 | (b&w 11/07 Seite 13ff)
Weitere Infos unter: www.gew-bw.de Lehrerbildung.html
| Lehrer/innen einheitlich ausbilden!
GEW-Tagung: Expert/innen aus verschiedenen Bereichen haben am 5. Oktober 2007 in Stuttgart über die notwendigen Veränderungen innerhalb der Lehrer/innenausbildung diskutiert. Hauptreferent war Prof. Jürgen Oelkers aus Zürich.
Die Bildungsgewerkschaft GEW setzte sich am internationalen Weltlehrertag für eine grundlegende Reform des Lehramtsstudiums in Baden-Württemberg ein. „In jeder internationalen Vergleichsstudie bekommt unsere Lehrerausbildung schlechte Noten. Wir wollen, dass in Zukunft alle Lehrerinnen und Lehrer in einem Bachelor-Studium gemeinsam ausgebildet werden und sich erst im Master-Studium spezialisieren“, sagte Rainer Dahlem, GEW-Landesvorsitzender.
Ausgangspunkt der Diskussion über die Lehrer/innenausbildung ist zum einen die geplante Umstellung der Lehramtsstudiengänge auf eine gestufte Studienstruktur mit den Abschlüssen Bachelor/Master. Diese Umstellung soll in Baden-Württemberg für die Lehramtsstudiengänge an den Universitäten (Gymnasien, Berufliche Schulen) zum Wintersemester 2008/09 beginnen.
Für die Studiengänge an den Pädagogischen Hochschulen (Grund- und Hauptschulen, Realschulen, Sonderschulen) hat die Landesregierung noch keine Umstellung beschlossen. Es droht die Gefahr, dass die PHn damit bundesweit weiter marginalisiert werden. Auch die Zukunft der Ausbildung der Fachlehrer/innen ist noch nicht geklärt. Zu befürchten ist, dass durch die neuen Strukturen die Trennung nach Schularten und damit auch die Unterschiede in Deputat und Bezahlung gefestigt werden.
Zusätzlich plant die Landesregierung die Trennung des Verbundlehramts Grund- und Hauptschulen. Es soll ein neues Primarstufenlehramt eingeführt werden, in dem Elemente der vorschulischen, frühkindlichen Bildung integriert werden. Die Studiengänge für das Lehramt an Haupt- und Realschulen sollen einander angeglichen werden. Inhaltlich ist diese Entwicklung zu begrüßen. Allerdings besteht die Gefahr, dass damit die Ausbildung, die Arbeitszeit und die Bezahlung der Grundschullehrer/innen weiter von denen der anderen Schularten abgehängt wird. Dazu Dahlem: „Eine solche Entscheidung hätte verheerende Folgen und würde alle Erkenntnisse über Stellenwert und Qualität der frühkindlichen Bildung über den Haufen werfen.“
Struktur und Inhalte der Ausbildung entsprechen längst nicht mehr den Anforderungen
Das weit größere Problem der Lehrer/innenausbildung besteht allerdings darin, dass Struktur und Inhalte der Ausbildung schon lange nicht mehr den Anforderungen des Berufes entsprechen. Diese ändern sich fortlaufend ohne dass die Lehrer/innenausbildung darauf angemessen reagiert. Seit Jahren ist die Entwicklung eines modernen Lehrerleitbildes überfällig, auf dass die Lehrer/innenausbildung ausgerichtet werden kann.
Dahlem stellte in seiner Einführung beunruhigt fest, dass die Probleme und Mängel der Lehrer/innenausbildung seit über 30 Jahren weder gelöst noch abgestellt worden sind. Er benannte die drei größten Defizite der Lehrer/innenausbildung: Erstens die starke Fragmentierung der Lehrer/innenausbildung, die an den bestehenden Schularten des gegliederten Schulsystems orientiert ist. Zweitens sei die Verzahnung von Theorie und Praxis nach wie vor völlig unzureichend. Und drittens orientiere sich die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern viel zu wenig an den tatsächlichen beruflichen Anforderungen.
Dahlem erinnerte an die OECD-Lehrerstudie des Jahres 2004. Dort wird als Grundlage für die Reform der Lehrer/innenbildung die Schaffung eines neuen Lehrerleitbildes gefordert. Die OECD schreibt dort: „Lehrkräfte müssen imstande sein, die Schülerinnen und Schüler auf eine Gesellschaft und Wirtschaft vorzubereiten, in der von ihnen erwartet wird, dass sie selbstständig lernen sowie fähig und motiviert sind, sich während ihres ganzen Lebens weiterzubilden. Diese sich wandelnden Erwartungen an die Schulen und den Unterricht machen eine Neudefinition des Lehrerleitbildes erforderlich. Dieses neue Leitbild sollte folgende Fakten widerspiegeln:
- Die zunehmende Heterogenität der Schülerpopulation...
