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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2010 - Juli/August 2010 - Begabungsgerechte Schule

Begabungsgerechte Schule

(b&w 7-8/10
Seite 17)

Schulversuch „Begabungsgerechte Schule“

Inklusive Unterrichtsgestaltung: Im Kreis Offenbach ist mit Beginn des Schuljahres 2009/10 ein vom Hessischen Kultusministerium genehmigter Schulversuch „Begabungsgerechte Schule“ aufgenommen worden, der am Grundgedanken der Inklusion orientiert ist.

Im Unterschied zu den meisten inklusiv orientierten Unterrichtsvorhaben ging die Initiative hierzu nicht von Eltern und bildungspolitisch engagierten gesellschaftlichen Kräften aus, sondern sie ergab sich aus Planungen des Kreises als Schulträger von Förderschulen und dem zuständigen Staatlichen Schulamt. Am Schulversuch beteiligen sich vier Grundschulen, die im Einzugsbereich einer Förderschule (Schule für Lernhilfe) liegen. Diese Förderschule wird vom Schulträger schrittweise aufgegeben, indem ab dem laufenden Schuljahr 2009/2010 keine Eingangsklassen mehr gebildet werden. Die dadurch frei werdenden personellen und materiellen Ressourcen fließen zum großen Teil den vier Grundschulen zu. So verlagern in jedem Schuljahr einige Sonderschullehrer/innen der noch existierenden Förderschule ihre Arbeitsplätze an die zugeordneten Grundschulen.

Dort sollen sie die Arbeit ihrer Kolleg/innen mit einem Teil ihrer Deputatstunden unterstützen. In jeder Klasse werden Teams gebildet, wobei in der augenblicklichen Situation jede Sonderschullehrkraft mit sechs bis zehn Stunden in der gleichen Klasse arbeitet. Die Form der Zusammenarbeit ist nicht festgelegt, aber als wesentliche Merkmale der Kooperation sind gemeinsame Planungen des Unterrichts und Formen des team-teaching vorgesehen. Zusätzliche Unterstützung erhält jede Schule durch eine Sozialarbeiterin, die sich um außerschulische Belange aller Kinder und deren Eltern kümmert und als Bindeglied zwischen Schule und Sozialraum wirkt. Die Klassenstärken der insgesamt 13 Klassen des ersten Schuljahres schwanken zwischen 18 und 22 Kindern.

Wichtige Arbeitsgrundsätze

Eine entscheidende Bedingung für die Entwicklung eines inklusiv orientierten pädagogischen Arbeitskonzepts besteht im Verzicht auf Ziffernnoten und Repetitionen bis zum Ende der vierten Klasse. Die nachfolgend dargestellten Arbeitsgrundsätze wurden im Rahmen verschiedener Fortbildungsveranstaltungen mit den beteiligten Kolleg/innen besprochen und je nach Bedarf und Interesse vertieft.

Eine inklusiv orientierte pädagogische Praxis

  • geht von der normalen Vielfalt pädagogisch bedeutsamer Merkmale der Schüler/innen aus,
  • betont die Chancen, die sich hieraus für gemeinsame Lern- und Entwicklungsprozesse ergeben, indem sie die Unterschiede der Lernvoraussetzungen und Lernerfahrungen als Bedingung wechselseitiger Anregungen und Unterstützungen nutzt,
  • versucht zugleich aber auch, ungünstig wirkenden Milieueinflüssen wirksam zu begegnen,
  • fordert von jedem Kind ein Höchstmaß seiner Lernleistungen – gemessen an dessen individuellen Möglichkeiten.

Umsetzungsmöglichkeiten

Diese Arbeitsgrundsätze werden von den beteiligten Kolleg/innen als sehr anspruchsvolle Herausforderungen wahrgenommen, denen sie sich ernsthaft und engagiert stellen. Die wissenschaftliche Begleitung unterstützt und dokumentiert dabei die entsprechenden Bemühungen zur Umsetzung. Beispielsweise liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Unterrichtsgestaltung in den Bereichen Schriftspracherwerb und Mathematik. Von besonderer Bedeutung sind dabei Lernangebote, die

  • aktiv-entdeckendes Lernen auf unterschiedlichen Wegen fördern,
  • Einsicht in die Grundstrukturen der Lerngegenstände ermöglichen,
  • an den subjektiven Erfahrungsbereichen der Kinder ansetzen und
  • Anforderungen bereithalten, die auf unterschiedlichen Niveaustufen erfolgreich bearbeitet werden können.

Diese Anforderungen erfüllen am besten methodisch-didaktische Konzepte, die am Spracherfahrungsansatz (siehe im Internet unter: www.lernbuchverlag.de/index.php/spracherfahrungsansatz) und an dem Projekt „Mathe 2000“ (www.mathematik.uni-dortmund.de/didaktik/ mathe2000) orientiert sind. Sie sollen daher wesentlicher Bestandteil der inklusiv orientierten Unterrichtsgestaltung werden und sind derzeit Gegenstand intensiver und konstruktiver Auseinandersetzungen.

Weitere Arbeitsschwerpunkte gelten der Ausbildung und Stärkung tragfähiger Kooperationsformen der im Unterricht gemeinsam agierenden Lehrkräfte, der Entwicklung einer lernförderlichen Rückmeldekultur bezüglich des Lern-, Leistungs- und Sozialverhaltens sowie der Gestaltung von hilfreichen, rücksichtvollen und wertschätzenden Interaktionsformen innerhalb der Lerngruppen.
Dr. Reimer Kornmann

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