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 | (b&w 6/10 Seite 24f)
| „Gleichwertigkeit anerkennen“
Berufliche Bildung: Seit Februar 2010 arbeitet die Enquetekommission „Fit fürs Leben in der Wissensgesellschaft – berufliche Schulen, Aus- und Weiterbildung“ des baden-württembergischen Landtags. Zur 5. Anhörung zum Thema „Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung“ war Michael Futterer als Experte geladen. Wir dokumentieren Auszüge aus seinem Beitrag vor der Kommission.
Die Enquetekommission soll sich unter anderem mit der Weiterentwicklung der beruflichen Schulen in der Wissensgesellschaft beschäftigen, die spezifischen Bildungsangebote bewerten und Ziele für deren Weiterentwicklung über alle Lebensphasen und Lebenswelten hinweg formulieren.
Die GEW begrüßt den Beschluss der KMK vom März 2009 zur Definition einheitlicher Kriterien für den Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber/innen. Um Bildungswege bis in die Hochschule für alle begehbar zu machen und lebenslanges Lernen zu einem Bestandteil der Normalbiographie werden zu lassen, reicht eine Öffnung der Institutionen durch neue Zulassungsregelungen für Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung nicht aus. Kein Bildungsgang darf in einer Sackgasse enden.
Lebenslanges Lernen, Teilnahme an Weiterbildung, muss zum Bestandteil der Normalbiographie werden und durch staatliche Finanzierung abgesichert werden. Flexible Ein- und Ausstiege müssen in jeder Lebensphase möglich sein. Zu berücksichtigen ist, dass der ständige Wandel der Arbeits- und Lebenswelt hohe Anforderungen an die Menschen stellt, dass die lebenslange Bindung an eine berufliche Tätigkeit oder gar an einen Betrieb zur Seltenheit geworden ist und dass auch im persönlichen Bereich mehr Unsicherheiten als früher zu bewältigen sind. Die Menschen durch Bildungsprozesse zu stärken, ist umso wichtiger geworden. Berufliche Ausbildung soll so gestaltet werden, dass die Studierfähigkeit erworben werden kann. Die formale Berechtigung, nach einer beruflichen Ausbildung an einer Hochschule studieren zu können, ist das eine, die tatsächliche Befähigung das andere. Um diese Aufgabe zu bewältigen, sind die berufsbildenden Schulen in personeller sowie in sachlicher Hinsicht entsprechend auszustatten. Auch in der Lehrerausbildung und -fortbildung muss dieser Bildungsauftrag berücksichtigt werden. Die zukünftigen Curricula in der beruflichen Ausbildung müssen verstärkt beinhalten, dass im Zuge des Erwerbs beruflicher Handlungskompetenz auch die Studierfähigkeit gefördert wird. Die berufsbildenden Schulen müssen dafür geeignete Angebote machen können, z.B. vertiefte Förderung der Sprachkompetenz in Deutsch und Fremdsprachen, Vertiefung der Kompetenzen in Mathematik.
Berufliche Teilzeitschulen bzw. duale Ausbildung
In der beruflichen Ausbildung haben wir Gleichwertigkeit noch lange nicht erreicht: Gute Absolvent/innen als Speditions-, Großhandelskaufmann/frau oder als Sozialversicherungsfachangestellte, die z. B. mit einem mittleren Bildungsabschluss die Ausbildung begonnen haben, stehen, falls sie von ihrem Ausbildungsbetrieb oder einem anderen Betrieb nicht übernommen werden, am Ende einer typischen Sackgasse innerhalb der beruflichen Bildung: Der Zugang zu einer Fachhochschule (FH) wird ihnen verwehrt. Ihnen wird eine zeitsparende berufliche Weiterentwicklung verweigert - da bietet sich nur der Umweg, der Besuch des einjährigen Berufskollegs, als Kompensation. Wir brauchen eine klare Durchlässigkeit zu akademischen Bildungsgängen!
