zur Startseite
Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2008 - Juni 2008 - Berufliche Schulen

Berufliche Schulen

(b&w 6/08
Seite 32)

Seitenabschnitte:
GEW-Forderungen

Berufliche Gymnasien: Kein verschärfter „Numerus Clausus“

Berufliche Schulen: Alle Jahre wieder: Viele Bildungswillige – v. a. Realschüler – müssen im Herbst vor der Tür bleiben. Grund für die Ablehnung der Bewerber: Die Kapazitäten der beruflichen Gymnasien sind zu gering. Die GEW fordert Ressourcen für die Bildung zusätzlicher Klassen.

Der Ausbau der Klassen an beruflichen Gymnasien erfolgt, entgegen den Beteuerungen des Kultusministeriums (KM), nicht bedarfsgerecht und hinkt der Nachfrage weit hinterher. Den Klagen über den zukünftigen Fachkräftemangel muss durch die Einrichtung von zusätzlichen Klassen an beruflichen Gymnasien begegnet werden.

Wie läuft das Aufnahmeverfahren?

Als Aufnahmevoraussetzungen für die beruflichen Gymnasien gelten:

  • der Realschulabschluss, der gleichwertige Bildungsstand der Klasse 10 der Hauptschule oder die Fachschulreife, wobei ein Durchschnitt in Deutsch, Mathematik und Fremdsprache von mindestens 3,0 und in jedem der Fächer mindestens die Note „ausreichend“erreicht werden muss.
  • die Übergangsmöglichkeiten aus den allgemein bildenden Gymnasien.

Wenn mehr bildungswillige Bewerber die Aufnahmekriterien erfüllen als Plätze vorhanden sind, muss ein Auswahlverfahren durchgeführt werden. Dabei werden 95 Prozent der Plätze nach der Notenrangfolge vergeben (die restlichen 5 Prozent nach außergewöhnlichen Härtefällen). Die Bewerber/innen müssen einen „verschärften Numerus Clausus“ schaffen und brauchen z. B. einen Durchschnitt von 2,6 2,3 oder noch besser.

Welcher Härtefall zum Zug kommt, entscheidet ein Auswahlausschuss, dem der Schulleiter und vier vom Schulleiter beauftragte Lehrkräfte angehören. Wer seinen Aufnahmeantrag erst nach dem Aufnahmestichtag (1.3.) abgegeben hat, wird erst berücksichtigt, wenn die rechtzeitig eingegangenen Aufnahmenanträge beschieden oder zurückgenommen sind. Mehrfachbewerber werden mit den benachbarten Schulen abgeglichen und zugewiesen. Nach den Meldungen der abgeglichenen Bewerberzahlen an das Regierungspräsidium (RP) teilt das Regierungspräsidium die genehmigte Klassenbildung den Schulen mit.

Da die Bewerbungen auf der Basis der Halbjahreszeugnisses erfolgen und sich durchaus Differenzen zu den Abschlüssen am Schuljahresende ergeben können, sind die Mitteilungen an die Bewerber nur vorläufig. Für die Bewerber/innen entsteht große Unsicherheit: Sie wissen nicht, ob sie an den beruflichen Gymnasien aufgenommen worden sind. Andere Bewer-ber/innen, die eine vorläufige Absage trotz erfüllter Aufnahmekriterien erhalten haben, werden entsprechend „beraten“: „Gehen Sie auf ein Berufskolleg, bewerben Sie sich um einen dualen Ausbildungsplatz!“ Hier stiehlt sich die Landesregierung aus ih-rer Bildungsverantwortung nach Schulgesetz § 1, in dem es heißt: „… dass jeder junge Mensch […] das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung hat …“.

Entwicklung der beruflichen Gymnasien

Die Schülerzahl an beruflichen Gymnasien ist in Baden-Württemberg bis zum Schuljahr 2007/8 auf 45.434 Schüler/innen gewachsen, was einer Zunahme um 8,8 Prozent entspricht. Dies ist auf die Einrichtung von wenigen Parallelklassen und neuen Standorten für Technische Gymnasien zurückzuführen. Die Zahl der Bewerber hat sich dagegen im gleichen Zeitraum um 20,9 Prozent erhöht.
Einen Teil des Unterschieds kann man mit Mehrfachbewerbungen erklären – aber nicht die ganze Differenz. Hier sind auch die endgültig abgelehnten bildungswilligen Bewerber enthalten und diejenigen, die z.B. mit dem Berufskolleg vertröstet worden sind.

