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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2007 - Oktober 2007 - GEW-Konferenz

GEW-Konferenz

(b&w 10/07
Seite 12f)

Weitere Infos unter:
www.gew-bw.de/
Schularten_3.html

Schulstruktur in Bewegung – Mentalitäten im Wandel?

GEW-Konferenz: Im September 2007 diskutierten in Göttingen viele Experten, wie umfassend eine Reform der Schulstruktur gedacht werden muss. Ute Kratzmeier berichtet.

Die Schulstrukturen, so scheint es, geraten allerorts in Bewegung. Selbst in konservativ regierten Ländern eröffnen sich konkrete Schulmodelle, die längeres gemeinsames Lernen endlich ermöglichen. Bei aller Dynamik darf jedoch eines nicht aus dem Blick geraten: Auch die neuen Schulmodelle, sei es die Stadtteilschule in Hamburg oder die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein, verabschieden sich nicht grundlegend vom „deutschen Denken“, das Bildungspolitik und Schule ohne permanente Auslese nicht für möglich hält. Die GEW hat immer betont, dass allein eine Strukturveränderung nicht hinreichend für eine bessere und eine gerechtere Schule ist.

Bildungsprivilegierte und Lebenswelten

Das Motto der evangelischen Schulen in Deutschland ist „Keiner darf verloren gehen“, denn, so Dr. Jürgen Frank, Leiter der Abteilung Bildung im Kirchenamt der Evangelischen Kirche: „Wer andere verloren gehen lässt, verliert auch sich selbst.“ Mit der herrschenden Klasse ging Dr. Frank hart ins Gericht. So sei die hierarchische Schulstruktur der Ausdruck für das Beharren überkommener Privilegien der Entscheider und Bildungsprivilegierten. Hierbei sei besonders erstaunlich, dass gerade die Generation, die von der Bildungsoffensive der 60er-Jahre profitierte, heute die dadurch erhaltenen Privilegien nur an die eigenen Kinder weitergebe – und dies auch ganz in Ordnung finde. Die Dreigliedrigkeit sei eine bewusst gewollte Kanalisation der Bildung, von der schließlich die spätere berufliche und gesellschaftliche Stellung abhänge. Jedoch „auch für die Bildungsprivilegierten gibt es kein richtiges Leben im Falschen“ und: Ein sozial derart ungerechtes Bildungssystem sei mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar. „Als christlicher Mensch erträgt man es nicht, wenn man selbst satt ist und der andere Hunger hat“, verdeutlichte Jürgen Frank eindrucksvoll.

Eine Schule für alle ist nicht nur eine Frage von Schulstruktur und Unterrichtskultur. Thomas Becker, Leiter der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle Hamm, machte in seiner informativen und unterhaltsamen Darstellung der SINUS-Studie deutlich, dass die unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus – SINUS identifiziert hier zehn Grundtypen – mitunter zu erheblichen Kommunikationsproblemen, auch an Schulen, führen.

Ein Milieu wird dabei durch Ähnlichkeiten in der Lebensweise und Lebensauffassung charakterisiert. In Abhängigkeit von Wertorientierung und Lebensstil gehört ein Mensch beispielsweise zur Gruppe der Konservativen, der Etablierten oder der Genussmenschen. Jede Lebenswelt hat ihr eigenes Welt- und Selbstbild, sieht ihren Lebenssinn– jeweils milieubezogen – mal vor allem in der Freiheit (Hedonisten) mal in gesicherten, harmonischen Verhältnissen (Bürgerliche Mitte). Es sind nach Thomas Becker diese Unterschiede, die das Gespräch zwischen Menschen oftmals ins Leere laufen lassen. Zugespitzt: Was hat die postmaterielle Lehrerin (Aufgeklärtes Nach-68er-Milieu, liberale Grundhaltung, postmaterielle Werte) dem Jugendlichen Konsum-Materialisten (stark materialistisch geprägte Unterschicht, will Anschluss halten an die Konsum-Standards der breiten Mitte als Kompensationsversuch sozialer Benachteiligungen) eigentlich zu sagen? Können Sie einander verstehen? Die SINUS-Studie in der Interpretation von Thomas Becker ist eine echte Sehhilfe für soziale Verhältnisse und trägt dazu bei, die Herausforderung „Eine Schule für alle“ in ihrer ganzen gesellschaftlichen Dimension zu begreifen.