Ich möchte an dieser Stelle auf die langjährige GEW-Forderung hinweisen: Erhöhung der Attraktivität der dualen Ausbildung durch den Erwerb der FH-Reife während der dualen Ausbildung – verbunden mit einer Erhöhung der durchschnittlichen Berufsschulzeit um ca. 4 auf ca. 16 Wochenstunden.
Die allgemein bildenden Inhalte der beruflichen Teilzeit-Berufsschule sind weiterhin unverzichtbar: einerseits um die Durchlässigkeit zu akademischen Bildungsgängen offen zu halten und andererseits um die Auszubildenden auf eine globalisierte Wirtschaft vorzubereiten. Leider erhalten viel zu wenige Klassen berufsbezogenen Englisch- bzw. Fremdsprachenunterricht. Damit die vorher erworbenen Fremdsprachenkenntnisse nicht verloren gehen, ist es dringend nötig, allen Teilzeitberufsschülerinnen und -schülern Fremdsprachenunterricht anzubieten.
Auch wächst zukünftig der Anteil der Auszubildenden mit Migrationshintergrund stark an. Daher sind die allgemein bildenden Fächer, wie z. B. Deutsch, Gemeinschaftskunde, Ethik, auch als Beitrag zur ganzheitlichen Bildung und Integration unverzichtbar.
Berufliche Schulen bieten Chancen
Darüber hinaus bietet das System der beruflichen Schulen des Landes mit den Berufskollegs (Fachhochschulreife), der zweijährigen Berufsfachschule (Fachschulreife/Mittlerer Bildungsabschluss) und dem Berufseinstiegsjahr (BEJ) / Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf (VAB) (Hauptschulabschluss) eine breite Palette von Vollzeitschulen, die es jungen Menschen erlauben, einen höherwertigen Schulabschluss und eine erste berufliche Orientierung zu erhalten. Die beruflichen Schulen gleichen damit ein Stück weit die frühzeitige Selektierung nach der 4. Klasse aus.
Dazu folgende Anmerkungen:
- Nach §43 Abs.2 Berufsbildungsgesetz wäre es möglich gewesen, Absolvent/innen beruflicher Vollzeitschulen unter bestimmten Voraussetzungen zur Abschlussprüfung in anerkannten Ausbildungsberufen zuzulassen. Diese Chance ist in Baden-Württemberg nicht genutzt worden. Die GEW bedauert dies.
- Die beruflichen Schulen bieten mit der zweijährigen Berufsfachschule eine Schulart an, die in einem zweijährigen Bildungsgang die Kombination von beruflicher Grundbildung mit einem Mittleren Bildungsabschluss leistet. Der Versuch, dies im Rahmen der sogenannten „Neuen Werkrealschule“ in einem Jahr zu erreichen, ist aus Sicht der GEW verfehlt.
- Der Anteil von Schüler/innen mit Migrationshintergrund bzw. schwierigen Schüler/innen ist v. a. im Bereich VAB/BEJ – aber auch in den Berufsfachschulen und Berufskollegs – vergleichsweise hoch. Aus Sicht der GEW wäre es deshalb notwendig, an den beruflichen Schulen Ganztagesangebote aufzubauen bzw. zusätzliche Sprachförderung anzubieten. Es stößt berechtigterweise auf völliges Unverständnis bei Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften, wenn an allgemein bildenden Schulen Ganztagesangebote entwickelt und gelebt werden und diese Schüler/innen dann, wenn sie an eine berufliche Schule wechseln, plötzlich ohne Ganztagesangebote auskommen müssen. Notwendig sind außerdem eine ausreichende Anzahl von Beratungslehrer/innen (im Kreis Heilbronn betreut an den Beruflichen Schulen ein/e Beratungslehrer/in 2990 Schüler/innen, an den Gymnasien ist das Verhältnis 1 zu 910 – Stand März 2009) sowie Schulsozialarbeiter/innen und Schulpsycholog/innen, die an großen Berufsschulzentren stationiert sein sollen.
Hier wäre eine pädagogische und ressourcenmäßige Gleichstellung mit dem allgemein bildenden Bereich dringend notwendig.
Michael Futter, stellvertretender GEW Landesvorsitzender
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