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Editorial Juli/August

(b&w 7-8/10
Seite 3
Editorial)



Kinderland macht Bildungspolitik in der 2. Liga

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserin, lieber Leser,

mit großem Jubel hat das Kultusministerium die baden-württembergischen Ergebnisse im ersten Ländervergleich der KMK-Bildungsstandards gefeiert (s. Seite 7). Nicht der bisherige internationale PISA-Vergleich, sondern die Bundesländer standen hier in der Konkurrenz. Es wurde also innerhalb der 2. Liga eine neue Messlatte aufgelegt. Grund für Jubel gibt es für das zusammen mit Bayern vorne liegende Baden-Württemberg nicht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Seit PISA 2000 gibt es in der Lesekompetenz keine substanziellen Verbesserungen, sondern sogar geringfügige Verschlechterungen. Außerdem: Die Chancen von Kindern mit Migrationshintergrund haben sich nicht verbessert. Das gute Ergebnis im Lese-Ländervergleich nützt Kindern nichts, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft eine 6,6 mal geringere Chance haben, ins Gymnasium zu kommen als Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern. Der Südwesten ist Spitzenreiter in Sachen Ungerechtigkeit und braucht dringend stimmige pädagogische Konzepte statt 1000 verschiedene Projekte.

Es nützt einfach nichts, die Schulen ständig mit Tests und Leistungsvergleichen zu überziehen, wenn daraus keine Schlussfolgerungen gezogen werden können, weil das Personal und die Mittel für individuelle Förderung fehlen. Individuelle Förderung braucht in Sachen Diagnose- und Förderkompetenz gut ausgebildetes und motiviertes Personal, genügend Zeit und förderliche Lernumgebungen. Systematische Leseförderung wurde in den vergangenen 10 Jahren versäumt. Über 100 Leseprojekte wurden in den Bundesländern gestartet. Eine repräsentative Online-Befragung der GEW unter Lehrkräften ergab, dass drei Viertel diese Projekte gar nicht oder nur vom Hörensagen kennen. Offenbar wurde versäumt, die Lehrer/innen entsprechend fortzubilden und die Konzepte bekannt zu machen – kein Wunder, wenn Lehrerfortbildungsmittel seit Jahren gekürzt werden.

Im September erst will die KMK eine Länderumfrage starten, um herauszufinden, ob die Bildungsstandards bereits im Unterricht angekommen sind. Man darf gespannt sein, wie die KMK ihre jetzt vorgestellten Ländervergleichsergebnisse interpretiert, wenn die Septemberumfrage das Nichtankommen im Unterricht ergeben sollte. Schließlich behauptet das Kultusministerium, die Konzentration auf die Qualität von Unterricht und Schule in den vergangenen Jahren zahle sich aus.

Es trifft zu, dass in Baden-Württemberg fast die Hälfte der Schüler/innen über berufliche Schulen ihre Hochschulreife erwirbt. Die hohe Zahl ist aber ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Entscheidung über das Sortieren am Ende der 4. Klasse falsch ist. Außerdem erhalten viele Schüler/innen, obwohl sie die Voraussetzungen erfüllen, keinen Schulplatz am beruflichen Gymnasium.

Was passiert jetzt? – Es wird ein Expertenrat zur gezielten Förderung bildungsferner Kinder eingerichtet. Abzuwarten bleibt, was der Expertenrat empfiehlt und was das Kultusministerium dann umsetzt. Für die GEW liegen die Handlungsnotwendigkeiten klar auf dem Tisch:

  • Konsequenter Ausbau der frühkindlichen Bildung mit einer Verbesserung der personellen Ausstattung in den Kindergärten, die die verbindliche Umsetzung des Orientierungsplans ermöglichen.
  • Ganztagsschulen mit professionell gestalteten Angeboten und Strukturen, die Schulsozialarbeit beinhalten.
  • Zeit und Qualifizierung des pädagogischen Personals für eine Zusammenarbeit mit dem Elternhaus, die Eltern unterstützt und einbindet.
  • Ein Ende der Selektion nach Klasse 4, weil sie insbesondere schwachen Schüler/innen die Chance der Weiterentwicklung nimmt.

Mit kollegialem Gruß
Ihre
Doro Moritz

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