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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2010 - April 2010 - Frühe Bildung

Frühe Bildung

(b&w 4/10
Seite 37f.)

Neue Pädagog/innen braucht das Kinder-Land

Frühe Bildung: Zum Ende des Wintersemester 2009/2010 haben die ersten Studierenden eines Studienganges für Frühe Bildung die Hochschule verlassen, leider ist dies für sie nicht nur ein Grund zur Freude, denn vieles ist noch völlig ungeklärt.

Die Hochschulausbildung für Erzieher/innen ist eine langjährige und grundlegende Forderung der GEW seit ihrem Beschluss auf dem Gewerkschaftstag 1993 „Erzieher/innenausbildung an die Hochschule“. Damit gehört die GEW zu den Vorreitern, die diese Forderung in den letzten Jahren immer wieder in die Diskussion und als Motor inhaltlich wie strukturell voran gebracht hat.

Auch in Baden-Württemberg gibt es seit einigen Jahren Studiengänge zur „Frühen Bildung“. Inzwischen gibt es Studienmöglichkeiten u.a. an den Pädagogischen Hochschulen Heidelberg, Karlsruhe, Freiburg, Weingarten, Schwäbisch Gmünd, Ludwigsburg, letztere in Kooperation mit der Evangelischen Fachhochschule Ludwigsburg-Reutlingen. Weiterhin kann an verschiedenen Fachhochschulen, wie z.B. an der Katholischen und Evangelischen Fachhochschule Freiburg, der Fachhochschule Esslingen und auch an der Berufsakademie in Stuttgart studiert werden.

So erfreuliche diese Vielfalt der Studiengänge ist, so problematisch ist dies für die Studierenden. Die Hochschulen haben für die Studiengänge unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte entwickelt, was grundsätzlich nicht negativ zu bewerten ist, sondern die Möglichkeit der eigenen individuellen Schwerpunktbildung und Vertiefung ermöglicht. Unsicherheit entsteht durch die unterschiedlichen Benennungen der Studiengänge. „Elementarbildung“, „Frühe Bildung“, Bildung und „Erziehung in der frühen Kindheit“ sind nur einige der Studiengangsbezeichnungen, die es zur Zeit gibt. Im Kontext, der zur Zeit nicht vorhandenen staatlichen Anerkennung der Studienabschlüsse, noch keiner wirklich klaren Berufsbezeichnung und eines klaren Berufsbildes, befürchten die Studenten/innen, dass ihr Einstieg ins Berufsleben schwierig wird und für die Praxis nicht klar ist, welches Profil die Bewerber/innen mitbringen. Der Prozess der Akademisierung der Ausbildung von Pädagogen/innen für die frühe Bildung verläuft unstrukturiert. Die politisch Verantwortlichen wollen sich nicht verständigen und festlegen.

Viele offene Fragen

Die ersten Studienabgänger/innen haben mit Ende des Wintersemesters 2009/2010 gerade die Hochschulen mit einem Bachelor-Abschluss verlassen. Nun zeigt sich das ganze Desaster eines langjährigen Schlingerkurses, den die Bildungspolitik im Land und auf Bundesebene betreibt. War es anfangs in Baden-Württemberg erst politisch nicht gewünscht, die Ausbildung von pädagogischen Fachkräften für Frühe Bildung zu akademisieren, entstanden in den letzten Jahren doch vielfältige Studienmöglichkeiten, mit denen sich die baden-württembergische Bildungspolitik nur zu gerne schmückt.

Neben vielen Fragen zu den unterschiedlichen Inhalten der verschiedenen Studiengänge, bewegen die Studierenden vor allem Fragen mit Blick auf ihre berufliche Zukunft. „Was bin ich denn eigentlich?“ „Als was soll ich mich auf welche Stelle bewerben?“ Beim ersten Treffen von Studierenden im Januar in der GEW-Geschäftsstelle zeigten sich vor allem vier große Problempunkte:

  • Berufsbezeichnung,
  • Staatliche Anerkennung des Studienabschlusses,
  • Eingruppierung,
  • sowie Unsicherheit und Unklarheit als Erste eines neuen Berufsfeldes auf den Arbeitsmarkt zu treffen, der zwar qualifizierte Pädagog/innen dringend braucht, aber nicht drauf vorbereitet ist.

Der/die Kindheitspädagoge/in Argumente für eine neue Berufsbezeichnung

Es gibt bisher keine einheitliche Berufsbezeichnung, die es den Studierenden ermöglicht, sich damit in der Praxis zu bewerben. Die Studierenden der frühen Bildung unabhängig ihres Studienortes verstehen sich nicht als Erzieher/innen, sie beanspruchen für sich eine neue Berufsbezeichnung, die ihre wissenschaftliche Ausbildung und ihren Hochschulabschluss deutlich macht. Hier wird auch die GEW umdenken müssen, denn auch sie hat bisher immer von der Erzieher/innenausbildung an der Hochschule gesprochen.
Welche neue Berufsbezeichnung würde den Wandel einer Berufskultur deutlich machen? Von den Studierenden selbst und auch von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Lehrenden an den Hochschulen wird inzwischen bundesweit der Titel „Kindheitspädagoge/in“ bevorzugt. Eine bundesweit einheitliche neue Berufsbezeichnung ist, so zeigt die Diskussion und die Situation der Studenten/innen, dringend notwendig. Damit kann ein Bewusstsein für dieses neue Ausbildungsprofil geschaffen und zudem die akademische Ausbildung verdeutlicht werden. Dadurch wird auch die Basis für eine angemessene Eingruppierung und Bezahlung geschaffen.

