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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2007 - Juli/August 2007 - Frühkindliche Bildung

Frühkindliche Bildung

(b&w 7-8/07
Seite 32)

Seitenabschnitte:
Fotos vom "Tag der frühkindlichen Bildung"

Erzieher/innen wollen Bildungsinitiative

„Tag der frühkindlichen Bildung“: 300 Teilnehmer – überwiegend Erzieherinnen und Erzieher aus ganz Baden-Württemberg – fordern von der Landesregierung Bildung für
0-12-Jährige statt Stückwerk, mehr Qualität und bessere Rahmenbedingungen.

Auf einer GEW-Tagung am 23. Juni in Ludwigsburg forderte Rainer Dahlem, Landesvorsitzender der GEW Baden-Württemberg, dass die Landesregierung ein einheitliches Bildungskonzept für 0-12-jährige Kinder entwickelt. Kritisiert wurde das „Stückwerk“ in der Pädagogik, das durch die unterschiedlichen Konzepte wie den Orientierungsplan und das „Schulreife Kind“ entstehen.

Wie das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln in einer neuen Studie zeige, reiche es nicht, Kindergartenplätze zu schaffen. Vielmehr müsse die ganze Vor- und Grundschulerziehung auf neue Füße gestellt werden, zitierte Rainer Dahlem das Institut.

Naturwissenschaftliche Experimente im Kindergartenalter

Babys und Kleinkinder sind neugierige Forscher. So lieferte der Hauptvortrag von Carina Hesse (3up Kindgerechte Frühförderung, Frankfurt) einen Beitrag, die kindliche Neugier gerade im Bereich der Naturwissenschaften zu fördern und weiterzuentwickeln. Anschaulich erläuterte sie „Fenster der Gelegenheiten“, in dem zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr das Gehirn des Menschen am formbarsten ist. „In dieser Zeit werden die meisten neuronalen Netze angelegt, die das ganze Leben wirksam bleiben.“

Carina Hesse problematisierte dabei auch die hohen Ansprüche an Kinder, die als ineinandergreifende Schwerpunkte der Bildungs- und Erziehungsprozesse formuliert werden: das Ziel seien „starke Kinder“, die „verantwortungsvoll und wertorientiert“ handeln, die „kommunikations- und medienkompetent“ sind, die „aktive Lerner, Forscher und Entdecker“ sind und die „kreative und fantasievolle Künstler“ sind. Man müsse sich klar machen, was da schon von den Kindern erwartet werde.

Das von 3up entwickelte Projekt mit kindgerechten Experimenten gibt Kindern früh die Gelegenheit, ihre naturwissenschaftlichen Begabungen zu wecken und zu entwickeln, ohne sich zu festgelegten Inhalten zu verpflichten.

Bewusstsein für Lernen schaffen

Ziel ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, „dass“ sie lernen, „was“ sie lernen, „wie“ sie lernen. In dem von Carina Hesse entwickelten Versuchen tritt nicht der zu lernende Stoff an erste Stelle, sondern die Kompetenz der Kinder: „Kompetenzpädagogik betrachtet zudem Fehler als natürlichen Bestandteil des Lernens. Fehler darf man machen – man lernt daraus. Das Projekt erzieht Kinder zu einem gelassenen Umgang mit Fehlern.“

Insgesamt soll die lebendige Neugier und der natürliche Entdeckungsdrang der Kinder kanalisiert werden. Durch Spielen, Erkunden, Nachahmen sollen Kinder spielerisch Lernen, vielfältiges Material erkennen, Handlungen ausprobieren, wiederholen und nachahmen. Dabei sollen sie den Umgang mit Naturwissenschaften als erfreulich, wertvoll und abwechslungsreich erleben.

Der „Wert“ pädagogischer Arbeit und Workshops

Im Gegensatz zu den hohen pädagogischen Ansprüchen an die Arbeit von Erzieher/innen, stehen die bevorstehenden Diskussionen um ihre Eingruppierung in die Gehaltstabellen mit den Arbeitgebern: Was sind uns die Erzieher/innen wert?

