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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2010 - Juni 2010 - Berufliche Gymnasien

Berufliche Gymnasien

(b&w 6/10
Seite 35)

100 zusätzliche Klassen sofort nötig

Berufliche Gymnasien: Jedes Frühjahr wiederholt sich ein unwürdiges Spiel, erst melden sich die Realschüler/innen an den beruflichen Gymnasien an, hoffen vier Wochen auf einen Schulplatz, bis sie Ende März erfahren: Leider wird's nichts – zu wenige Plätze. Deshalb hat die GEW frühzeitig ein Sofortprogramm für die beruflichen Schulen gefordert.

„Jeden Tag erreichen uns Meldungen von Eltern und unseren zahlreichen Mitgliedern unter den Lehrerinnen und Lehrern an den beruflichen Schulen, dass Realschüler/innen trotz eines guten Notendurchschnitts im September keinen Platz an einem beruflichen Gymnasium bekommen. Wir erwarten von Kultusministerin Marion Schick, dass sie ihr Versprechen einlöst und durch zusätzlich Klassen an den beruflichen Gymnasien den Absolvent/innen der Realschulen einen Schulplatz anbietet“, sagte Doro Moritz, GEW-Landesvorsitzende, am 22. März in Stuttgart.

Über 9.000 Schulplätze fehlen

Wie dramatisch sich diese Situation darstellt, geht aus folgenden Zahlen hervor: Den 26.982 Bewerber/innen für die öffentlichen beruflichen Gymnasien zum Schuljahr 2010/11 stehen nur 17.609 Plätze in den beruflichen Gymnasien gegenüber. Das bedeutet: Es fehlen für über 9.000 Bewerber/innen entsprechende Bildungschancen (vgl. Landtagsdrucksache 14/6037). Werden die fehlenden Plätze regional differenziert, haben die Regierungsbezirke Stuttgart und Freiburg den größten relativen Mangel mit ca. 40 Prozent.

Das Kultusministerium (KM) bietet in dieser Situation lediglich an, 15 neue Standorte für Sozialwissenschaftliche Gymnasien je nach örtlicher Gegebenheit ein- oder zweizügig einzurichten. Auch vertröstet das KM die abgewiesenen Bewerber/innen mit dem Hinweis, dass ein „Auffülleffekt“ entsteht: ein Spielraum für die Aufnahme weiterer Schüler/innen, wenn durch die Absenkung des Klassenteilers von 32 auf 31 neue Klassen gebildet werden müssen. Für die GEW ist klar, beides reicht überhaupt nicht aus! Es muss Schluss sein mit einer Politik, die dazu führt, dass Realschüler/innen draußen bleiben müssen!

Bedarfsgerechter Ausbau?

Das propagierte Ziel des KMs ist seit Jahren ein „bedarfsgerechter“Ausbau. Doch was versteht das Ministerium darunter? Die Politik, dass Bewerber/innen jedes Jahr in großer Zahl abgelehnt werden, führt dazu, dass sie auf andere Wege abgedrängt werden. Ein Weg ist ein privates berufliches Gymnasium, bei dem Schulgeld zu zahlen ist. Ein anderer Weg ist ein Arbeits- oder Ausbildungsplatz in der Wirtschaft. Die jungen Leute sollen primär in das duale System. Dies ist das Credo der CDU-dominierten Bildungspolitik seit Jahren.

Diese Steuerung hat mit dem „Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung“ (§1 Schulgesetz) nichts zu tun. Das ist umso problematischer, seit sich herausgestellt hat, dass die Wirtschaft seit Jahren kein auswahlfähiges Ausbildungsplatzangebot mehr anbietet und immer weniger Ausbildungsverträge – 2009: minus 6,8 Prozent – abschließt. Viele Fachleute aus der beruflichen Bildung rechnen hinter vorgehaltener Hand auch in diesem Ausbildungsjahr mit einer ähnlichen Größenordnung.

Rechtsanspruch auf ein berufliches Gymnasium

Konsequent ist der Gesetzentwurf der SPD vom April 2010, mit einer Schulgesetzänderung einen Rechtsanspruch mit dem Ziel zu erreichen: „Jede Absolventin und jeder Absolvent mit Realschulabschluss oder einem dem Realschulabschluss gleichwertigen mittleren Bildungsabschluss erhält bei Vorliegen bestimmter formaler Voraussetzungen Zugang zu einem beruflichen Gymnasium zur Erlangung der Hochschulzugangsberechtigung.“ Die GEW begrüßt diese Initiative ausdrücklich!

Jetzt muss allerdings aktuell gehandelt werden. Deshalb fordert die GEW Kultusministerin Schick auf, mit einem Sofortprogramm - 100 zusätzliche Klassen für die beruflichen Gymnasien - für Entspannung zu sorgen. Dabei dürfen auch andere berufliche Vollzeitbildungsgänge mit hohem Bewerberdruck, wie z. B. die Berufskollegs, nicht aus dem Auge verloren werden.

Hans Gampe

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