 | (b&w 12/07 Seite 23)
Weitere Infos: www.gew-bw.de/ Kindertages- einrichtungen_2.html
| „Kinderleicht lernen“
Frühkindliche Bildung: Am 12. November hatte die Landesregierung in die Liederhalle zu einem Fachkongress eingeladen. In Fachvorträgen und Fachforen wurden verschiedene Aspekte frühkindlicher Bildung beleuchtet. André Dupuis kommentiert die Veranstaltung.
Im Eingangsreferat von Professor Ludwig Liegle machte dieser deutlich, dass Kinder in der frühen Kindheit nicht nur besonders lernfähig, sondern besonders auf Lernen angewiesen sind und sie in dieser Entwicklungsphase ihre eigenen, ganz individuellen Lernstrategien entwickeln. Die Unterstützung dieser selbständigen Lernprozesse ist als die Aufgabe aller Fachkräfte (Erzieherinnen und Lehrkräfte) zu sehen.
Lernen ist als aktive Konstruktionsleistung des Kindes und nicht als Lernen nach dem Trichterprinzip, „oben hinein gefüllt, damit es unten wieder herauskommt“ zu verstehen. Er betonte die Bedeutung des direkten Zusammenhangs von Spielen und Lernen und zwar in der ganzen Vielfalt der kindlichen Spieltätigkeit. Immer noch und weiterhin wird gerade das ja abgewertet, was und wie Kinder in der frühen Kindheit sich über ihre Spielprozesse die Welt erklären. Auch die Frage der Sprachentwicklung ist nicht durch eine gezielte Belehrung oder Trainingsprogramme langfristig zu fördern, sondern durch die Vielfalt von Sprache/n, den hundert Sprachen der Kinder, im Dialog miteinander wie auch in Verbindung mit Bewegungen und Gestik/Mimik zu gestalten.
Es geht eben nicht darum durch „Turbolernprogramme“, wie derzeit auch z.B. durch frühes Fremdsprachenerlernen oder auch einige Sprachförderprogramme praktiziert wird, dann zu einer schnelleren Entwicklung bei den Kindern zu kommen, sondern es geht darum den Kindern die Zeit in der Kindheit für ihre, ganz eigenen Lernprozesse zu lassen und das betrifft ihre individuelle Zeit wie auch ihr Lebensalter. Die frühe Kindheit sei ein eigenständiger Lebensabschnitt mit einem besonderen Charakter, den es auch zu schützen und zu stützen gelte.
Auch wenn Kultusminister Rau dem nicht widersprach, seinen Schwerpunkt auf die individuellen Begabungen und deren Förderungen legte, so gab es trotz zum Teil gleicher Begrifflichkeiten zu dem Vortrag von Prof. Liegle, gravierende Unterschiede, die erst beim genaueren Hinhören deutlich wurden. Rau betonte zwar, dass mit dem Landesmodellprojekt „Bildungshaus“ nicht damit verbunden sein wird, aus den Kindergärten Schulen zu machen. Allerdings hob er die Vorverlagerung der Einschulungsuntersuchungen und die frühe Sprachstandsmessung sowie das Konzept schulreifes Kind hervor. Das steht dann genau einer sich an den Interessen und Fähigkeiten des Kindes orientierenden Pädagogik entgegen und fixiert eher eine frühe Selektion von Kindern.
Aus- und Fortbildungsbedarf wird gesehen
Kinder wirklich in all ihrem Tun ernst zu nehmen und eben überhaupt erst einmal wahrzunehmen, welche Schätze drin stecken und zwar auch bei Kindern in schwierigeren Lebenssituationen, wäre die Aufgabe für die nächste Zeit und würde das Bildungssystem anschluß- und zukünftsfähig machen. Zu begrüßen ist allerdings, dass Minister Rau immerhin den hohen Bedarf nach Aus- und Fortbildung auch für das Fachpersonal betonte.
Wenn man sich nun den Titel dieser Tagung „kinderleicht lernen“ anschaut, so weist er darauf hin, dass das, was Kinder in den frühen Jahren in der Kindertageseinrichtung tun, vielleicht doch nicht so ganz ernst zu nehmen ist? Keinesfalls gibt der Titel die große Anstrengung wieder, die Kinder überhaupt mit ihren Lernprozessen unternehmen, um sich die Welt zu konstruieren. Der Titel spiegelt auch nicht die Leistung der Fachkräfte wider, die die Kinder in diesen Prozessen begleiten und unterstützen.
Auch wenn man erlebt hat, wie der Kinderliedermacher Wolfgang Hering sich vor dem mitmachenden Publikum produzieren muss, dann meine ich, nimmt man nicht nur die Kinder nicht ernst, sondern auch ebenso wenig die Profession Erzieherin. So sehr sicherlich manche Lieder und Fingerspiele für die Praxis gut sind und dort auch hingehören, auf einer solchen Tagung war das eher deplatziert.
Warum kamen Fachkräfte und Eltern nicht zu Wort?
Ich habe auch nicht verstanden, warum eigentlich ein Schriftsteller, ein Fotograf und eine Künstlerin in der Interviewrunde so im Mittelpunkt stehen mussten und Donata Elschenbroich (DJI) eher am Rande eine Rolle spielte. Wo waren denn die Fachkräfte, die Eltern, vielleicht auch Kinder, die ihre Sicht und vor allen Dingen ihre entwickelte Praxis präsentieren konnten? Genügend davon saßen im Publikum. Aber wahrscheinlich ist es einfach schick sich mit „Exoten“ zu schmücken, die auch noch ein wenig „wunderlich“ sprechen.
Auch wenn die Foren zum großen Teil gut waren und sicherlich noch etwas in die Tiefe gehen konnten, bleibt doch ein etwas „schaler“ Geschmack übrig. Geht die Politik und Teile der Gesellschaft in eine ganz andere Richtung hin zu einem noch mehr an bloßen Funktionen und dem bloßen Endergebnis orientierten Bildungsbegriff oder ist das sich selbstbildende, konstruierende Kind im Mittelpunkt der gemeinsamen pädagogischen Bemühungen in Kindertageseinrichtungen und Schule, das die veränderte Rolle der Fachkräfte mit einschließt?!
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