„In den letzten Jahren sind Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, in Vorleistung getreten: Orientierungsplan, Qualitätsentwicklungsberichte, sie haben sich weiter- und fortgebildet. Sie haben zum Thema Sprache und zur Schuleingangsphase gearbeitet. Sie haben Konzepte der interkulturellen Arbeit entwickelt und teilweise umgesetzt: Jetzt ist die Politik dran zu handeln!“ Dies forderte Norbert Hocke, Leiter des Vorstandsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit beim GEW Hauptvorstand, unter kräftigem Beifall der Teilnehmer/innen. In seinem Vortrag informierte er über aktuelle Entwicklungen der Tarifarbeit für Erzieher/innen und Sozialpädagog/innen. Dabei machte er deutlich, dass Erzieher/innen mehr verdienen, als sie heute bekommen: „Junge Erzieherinnen unter 30 Jahren haben bei einer 39 Stunden-Woche einen Stundenlohn von 12 Euro brutto.“ Und Hocke weiter: „Unter Qualität verstehe ich etwas anderes: Eine Vor- und Nachbereitungszeit von mindestens 8-10 Stunden in der Woche, Gruppengrößen von 15 Kindern im Alter von 3-5 Jahren und 2 1/2 Erzieherinnen, bei 0- bis 3-Jährigen eine Erzieherin für 5 Kinder. Die Freistellung der Leitungskräfte vom regulären Gruppendienst, Zeit für Fort- und Weiterbildung und ein ausgebautes System der Fachberatung.“

Klar ist: Erzieherinnen müssen sich organisieren und für ihre Interessen eintreten, sonst werden sie nicht mehr erhalten. Eine Resolution der GEW lag den Teilnehmer/innen vor, wurde weiter verbreitet und unterschrieben. Diese soll Druck auf Einrichtungen aber auch Gewerkschaften machen, um sich für eine bessere Bezahlung einzusetzen (siehe auch Titelthema). Abschließend meinte Hocke: „Wir sind nicht die Basteltanten der Nation. Wir vermitteln Lebenssouveränität und Identitätsbildung. Wir gestalten Bindungen zwischen Kindern und den Erwachsenen. Familie und Kita sind der Bildungsgrundstein auf dem die anderen Bildungsinstitutionen aufbauen.“

In den anschließenden 14 Workshops konnten u.a. Themen vertieft werden, die für die praktische Arbeit im Kindergarten nützlich sind, wie z.B.: „Psychomotorik – Erfahrung bildet“, „Geschlechtergerechte Arbeit in Kitas“, „Wahrnehmen mit allen Sinnen“, „Stress lass nach – Arbeits- und Gesundheitsschutz“. Aber auch Fragen zur Tarifgestaltung, zu Kooperationsmöglichkeiten mit Grundschulen und dem Rollenverständnis von Leitungen wurden neben weiteren thematisiert.

Fotos vom "Tag der frühkindlichen Bildung"



Carina Hesse von 3up erläuterte im Workshop, wie Experimente mit kleinen Kindern altersgercht durchgeführt werden sollten.



Mit ein bisschen Klezmermusik begeisterten Florian Vogel und Johannes Opper von der Gruppe „fojgl“ das Publikum.



Norbert Hocke vom GEW-Hauptvorstand forderte nachdrücklich eine angemessene – und damit bessere – Bezahlung für Erzieher/innen und Sozialpädagog/innen.





Zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder, wurde ein Tag der frühkindlichen Bildung gemeinsam von allen vier GEW-Bezirken veranstaltet.
Moderiert wurde der Erzieherinnentag von den beiden Vorsitzenden der Fachgruppe, Bettina Plangl und Kalle Paulsen. Organisiert, vorbereitet und durchgeführt haben die Veranstaltung der AK Turmbau (Stuttgart) und der AK Sozialpädagogische Fachkräfte (Karlsruhe), gefördert vom Bildungs- und Förderungswerk der GEW im DGB.

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