Kultusminister Helmut Rau meint dazu in der Landtagsdrucksache 14/2617: „Somit konnte in den vergangenen Jahren nahezu allen interessierten und entsprechend qualifizierten Jugendlichen mit mittlerem Bildungsabschluss auch ein Schulplatz an einer weiterführenden Schule (berufliches Gymnasium oder Berufskolleg) vermittelt werden.“ Er bestätigt damit: Es konnten nicht alle Bewerber/innen an den öffentlichen beruflichen Gymnasien aufgenommen werden. Einige Bewerber/innen werden auf andere Schularten vermittelt. Die These des KMs „Kein Abschluss ohne Anschluss“ trifft nicht für alle Schüler/innen zu. Zu viele Bewerber/innen mit Abschluss haben keinen Anschluss in ihrem Bildungswunsch. Ein Teil der Bewerber/innen für die öffentlichen beruflichen Gymnasien wird in die kostenpflichtigen privaten beruflichen Gymnasien verdrängt.

Beispiele aus Südwürttemberg

Die Misere der voraussichtlich nicht aufgenommenen Bewerber/innen kann nur schlaglichtartig belegt werden. An nur fünf Schulen in Südwürttemberg summiert sich deren Zahl auf 841. Deutlich wird: Es fehlen zusätzliche Klassen an den beruflichen Gymnasien in Südwürttemberg.
Am Beispiel Reutlingen lässt sich konkretisieren, wie viele Klassen zusätzlich an den beruflichen Gymnasien eingerichtet werden sollten. Den 551 Bewerber/innen stehen 320 Schulplätze gegenüber. 231 Bewerber/innen können nicht aufgenommen werden. Falls sich diese Zahl aufgrund der Mehrfachbewerbungen um 50 Prozent (geschätzt) reduziert, bleiben noch 115 Bildungswillige. Um sie versorgen zu können, wären allein in Reutlingen vier zusätzliche Klassen an den beruflichen Gymnasien erforderlich. Wahrscheinlich sieht die Situation in den anderen Regierungspräsidien ähnlich aus.

SchuljahrSchülerentwickl. an berufl. GymnasienEntwickl. d. Bewerber zum Anmeldestichtag 1.3. an berufl. Gymnasien
2004/541.865Differenz:23.557Differenz:
2007/845.434+ 8,8 %28.488+ 20,9 %

Europa- und bildungspolitische Dimension

Fast wöchentlich beklagen Vertreter der Wirtschaft den zunehmenden Fachkräftemangel und die vielen Millionen Euro, die der Wirtschaft verloren gehen, weil z. B. nicht genügend Ingenieure die eingegangenen Aufträge bearbeiten können. Bereits 2002 hat die Kultusministerkonferenz festgestellt: „Die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft hängt entscheidend von einem hohen Qualifikationsniveau ab. Höhere Anforderungen des Arbeitsmarktes erfordern verstärkte Anstrengungen, junge Leute an die Hochschulen zu holen.“

Eine OECD-Studie stellt fest, dass Deutschland bei den Studienanfängern pro Jahrgang bei etwas üer 30 Prozent liegt. Der Durchschnitt der OECD-Länder liegt dagegen bei 44 Prozent. In Baden-Württemberg sind es etwa 38 Prozent und damit immer noch unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Wir sind also von einer Spitzenstellung, von einem „Championsleague-Platz“, sehr weit entfernt.

Hans Gampe
Stellv. Landesvorsitzender

SchuleBewerber zum 1.3.08voraussichtl. aufgenommenvoraussichtl. nicht aufgenommen
Berufliche Gymnasien Ravensburg781380401
Wirtschaftsgymnasium Reutlingen277150127
Berufliche Gymnasien Wangen500291209
Laura-Schradin-Schule Reutlingen1349242
Technisches Gymnasium Reutlingen1407862
Summe841

GEW-Forderungen

GEW-Forderungen in einem Brief an das Kultusministerium

  • Erfüllung des Bildungsauftrags des Schulgesetzes – auch an den beruflichen Gymnasien.
  • Präzises Zahlenmaterial über die Zahl der voraussichtlich und endgültig nicht aufgenommenen Bewerber an beruflichen Gymnasien.
  • Erhöhung der Zahl der Studienanfänger mindestens auf OECD-Durchschnitt, um dem zukünftigen Fachkräftemangel frühzeitig vorzubeugen.
  • Bereitstellung von Ressour-cen zur Bildung zusätzlicher Klassen an beruflichen Gymnasien - es darf keine abgelehnten bildungswilligen Bewerber/innen geben.
  • Kein Abschieben von Bildungswilligen in die kostenpflichtigen privaten beruflichen Gymnasien.

SucheHilfeEmailSitemapDruckversion
Suche,Hilfe,Email,Sitemap