- die immer stärkere Betonung der Notwendigkeit, jeder Schülerin und jedem Schüler individuelle Unterstützung zukommen zu lassen und neue kreative Methoden zu nutzen, mit denen sie effektiver motiviert und aktiviert werden können;
- die wachsende Bedeutung der Schule als Organisation mit Schwergewicht auf intensiver interner Kommunikation und Kooperation, Teilhabe an gemeinsamer Strategieplanung, Qualitätsmanagement, Selbstevaluation und Planung der beruflichen Entwicklung...“
Dahlem machte deutlich, dass die GEW Baden-Württemberg bei der Reform der Ausbildung von der Frage ausgeht, was Lehrerinnen und Lehrer heute an ihrem Arbeitsplatz leisten müssen, was von ihnen erwartet wird und wie demzufolge die Ausbildung organisiert werden muss.
Transparente Kriterien für Evaluation und Qualitätssicherung
Nach der Einführung stellte sich Prof. D. Jürgen Oelkers (Universität Zürich), laut Reinhard Kahl einer der originellsten Köpfe seiner Zunft, der Aufgabe, die sich verändernden Anforderungen an Lehrer/innen darzustellen. Er machte deutlich, dass sich die Ausbildung der Lehrer/innen ändern muss, wenn die Schule starken Prozessen des Wandels unterworfen wird. Für ihn zeigt sich der Wandel des Berufsfeldes vor allem am Stichwort „Qualitätssicherung“. Für Oelkers sind Evaluationen vor Ort, die nach klaren und transparenten Kriterien von Expert/innen durchgeführt werden, eine der wenigen unmittelbar wirksamen Maßnahmen, die es überhaupt gibt. Er forderte, dass die Lehrkräfte ihr Kerngeschäft, den Unterricht, anders begreifen müssen als bisher. Der Unterricht darf nicht isoliert bezogen auf „ihre“ Klasse sein, sondern muss auf die Ziele der Schule ausgerichtet und transparent nach Innen wie nach Außen sein.
Außerdem machte Oelkers deutlich, dass sich Lehrer/innen künftig mit Leistungstests auseinandersetzen müssen und diese zur Verbesserung ihres Unterrichts nutzen sollten. Die Schlüsselfrage der Ausbildung ist für Oelkers, über welche Kompetenzen angehende Lehrkräfte verfügen müssen, wo und wie diese erworben werden sollen und mit welchen Mitteln der Erfolg der Ausbildung überprüft werden kann. Am Ende der Ausbildung müssen die Lehrer/innen laut Oelkers imstande sein, eigenständig zu unterrichten. Sie sind damit berufsfähig, aber nicht fertig. Die dafür notwendigen Kompetenzen lassen sich beschreiben und verbindlich festlegen. Die Ausbildung kann nicht beeinflussen, welche Schlüsse die Berufsanfänger aus ihren Erfahrungen ziehen, aber sie muss sie so gut es geht, handlungs- und lernfähig machen. Das Ziel ist die lernende Lehrperson, nicht diejenige, die sich über ihre erfolgreichen Abschlüsse definiert.
Sinnlose Ausbildung nach Schularten
Abschließend machte Oelkers deutlich, dass eine Trennung der Ausbildung der Lehrer/innen nach Schularten keinen Sinn macht. Für ihn ist das Studium der Zukunft modularisiert, alle Module haben verbindliche Zielsetzungen, deren Erreichung überprüft wird. Je nach Zielsetzung sind Kooperationen zwischen den Phasen und mit dem Berufsfeld möglich, ohne die Elemente der Ausbildung zu trennen. Wenn sich die Ausbildung ernsthaft und konsequent am Berufsfeld Schule orientieren soll, dann muss die Schule den zentralen Bezug für die Themen von Forschung und Lehre darstellen. In einer Diskussionsrunde mit Experten aus den verschiedenen Phasen und Institutionen der Lehrer/innenausbildung wurden weitere zentrale Elemente einer Reform der Lehrer/innenausbildung benannt.
Theorie für Reflektion der eigenen Tätigkeit ist notwendig
Der Leiter des Vorstandbereichs Schule der GEW, Dr. Hartmut Markert, betonte die Notwendigkeit, Lehrer/innen in der Ausbildung den theoretischen Hintergrund für eine reflektierte berufliche Tätigkeit zu geben. Er beklagte die Beliebigkeit und Aufsplitterung der Lehrer/innenausbildung. Die Entwicklung eines Leitbildes für Lehrer/innen und darauf aufbauend eines Kerncurriculums für deren Ausbildung sind für ihn unerlässliche Bausteine einer überfälligen Reform.
Der Rektor der PH Weingarten, Prof. Dr. Jakob Ossner begann mit der polemischen Feststellung „Wir in der Lehrer/innenausbildung können machen was wir wollen –es fällt eh niemandem auf!“ und kritisierte damit die mangelnde Aufmerksamkeit der Politik für die Belange der Lehrer/innenausbildung. Er kritisierte die oft fehlende Eignung der Studierenden, die vor und während des Studiums stärker geprüft werden müsste. Außerdem kritisierte er die Disparität der Inhalte sowie die Abschottung der drei Phasen der Lehrer/innenausbildung voneinander. Er forderte auch eine stärkere Profilierung innerhalb der Ausbildung. So könnten seiner Meinung nach Klassen- und Fachlehrer/innen mit unterschiedlichen Schwerpunkten ausgebildet werden.
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