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 | (b&w 6/08 Seite 20)
| Sind die Jungen die Verlierer der Koedukation?
Bildungsforschung: Die Koedukation, die gemeinsamen Beschulung von Mädchen und Jungen, ist historisch als Gewinn auf dem Weg zur Chancengleichheit im Bildungssystem zu verstehen. Heute muss sich die Koedukation jedoch der Kritik stellen, in vielen Punkten zu einer Ungleichbehandlung der Geschlechter beizutragen.
Aus zahlreichen Befunden der Koedukationsforschung seit den 80er Jahren wird ersichtlich, dass in der Schule trotz eines auf individuelle Förderung und Chancengleichheit festgelegten Erziehungs- und Bildungsauftrags die beiden Geschlechter ungleich behandelt werden.
Aus Interaktionsstudien im Klassenzimmer beispielsweise (z.B. Enders-Dragässer 1989) geht hervor, dass Lehrkräfte etwa zwei Drittel ihrer Aufmerksamkeit im Unterricht den Jungen widmen, ein Drittel den Mädchen. Dabei sind die Aufmerksamkeiten für die Jungen häufig negativ: Schimpfen, Ermahnen etc. Dies ist bei den Mädchen seltener.
Die für das Lernen relevante Aufmerksamkeit der Lehrkraft ist nicht gerecht verteilt, Mädchen kommen zu kurz. Da jedoch häufig die Ansprache an die Jungen mit abwertenden Impulsen einhergeht, die – gerechtfertigt oder nicht – von ihnen als Negativimpulse erlebt werden, sind auch sie nicht besser gefördert. Oder anders gesagt, sie erhalten mehr Markierungen als „Störer“ und nicht die nötigen Impulse zum Aufbau eines sozial konstruktiven Verhaltens.
Die Koedukationsforschung offenbart, dass in schulischen Strukturen und Interaktionen, in Lehr- und Lernmedien und inhaltlichen Themen stereotype Geschlechtervorstellungen vorherrschen. Sie erschweren es Schülerinnen und Schülern, breite, nicht an das Geschlecht gebundene und für die vielfältigen Anforderungen gesellschaftlichen Lebens notwendigen Kompetenzen zu entwickeln. Die koedukative Praxis folgt sozusagen nicht nur dem offiziellen, sondern auch einem ungeschrieben, aber sehr virulenten heimlichen Lehrplan.
Das bedenkliche Fazit ist: Die Schule stellt den Mädchen tendenziell Hürden bei der Entwicklung eines starken Selbstvertrauen auf und begrenzt indirekt ihre Berufswahlmöglichkeiten. Den Jungen erschwert sie den Aufbau sozialer Kompetenzen und eine erfolgreiche Leistungserbringung, was nicht weniger kritische Folgen hat. Derzeit werden jedoch vor allem Fakten in der Öffentlichkeit ausgebreitet, die dafür sprächen, die Jungen als die Verlierer der Koedukation zu beurteilen. So stellen bspw. die Jungen den größeren Anteil in Schularten mit niedrigeren Abschlüssen, mehr Jungen als Mädchen verlassen die Schule ohne Abschluss, PISA weist ihnen eine deutlich schwächere Leseleistung aus, ihre Abiturnoten sind im Durchschnitt niedriger, sie sind in öfter Opfer von Gewalt unter Schülern und sie werden häufiger bestraft. Aber deshalb kann man noch nicht pauschal auf männliche Verlierer schließen.
Zwar lernen mehr Jungen in Schularten mit niedrigeren Abschlüssen. Letztlich erhalten jedoch die Mädchen mit Hauptschulabschluss seltener Ausbildungszusagen, in den von Jungen gewählten Ausbildungsberufen sind die Vergütungen höher und nach der dualen Ausbildung werden mehr junge Männer als Frauen direkt übernommen. Wohl zeigen Jungen bei PISA eine schwächere Leseleistung, dafür jedoch stärkere Leistungen in Mathematik, Physik und Chemie. Wohl erreichen Jungen schlechtere Durchschnitte im Abitur, aber gleich viele Männer wie Frauen studieren und junge Männer wenden sich einem breiteren Studienfachangebot zu. Sie erreichen selbstverständlicher und öfter Aufstiegspositionen und verdienen dort mehr im Vergleich zu Kolleginnen.
Wohl sind Jungen in deutlich höherem Maße Opfer in schulischen Gewaltszenarios, sie stellen jedoch auch den größten Anteil unter den Tätern. Der Anteil der Mädchen ist statistisch nach wie vor vernachlässigbar gering. Neben dieser breiten Befundlage der Koedukationsforschung ist bei Überlegungen zu Gewinnern und Verlierern der Koedukation überdies mit zu bedenken, dass die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts kaum geringer sind als die zwischen den Geschlechtern. So kann auf die Frage: „Sind die Jungen die Verlierer der Koedukation?“ vor dem derzeitigen Forschungsstand nur differenzierend geantwortet werden: „Sie sind es nicht mehr oder weniger als die Mädchen, nur in anderer Hinsicht und nicht alle in gleichem Maße.“
Literatur: - Kreienbaum, Maria Anna / Urbaniak, Tamina (2006): Jungen und Mädchen in der Schule. Konzepte der Koedukation. Berlin - GEW (2007): Eine Schule für Mädchen und Jungen. Praxishilfe mit Unterrichtsentwürfen für eine geschlechtergerechte Bildung. Frankfurt - Stürzer, Monika/Roisch, Henrike/Hunze, Annette / Cornelißen, Waltraud (2003): Geschlechterverhältnisse in der Schule. Opladen - Budde, Jürgen/Scholand, Barbara/Faulstich-Wieland, Hannelore (2008): Geschlechtergerechtigkeit in der Schule. Weinheim - Pickering, Jon (2005): Wie das Lernen Jungen erreicht. Mülheim an der Ruhr |
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