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Editorial Juni 2007

(b&w 6/07
Seite 3)



Lösung der Schulstruktur–Probleme jetzt!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserin, lieber Leser,

selten hat eine regionale Initiative so viel Staub aufgewirbelt wie der Offene Brief der 96 Schulleiterinnen und Schulleiter aus Oberschwaben zur Zukunft der Hauptschule und damit auch des gegliederten Schulsystems in Baden-Württemberg (siehe Titelthema ab Seite 14 in dieser Ausgabe).

In seltener Klarheit haben die Expertinnen und Experten vor Ort die Schwachstellen der bestehenden und über Jahrzehnte zum Tabu erklärten Schulstrukturen offen benannt und Lösungen gefordert. Dass diese Initiative ihren Ursprung ausgerechnet in einem eher konservativen Landstrich hatte, ist bemerkenswert; es zeigt aber, wie sehr den Schulleiterinnen und Schulleitern – und natürlich auch den Lehrerinnen und Lehrern – das Problem unter den Nägeln brennt. Kein Wunder, dass es deshalb viel Unterstützung und Solidarität für die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Offenen Briefes gab und gibt – auch von Einzelpersonen und Organisationen, von denen man dies nicht von vornherein erwartet hätte.

Die Reaktion der politisch Verantwortlichen innerhalb der Regierungsparteien dagegen war alles andere als angemessen. Unabhängig davon, ob Kultusminister Rau nun tatsächlich mit Disziplinarmaßnahmen gedroht hat oder nicht – allein die Tatsache, dass die vier Initiatoren zum Dienstgespräch ins Regierungspräsidium Tübingen einbestellt worden sind, ist kein Zeichen von Souveränität im Umgang mit kritischen Geistern. Dem Kultusminister sei deshalb ins Stammbuch geschrieben: Wer eigenständige Schulen will, muss auch kritischen und selbstbewussten Schulleiterinnen und Schulleitern mit Respekt und Dialogbereitschaft begegnen.

Auch inhaltlich hat der verantwortliche Minister wahrlich nicht geglänzt. Kein einziges neues und schon gar kein überzeugendes Argument zur Erhaltung der bestehenden Schulstruktur war zu hören. Schuld an der Misere sei nicht die Struktur, sondern die mangelnde Akzeptanz der Hauptschule in der Gesellschaft. Deshalb – so der vereinigte Chor der konservativen Ideologen – müsse die Hauptschule aufgewertet und ihr ein „Fitnessprogramm“ verabreicht werden. Aus Sicht unserer Kolleginnen und Kollegen an den Hauptschulen ist das nichts anderes als eine Provokation, denn schließlich wird die Hauptschule seit ihrem Bestehen – also seit 40 Jahren – permanent aufgewertet. Die Übertrittsquote ist ja auch von 60-70 Prozent Ende der sechziger Jahre auf inzwischen 28 Prozent gesunken.
Dass Kultusminister Rau nicht mehr einfällt, als mit den ideologischen Kampfbegriffen der siebziger Jahre – „Einheitsschule“ und „Gleichmacherei“ – um sich zu werfen, ist ebenfalls ein Beleg dafür, dass die guten Argumente fehlen.

Auch der Philologenverband, der sich gerne als Interessenvertretung des Gymnasiums aufspielt, haut in dieselbe Kerbe und plädiert für die Stärkung der Hauptschule – einfach rührend. Unter der Überschrift „Wir wollen das Gymnasium erhalten – Sie auch?“ ziehen die Damen und Herren des Philologenverbandes auf einem intellektuellen Niveau vom Leder, wie man es von Akademikerinnen und Akademikern, denen wir unsere Kinder anvertrauen, eigentlich nicht erwarten würde.

Deshalb kommt es jetzt darauf an, dass die Debatte versachlicht wird. Die ideologisch motivierte Abwehr jeglicher Veränderung führt nicht weiter und hilft den betroffenen Kindern nicht. Die Landesregierung und die Koalitionsparteien müssen sich bewegen, und zwar bevor vollends alles zu spät ist.

Der Offene Brief aus Oberschwaben hat viel bewirkt. Und das ist gut so.


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