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Editorial Mai 2007

(b&w 5/07
Seite 3
Editorial)



Ausbildungsplätze jetzt!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserin, lieber Leser,

Das Trauerspiel wiederholt sich von Jahr zu Jahr – auch zum Schuljahresende 2007 wird es wieder Tausende Jugendliche geben, die ohne Ausbildungsplatz dastehen und die allgemein bildenden Schulen als „Verlierer“ verlassen.

Schlimmer noch: In Presse, Rundfunk und Fernsehen lesen, hören und sehen die jungen Menschen, dass es angeblich gar kein Ausbildungsplatzproblem gibt, sondern dass es nur an ihnen liegt und sie entweder nicht flexibel genug oder eben nicht „ausbildungsreif“ sind.

Was muss in einem jungen Menschen vorgehen, der neun oder mehr Jahre die Schule besucht hat und jetzt Tag für Tag zu spüren bekommt, dass er nicht gebraucht wird?
Jahr für Jahr werden die statistischen Zahlen so hingebogen, dass der Eindruck entsteht, alle Jugendlichen hätten die Chance auf einen Ausbildungsplatz im dualen System. Landesregierung und Verbände der Wirtschaft schließen –voraussichtlich im Juni – einen Ausbildungspakt, der vorgibt, es sei doch gar nicht so schlimm, wenn sich alle nur ein bisschen anstrengen.

Niemand bestreitet, dass die Kammern und viele Unternehmen große Anstrengungen unternehmen, mehr Ausbildungsplätze bereit zu stellen. Dennoch bleiben die beiden Hauptprobleme:

  • Die Zahl der Schulabgängerinnen und -abgänger steigt seit Jahren; die Zahl der Ausbildungsplätze dagegen ist in den letzten Jahren eher zurückgegangen – 2006 waren es 4 Prozent. Nach der Modellrechnung der Agentur für Arbeit sind in Baden-Württemberg im Jahr 2007 rund 8.000 zusätzliche Lehrstellen notwendig, um sicher zu stellen, dass alle Bewerberinnen und Bewerber einen Ausbildungsplatz erhalten. Denn zu den neuen Bewerberinnen und Bewerbern kommen so genannte „Altbewerber“ hinzu, die in dem zurückliegenden Schuljahr eine berufsvorbereitende Maßnahme der beruflichen Schulen bzw. der Arbeitsagentur besucht haben.
  • Selbst in Baden-Württemberg bilden nur noch 28 Prozent der Betriebe aus – aber alle Unternehmen profitieren bekanntlich von gut ausgebildeten Fachkräften. Wenn also qualifizierte Berufsausbildung langfristig gesichert werden soll, müssen auch die Unternehmen an der Finanzierung beteiligt werden, die nicht ausbilden.
    Die Leidtragenden in diesem Verdrängungswettbewerb um die knappen Ausbildungsplätze sind insbesondere die Schulabgänger aus Haupt- und Förderschulen, die immer öfter auf der Strecke bleiben. Aber auch die Lehrerinnen und Lehrer belastet die Situation zunehmend. Trotz großen Engagements und überdurchschnittlichen Anstrengungen wird ihnen immer deutlicher, dass sie die Jugendlichen letzten Endes in eine Zukunft ohne berufliche Perspektive entlassen.

Natürlich wissen auch wir, dass der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung für immer mehr Jugendliche sehr schwierig ist. Es darf aber nicht sein, dass die Verantwortung dafür einzig und allein den Betroffenen aufgebürdet wird.

Die GEW und die Gewerkschaften des DGB können und wollen sich mit dieser Entwicklung nicht abfinden. Deshalb laden wir Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern für den 20. Juni 2007 zu einem „Wandertag der politischen Bildung“ nach Stuttgart ein (siehe ausführliche Informationen auf Seite 5). Wir wollen das Problem öffentlich machen und der Lehrstellenmisere „ein Gesicht geben“.

Ich würde mich freuen, wenn diese Aktion eine möglichst breite Resonanz finden würde.

Mit kollegialen Grüßen
Ihr
Rainer Dahlem

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