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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2011 - Januar/Februar 2011 - Berufliche Schulen

Berufliche Schulen

(b&w 1-2/11
Seite 31f)

Enquetekommission empfiehlt Verbesserungen

Berufliche Schulen: Vor Weihnachten hat die im Jahr 2010 eingerichtete Enquetekommission „Fit für die Wissensgesellschaft – Berufliche Schulen, Aus- und Weiterbildung“ ihren Abschlussbericht vorgelegt. Er enthält 50 konkrete Handlungsempfehlungen an die Landesregierung mit etwa 160 Einzelvorschlägen.
Zu den zentralen Handlungsfeldern der Enquetekommission, die sich aus Landtagsabgeordneten und externen Mitgliedern zusammensetzte, gehörte u. a.

  • die nachhaltige Sicherung der beruflichen Schulstandorte,
  • die Bereitstellung passgenauer Bildungs- und Förderangebote für leistungsstarke und leistungsschwache Schüler/innen im schulischen Bereich und in der dualen Ausbildung sowie
  • die strukturelle Weiterentwicklung der Weiterbildung auch an beruflichen Schulen.

Die einzelnen Kapitel der Handlungsempfehlungen gliedern sich in die Beschreibung des Sachstandes, die Analyse der Herausforderungen und die abgeleiteten Handlungsempfehlungen. Da die meisten Handlungsempfehlungen einstimmig beschlossen wurden, kann damit gerechnet werden, dass die zukünftige Landesregierung sie auch umsetzt. Die Minderheitenvoten von SPD und Bü90/GRÜNE wurden festgehalten. Der Landtag hat den Bericht zur Kenntnis genommen und die Landesregierung aufgefordert, einige Handlungsempfehlungen umzusetzen und andere Handlungsempfehlungen bis 21.7.2011 zu bewerten. Bis zum 31.12.2011 soll die Landesregierung mitteilen, welche Maßnahmen umgesetzt werden sollen.

Die Enquetekommission hat die aktuellen Fragestellungen im beruflichen Bereich – Vollzeitschulen, duale Ausbildung und Weiterbildung – abgebildet und bearbeitet. Hier werden die wichtigsten Handlungsempfehlungen kurz dargestellt.

Zur Herstellung der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung sollen beide Bildungsbereiche in gleichen Maßen bei der Verteilung von Ressourcen berücksichtigt werden. So soll die Unterrichtsversorgung an beruflichen Schulen in den nächsten 3 bis 5 Jahren an das Versorgungsniveau der allgemein bildenden Schulen angepasst werden.

Der Ausbau des 9-jährigen Weges zum Abitur führt über die 6-jährige Realschule und das 3-jährige berufliche Gymnasium. Dazu sollen einerseits bereits ab dem nächsten Schuljahr 100 zusätzliche Klassen eingerichtet werden. Andererseits soll darüber hinaus ein weiterer Ausbau der Plätze für Schüler/innen entlang der Bewerberzahlen erfolgen. Ebenfalls bereits 2011/12 sollen die Technischen Gymnasien mit dem neuen Profil „Umwelttechnik“ beginnen. Um die Karriere im Handwerk zukünftigen Abiturienten näherzubringen, soll ein richtungsübergreifendes Fach „Organisation & Führung im Handwerk“ im Wahlbereich entwickelt werden.

Das Berufsvorbereitungsjahr, das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf sowie das Berufseinstiegsjahr sollen mit umfangreichen betrieblichen Lernphasen – im Umfang von zwei Tagen im Betrieb – ausgestaltet werden. Eine mögliche Anrechnung auf eine spätere Ausbildung ist ein wesentliches Anliegen der Enquetekommission. Diese Schüler/innen sollen, auch um Ausbildungsabbrüche zu reduzieren, individuell gefördert und unterstützt werden. Auch eine Ganztagsbeschulung wird empfohlen. Die Kompetenzanalyse „Profil AC an beruflichen Schulen“ soll mittelfristig in allen berufsvorbereitenden Bildungsgängen (BEJ, BVJ, VAB) verpflichtend eingeführt und mit einem darauf aufbauenden individuellen Förderprozess verbunden werden.

