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Editorial Dezember

(b&w 12/07
Seite 3)



Weitere Infos:
www.gew-bw.de/PM_8107_
PISA.html

Über PISA seriös diskutieren

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserin, lieber Leser,

nicht alle Jahre wieder, sondern im Drei-Jahres-Rhythmus werden wir derzeit mit den neuesten PISA-Ergebnissen überrascht. Allerdings ist der Überraschungseffekt nicht mehr wirklich riesengroß. Kein Wunder also, dass sich sowohl die Medien als auch die Politikerinnen und Politiker, allen voran die verantwortlichen Ministerinnen und Minister, allzu gerne auf oberflächliche Ergebnisse und Rankings stürzen. Eine differenzierte Betrachtung und Bewertung wird dadurch natürlich erheblich erschwert.

Verschärft wurde die Situation in diesem Jahr noch dadurch, dass fast zeitgleich mit PISA III die neueste Grundschul-Leseuntersuchung (IGLU) und der erste Bildungsbericht Baden-Württemberg „auf den Markt“ gebracht wurden. Folglich hat der baden-württembergische Kultusminister seine Möglichkeiten genutzt, aus jeder Studie das herauszupicken, was für ihn und seine Politik positiv erscheint. Aber bleiben wir bei den Fakten:

  • Tatsache ist, dass die Lesekompetenz in den deutschen Grundschulen deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt. Das belegt die neueste IGLU-Studie.
  • Tatsache ist aber auch, dass PISA III feststellt, dass es bei der Lesekompetenz und in Mathematik bei den 15jährigen so gut wie keine Fortschritte gab. In diesen beiden Kompetenzbereichen sind deutsche Schülerinnen und Schüler nach wie vor eher Mittelmaß.
  • Lediglich bei den Naturwissenschaften schnitten die Jugendlichen etwas besser ab als vor drei Jahren.
  • Das größte Problem unseres Bildungssystems ist und bleibt aber, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischer Leistung so eng ist wie in keinem anderen vergleichbaren Land.

Wenn aus diesen Befunden Rückschlüsse auf die Schulstruktur gezogen werden, so ist das eigentlich logisch und nachvollziehbar. Völlig unangemessen ist deshalb die Reaktion von Kultusminister Rau und einigen seiner Kolleginnen und Kollegen, die lautstark den Rücktritt des PISA-Koordinators Andreas Schleicher gefordert haben.

Genau so inakzeptabel sind Überlegungen der Kultusministerkonferenz, dass sich Deutschland von den internationalen Schulleistungsvergleichen verabschiedet nach dem Motto, dass unangenehme Wahrheiten am besten dadurch aus der Welt geschafft werden, indem man sie ignoriert oder völlig ausblendet. Viele scheinen sich in die Zeit zurückzusehnen, als jeder/jede behaupten konnte, wir hätten das beste Schulsystem der Welt, und alle haben es geglaubt. Heute wissen wir, dass dem nicht so ist.

Unabhängig davon, wie man zu internationalen Schulleistungsvergleichen wie IGLU und PISA steht, an einer Erkenntnis kommt niemand vorbei: Seit es diese gibt und sich Deutschland beteiligt, ist nicht nur offensichtlich geworden, dass bei uns mehr in Bildung investiert werden muss, sondern auch, wo die Schwachstellen des Systems liegen.

Ob daraus aber immer die richtigen Konsequenzen gezogen werden, steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall aber hat insbesondere PISA die inhaltliche Diskussion um die Qualität unserer Schulen und die bestehenden Rahmenbedingungen belebt. Und das ist gut so!

Anstatt sich selbst auf die Schultern zu klopfen und andere zu beschimpfen, sollten die Kultusminister dafür sorgen, dass endlich eine seriöse und differenzierte Diskussion nicht nur über IGLU und PISA, sondern auch über die Schulstruktur ermöglicht wird.

Die GEW jedenfalls wird beides tun – IGLU und PISA differenziert betrachten und dafür sorgen, dass die Schulstrukturdebatte weiter auf der Tagesordnung bleibt mehr dazu)
Bei unserem Bildungskongress am 24. November 2007 in Ludwigsburg (s. Seite 11) haben wir dies bereits ausführlich getan. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Beeindruckend dabei ist, dass sich an dieser Diskussion immer mehr Menschen und Organisationen beteiligen und die Zustimmung zu längerem gemeinsamen Lernen kontinuierlich wächst (s. Seite 5, Ergebnis der November-Umfrage). Das ist die gute Nachricht zum Ende des Jahres 2007.

Für die bevorstehenden Feiertage und den Jahreswechsel wünsche ich allen Kolleginnen und Kollegen die verdiente Ruhe und Erholung sowie alles Gute für das Jahr 2008.

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