem erhalten sie keinen Ausbildungsplatz sondern müssen in berufsvorbereitende Maßnahmen gehen. Nach dem Jahr im BVJ oder BEJ werden viele Schüler in Ausbildungsstellen vermittelt. So gibt es de facto für fast alle Schüler ein 10. Schuljahr, nur nicht an der Hauptschule. Damit wird die Hauptschule als gleichwertige Schulart sehr geschwächt. Denn ihr Abschluss ist zuerst einmal bedeutungslos. Hauptschule wird zur Aufbewahranstalt für Jugendliche, die es in der vierten Klasse nicht weiter geschafft haben. Wenn der Abschluss nicht zur Berufsreife führt, kann nicht erwarten werden, dass diese Schulart akzeptiert wird. Die Eltern werden schauen, für ihr Kind eine Schulart zu wählen, die nach dem Abschluss einen Anschluss verspricht.
Die Berufschule ist im Anforderungsprofil auf Realschüler eingestellt. Einige wenige Hauptschüler gibt es doch noch, die nach dem Hauptschulabschluss gleich mit der Ausbildung beginnen können. Zur Ausbildung gehört im dualen System der Besuch der Berufsschule. Dort sitzen wenige Hauptschüler mit vielen Realschülern und Abiturienten in einer Klasse. Die Berufschule wiederum knüpft in ihren Eingangsanforderungen an die Realschulstandards an. Die Hauptschüler sind hier wiederum doppelt benachteiligt. Sie sind ein Jahr jünger und haben deshalb ein Jahr weniger Zeit gehabt um die Inhalte zu festigen, müssen sich nun aber im Anforderungsprofil mit Realschülern messen.
In zwei Schuljahren müssen zwei Prüfungen abgelegt werden . Für die Schüler, die sich später erst entwickeln, ist die Situation an einer nicht zur Berufqualifikation führenden Schule, besonders schwer. Zum einen müssen sie sich gegen den in den Klassen aufkommenden Frust wehren und trotzdem mit Fleiß und Energie weiterarbeiten, um einen Werkrealschulabschluss machen zu können. Zum anderen müssen sie ein neuntes Schuljahr absolvieren, das wenig Zeit für neue Inhalte lässt, weil die Hauptschulabschlussprüfung mit ihren neuen Prüfungsteilen im Vordergrund steht. Projektprüfung und die verschiedenen Prüfungsvorbereitungen in den Hauptfächern rauben die Lernzeit zum Kompetenzerwerb bei neuen Inhalten. In der zehnten Klasse muss diese Schülergruppe aber wieder eine Prüfung ablegen, die einen Kompetenzzuwachs verlangt. Nur, wann sollen diese gelernt werden? Beide Prüfungen im 10. Schuljahr bringen hier Entlastung.
Die Schwächsten brauchen mehr Lernzeit. Mit der Forderung nach einem zehnten Schuljahr ist noch nicht ausgesagt, wie dieses Schuljahr organisiert sein soll. Ein „Weiter so wie bisher“ kann es dabei nicht geben. Von Anfang an müssen Basiskompetenzen gesichert und dafür mehr Zeit aufgewendet werden. Bei einem zusätzlichen Schuljahr stünde hierfür mehr Zeit zur Verfügung. Die Diagnose und Förderinstrumentarien sind noch nicht so zahlreich vorhanden, wie wir uns das wünschen. Die Einrichtung eines Praxiszuges für die schwächeren Schüler nach der achten Klasse, der nach dem Vorbild der Kooperationsklasse strukturiert ist, erhöht die Chancen für diese Schülergruppe auf einen Ausbildungsplatz nach bestandener Abschlussprüfung.
Der Arbeitsplatz Hauptschule ist gefährdet. Etliche Schulen im ländlichen und städtischen Raum haben zu wenig Schüler, um weiterbestehen zu können. Hier geht es um Schulzusammenlegungen, Schulschließungen oder Schülertourismus von einer Schule in die andere, möglicherweise auch verschiedener Klassenstufen. Schwierig wurde diese Situation durch den Geburtenrückgang und das Übertrittsverhalten vieler Eltern. Der Rückgang der Anmeldungen an die Hauptschule beträgt ungefähr 10 Prozent. Stimmte vor einigen Jahren noch die Drittelung der Schüleranmeldungen an den drei Schularten, so hat die Hauptschule heute eine Übertrittsquote von 16-25 Prozent, je nach Region. Viele Eltern versuchen, möglichst eine Hauptschulempfehlung zu umgehen. Die Hauptschule als Schulart findet immer weniger Akzeptanz.
Chancengerechtigkeit muss für die nächste Generation endlich Wirklichkeit werden. Ein 10. Pflichtschuljahr an der Hauptschule als Sofortmaßnahme kann dieser Schulart und den Schüler/innen helfen, nach der Schulausbildung einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Sie erfüllen zumindest zwei weitere Anforderungen nach dem 10. Schuljahr: Sie sind erstens ein Jahr älter und bekommen in mehreren Branchen bei der Ausbildung keinen Konflikt mit dem Jugendarbeitsschutzgesetz. Zweites hatten sie ein Jahr länger Zeit, sich die Basiskompetenzen anzueignen. Die Schwächsten werden dann nicht als erstes aus dem allgemeinen Bildungssystem entlassen, sondern sie haben die gleiche Zeit wie die „stärkeren“ Schüler, sich zu qualifizieren.
Brigitte Friedrich-Wittig
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