Eine zentrale Empfehlung der Enquetekommission bezieht sich auf den Fremdsprachenunterricht in der Berufsschule. Das Fach (berufsbezogenes) Englisch soll einstündig verpflichtend unterrichtet werden. So können alle Teilzeitschüler/innen ihre englischen Fremdsprachenkenntnisse erhalten und ausbauen. Eine weitere Wahlpflichtstunde soll dem (dann aufgehobenen) Ergänzungsbereich entnommen werden können. Die schrittweise Einführung soll bereits 2011/12 starten und bis 2016/17 abgeschlossen sein.

Für leistungsstarke Auszubildende empfiehlt die Enquetekommission ein Angebot an Zusatzqualifikationen. So soll die Fachhochschulreife zumindest teilweise im Rahmen der betrieblichen Arbeitszeit erworben werden. Auszubildende mit mittlerer Reife könnten auf eine Verkürzungsmöglichkeit der Ausbildungszeit verzichten und der Ausbildungsbetrieb gestattet im Gegenzug den Zusatzunterricht während der Arbeitszeit an einem ‚zweiten' Berufsschultag.

Das Konzept der OES ist für die Enquetekommission ein geeignetes Instrument, um die Qualität der berufliche Schulen zu stärken. Sie empfiehlt, das Konzept nach erfolgreicher Erprobung auf die allgemein bildenden Schulen zu übertragen. Auch das Personalausgabenbudget und die Einführung eines Schulverwaltungsassistenten ab 2012/13 für mittlere und große berufliche Schulen sind in den Handlungsempfehlungen enthalten.

Mittel- und längerfristig ist die Beteiligung der beruflichen Schulen im Fort- und Weiterbildungsmarkt bedarfsgerecht so auszubauen, dass keine Doppelinvestitionen verschiedener Bildungsanbieter entstehen.

Weitere Handlungsempfehlungen betreffen z. B. die Themen: Ausbildung im europäischen Kontext, Frauen in MINT-Berufen, Inklusion, Transparenz, Dualisierung berufsvorbereitender Schularten, Seminarkurs in allen Vollzeitschularten, Lehrerausbildung, Werteorientierung an beruflichen Schulen, Pflegeberufe, Ausbildungsbausteine, Qualität der dualen Ausbildung und der überbetrieblichen Ausbildungsstätten.

Hans Gampe

Kommentar

Viele zentrale, zum Teil langjährige Forderungen der GEW wurden berücksichtigt und anerkannt. Der Druck, den die GEW gemacht hat, war erfolgreich und zeigt Wirkung. Aber es bleiben auch Probleme.
Innerhalb des gegliederten Schulsystems in Baden-Württemberg zeigen die Empfehlungen in die richtige Richtung:

  • mehr Durchlässigkeit durch den quantitativen und qualitativen Ausbau der beruflichen Gymnasien,
  • Fremdsprache Englisch als verpflichtendes Fach in der Teilzeitberufsschule
  • die Erhöhung der Attraktivität der dualen Ausbildung durch die berufsbegleitende Zusatzqualifikation Fachhochschulreife. Damit wird der 'Sackgassencharakter' der dualen Ausbildung im Falle einer Nichtübernahme durch den Betrieb am Ausbildungsende endlich aufgehoben.

Das hört sich zunächst gut an – vor der Landtagswahl. Aber: Die Umsetzung ist ressourcenintensiv: neue Klassen, neues Pflichtfach, zweiter Berufsschultag wegen der Zusatzqualifikation. Und was passiert mit den KM-Planungen angesichts der jetzt schon miserablen Unterrichtsversorgung, der enormen Bugwelle und dem Sparprogramm der Landesregierung mit dem „Zwangsvorgriffsstundenmodell“? An den beruflichen Schulen sind 2012 und 2013 980 Stellen mit sogenannten „kw-Vermerken“ versehen und können von der Landesregierung zu den jeweiligen Zeitpunkten gestrichen werden.

Die Handlungsempfehlungen der Enquetekommission sind leider zum größten Teil nur unverbindliche Empfehlungen und lassen sich nur mit zusätzlichen Ressourcen umsetzen - und das ist des Pudels Kern.

Hans Gampe

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