Staatliche Anerkennung der Studienabschlüsse fehlt

Es besteht ebenso große Verunsicherung hinsichtlich der staatlichen Anerkennung. Es gibt unterschiedliche Handhabungen zwischen verschiedenen Studiengängen und -abschlüssen sowie innerhalb der Bundesländer. Die Absolventen/innen der Bachelor- und Masterstudiengänge erhalten im Gegensatz zu den Fachschulabsolventen/innen keine staatliche Anerkennung. Es ist zu befürchten, dass dadurch eine Benachteiligung der Kindheitspädagogen/innen bei der Eingruppierung und bei einem beruflichen Wechsel in ein anderes Bundesland entsteht.

Eingruppierung und Zuordnung im Tarifvertrag

Im Moment erleben die Bewerber/innen mit BA-Abschluss im Kontext „Frühe Bildung“, dass ihr Hochschulabschluss bei der Bewerbung eine nur untergeordnete Rolle spielt. In den vorhandenen Stellenprofilen der pädagogischen Praxis der Jungendhilfeträger und im Tarifvertrag Sozial- und Erziehungsdienst (SUE) innerhalb des TVÖD gibt es keine gesonderte Eingruppierung. Diese hängt immer konkret von der Stelle ab, die zu besetzen ist. Dies kann bei einer Leitungs- oder Fachberatungstätigkeit, eine dem Abschluss angemessene Eingruppierung sein. Schwierig wird es jedoch, wenn es um Stellen in der klassischen Arbeit mit Kindern geht: hier wird den Studienabgänger/innen die Eingruppierung für Erzieher/innen S6 angeboten. Da im Moment die staatliche Anerkennung ein wichtiges Eingruppierungsmerkmal ist und den Erzieher/innen sofort eine Zuordnung in Stufe 2/S6 ermöglicht, entfällt dies bei denen mit BA-Abschluss, so dass diese sogar gegenüber den Erzieher/innen benachteiligt werden.

Aus diesen drei strukturellen Problemen ergibt sich die vierte inhaltliche Fragestellung, die im Gespräch mit den betroffenen Kolleg/innen in einer Mischung aus Ärger und Unsicherheit deutlich zu spüren ist. Es ist paradox, dass einerseits die dringende Notwendigkeit einer Hochschulausbildung für Pädagogen/innen der frühen Bildung gefordert wird und in der Praxis ein Fachkräftemangel droht und gleichzeitig qualifizierte Fachkräfte im Arbeitsfeld keine Beschäftigungsmöglichkeiten vorfinden.

Was ist zu tun?

  • Brief der GEW an das Wissenschafts- und Kultusministerium mit der Aufforderung für eine bundesweit einheitliche Berufsbezeichnung und eine Klärung der staatlichen Anerkennung zu sorgen.
  • Ein Gespräch mit den bildungspolitischen sowie wissenschaftspolitischen Sprecher/innen der Fraktionen im Landtag, um die Situation der Studierenden und Absolventen/innen deutlich zu machen.
  • Ein Gespräch mit dem Städte- und Gemeindetag, als Vertreter/in der kommunalen Träger.
  • Ein Bewerbungscoaching als Angebot der GEW im Rahmen des Projektes Mitgliederwerbung und -bindung.

Erwähnenswert ist ebenso, dass sich neben der inzwischen aktiven Arbeit mit den Studierenden auch ein guter Kontakt durch Gespräche und die geplante Teilnahme am Treffen der Lehrenden an den Studiengängen Frühe Bildung und der GEW entwickelt.

„Ein Beruf erfindet sich neu“ lautete die Überschrift der fünfzehnten Ausgabe der Zeitschrift „Kindheit in Europa“ und die Kernfrage vor der alle stehen. Gelingt es ein neues Berufsbild zu entwickeln, mit einer entsprechenden der Ausbildung, dem Abschluss und der veränderten Praxis gerecht werdenden Berufsbezeichnung? Gelingt es dieses neue Berufsbild in der Praxis zu verankern und mit dem Bestehenden zu verzahnen?

Petra Kilian, Vorstandsbereich
Allgemeine Bildung

Literatur zum Thema Frühe Bildung:
„Früher, schneller, schulischer-besser? Broschüre der GEW Baden-Württemberg 2009 (zu beziehen für 2 Euro per E-Mail: E-Mail-Adresse)
„Erzieherinnenausbildung in der Hochschule“, GEW-Broschüre
„Übersicht über aktuelle Angebote zur Erzieherinnenausbildung an Fachhochschulen und Universitäten“, GEW-Broschüre (beides beziehbar über: www.gew.de).

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