Wie verändert man Mentalitäten?

Strukturen bilden nicht nur objektiv ab, wie Ziele umgesetzt und Prozesse ablaufen sollen. In ihnen drücken sich auch subjektive Vorstellungen, Werte und Einschätzungen über eben diese Umsetzungen aus. Diese zunächst individuell-subjektiven Wertungen generieren, wenn sie ein bestimmtes Niveau der Verallgemeinerung erreicht haben, eine Richtschnur, an der sich die meisten Menschen –meist unbewusst – bei ihrem Denken und Handeln orientieren. Es hat sich dann eine gewisse „Mentalität“ etabliert.

Mats Ekholm, ehemaliger Generaldirektor der schwedischen Schulbehörde, wies aufgrund seiner Erfahrungen mit der schwedischen Schulreform darauf hin, dass es zunächst darauf ankommt, die der Mentalität zugrunde liegenden Wertevorstellungen wieder bewusst zu machen. Dagegen muss dann eine veränderte Praxis gesetzt werden, die wiederum bewirkt, dass diese Werte hinterfragt und ggf. auch verändert werden können.

Am Beispiel der Vorstellung über die grundlegende Idee der Schule zeigte Ekholm einen gelungenen Mentalitätswandel auf: In den letzten Jahrhunderten ging man davon aus, dass in der Schule die Wissenden (Lehrer/innen) ihr Wissen an die Nicht-Wissenden (Schüler/innen) weitergeben. Die Schüler/innen lernen, indem sie dem Lehrer zuhören und dessen Weisungen befolgen. Inzwischen etabliert sich immer mehr die Vorstellung, dass die Schule der Ort ist, in dem Schüler fragen und reflektieren und Lehrer sie dabei unterstützen, fördern, fordern. Dieser Wandel vollzieht sich langsam und ist längst noch nicht abgeschlossen, er scheint jedoch bereits unumkehrbar.

In Schweden hatte man sich in den 50er- und 60er-Jahren zu einem umfassenden Schulstruktur-Experiment entschlossen, das unter anderem zur Prämisse hatte, keine Differenzierung der Schüler/innen in Schulformen mehr zuzulassen. Dieses Experiment hat das Denken über die Schule so stark beeinflusst, dass dort heute weitgehender Konsens darüber besteht, dass die gemeinsame Grundschule (von 7 bis 16 Jahren) das Beste für die Schüler/innen ist. Interessanterweise ist dieser Wandel über den Weg einer starken Autonomisierung der Schulen gelungen. Die schrittweise Überführung von Handlungsmacht und Verantwortung auf die kommunale Ebene, die in Schweden von der Bestimmung der Stundenpläne bis zur Bezahlung der Lehrer/innen geht, hat aus Sicht von Mats Ekholm zu der heute allerorten gelobten Qualität des schwedischen Schulsystems geführt. Die öffentliche Präsentation von Zeugnissen und Evaluationsberichten, auch im Internet, offensive öffentliche Debatten über die Qualität der Schulen und deren Arbeit sind in Schweden Alltag. Sie haben jedoch keinen beschämenden und diskreditierenden Beigeschmack, weil sie als gegenseitiger Ansporn und Ermutigung verstanden werden. Soweit sind wir in Deutschland wohl noch lange nicht.

Prof. Bernd Reinhoffer von der PH Weingarten erläuterte den, überwiegend nicht aus Baden-Württemberg stammenden, Konferenzteilnehmern die Hintergründe und die Inhalte des Schulleiterbriefs aus Ravensburg. „Wie weit ist es von Süddeutschland nach Schweden?“, fragte er in seinem Beitrag. Er stellte dabei auch das neu aufgelegte Hauptschulprogramm des Kultusministeriums Baden-Württemberg vor. In Kontrastierung zu den von Mats Ekholm beschriebenen schwedischen Reformen wurde dabei klar, dass der Weg nach Schweden noch sehr weit ist. Allerdings wies Reinhoffer auf die vielfältigen Aktivitäten und wachsende gesellschaftliche Unterstützung für umfassende Reformschritte im konservativen Baden-Württemberg hin. Von daher könne man doch mit gewissem Optimismus in die Zukunft der deutschen Bildung schauen.

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