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| 40 Jahre: Ungeliebt und doch erfolgreich!
Gesamtschulen: Das 40. Jubiläum der Gesamtschulen im Land wird doch nicht ungehört verklingen. Denn es kommt Bewegung in die Schullandschaft. Die Lern- und Förderleistungen von Gesamtschulen sind in jedem Fall unbestritten, wie das Beispiel zeigt.
Die Förderleistungen am Beispiel der IGMH
Am Beispiel der Integrierten Gesamtschule Mannheim-Herzogenried (IGMH) lassen sich die Förderleistungen belegen.
Die Schule litt bis in die 1990er Jahre unter dem (schlechten) Ruf einer „Schule im sozialen Brennpunkt“. Fast 70 Prozent der Schüler/innen gehörten laut Aurin-Bericht der sozialen Unterschicht an. Eltern aus dem Bildungsbürgertum schickten ihre Kinder nur im Notfall dorthin, d.h. wenn sie keine Grundschulempfehlung (GSE) für das Gymnasium hatten. Sobald sie in Klasse 7 die Empfehlung für das Gymnasium geschafft hatten, wurden die Kinder abgemeldet und in das nächste Gymnasium geschickt. Integrierter Unterricht aber mit nur etwa 10 Prozent Schüler/innen mit GSE Gymnasium ist schwer. Der Anteil der Schüler/innen mit einer Hauptschulempfehlung lag bei der Anmeldung in der Regel weit über 50 Prozent. Der sehr gute Leistungsbereich (Noten 1,0-1,3) fehlte bei den aufgenommenen Schüler/innen vollständig, vorherrschend war mit über 50 Prozent der Bereich zwischen den Noten 3 und 4.
Trotz der ungünstigen Verhältnisse schaffte es die Schule aber schon 1986, einem Großteil ihrer Schüler/innen zu besseren Abschlüssen zu verhelfen als die GSE es prognostiziert hatte. Verstärkt durch den G8-Effekt (die IGMH hat als einzige Schule in BW noch G9!), nähert sich allmählich der Anteil der GSE für die drei Schularten dem Verhältnis 1:1:1. (Der Anteil für das Gymnasium liegt z.Z. bei etwa 25 Prozent.) Das verbessert die Lehr- und Lernbedingungen an der Schule insgesamt spürbar.
Statistisch gesehen hatten in den Schuljahren 2002/03 bis 2007/08 über die Hälfte der IGMH-Schüler/innen mit Abitur keine GSE für das Gymnasium: 12 Prozent hatten eine GSE für die Hauptschule und 43 Prozent eine solche für die Realschule. Und auch bei den Schüler/innen, die am Ende den Realschul-Abschluss machten, hatten 53 Prozent eine Hauptschulempfehlung.
Dieser Erfolg liegt in der Struktur der Schule begründet. Die ersten drei Jahre (Klasse 5 bis 7) arbeiten alle Schüler/innen zusammen in einer Klasse, unabhängig von ihrer GSE. In den Fächern Englisch, Deutsch und Mathematik werden im Verlauf dieser drei Jahre Kurse auf verschiedenen Leistungsniveaus gebildet.
Schon in Klasse 8 zeigt sich die positive Wirkung des gemeinsamen Lernens in den drei Eingangsjahren: Jede/r zweite Schüler/in in den Gymnasialklassen der Stufe 8 hatte keine Gymnasialempfehlung. Ähnlich in den Realschulklassen, wo etwa 45 Prozent der Schüler/innen eine GSE für die Hauptschule hatten. Dass der Weg der Schüler/innen insgesamt deutlich nach oben weist, zeigt auch die Statistik der Auf- und Absteiger: 37 Prozent der Schüler/innen verbessern sich gegenüber der GSE, nur 8 Prozent verschlechtern sich, etwa 50 Prozent machen Abschlüsse der GSE entsprechend. In der Regelschule steigen für jeden Schüler/innen, der aufsteigt, fast vier ab. Die viel gepriesene Durchlässigkeit funktioniert dort also nur nach unten gut.
Nicht nur Schüler/innen, auch Lehrkräfte lernen von einander
Die Jahre gemeinsamen Lernens machen offenbar nicht nur für die Schüler/innen einen Unterschied. Der gleiche Effekt, der bei den Schüler/innen zu besseren Leistungen führt, funktioniert auch beim Lehrpersonal. Die Kolleg/innen der unterschiedlichen Lehrämter profitieren von der Ausbildung der anderen. Gymnasiallehrer/innen scheuen sich nicht, bei den Kolleg/innen mit Hauptschulausbildung „Nachhilfe“ in Sachen Pädagogik zu nehmen, umgekehrt lernen Hauptschulleute Inhaltliches von den Gymnasiallehrer/innen, mit denen sie in derselben Klasse unterrichten. So prägt das System Schüler/innen und Lehrer/innen!
Die Schüler/innen der baden-württembergischen Gesamtschulen machen die gleichen Prüfungen wie alle anderen auch. Der Abiturschnitt der IGMH liegt bei Note 2,7, also etwas schwächer als der Landesdurchschnitt von 2,4, bzw. 2,6 bei beruflichen Gymnasien. Berücksichtigt man jedoch, mit welchen GSE viele Schüler/innen ihre Abschlüsse machen, relativiert sich dieser Wert rasch. Würden die Gesamtschulen rechnen wie der Philologenverband und nur die Abiturschnitte der Schüler mit GSE für das Gymnasium heranziehen, läge der Schnitt auf Landesniveau. Es ist ja gerade die Domäne der integrierten Schulen, schwächere Schüler/innen so zu fördern, dass höhere Abschlüsse möglich werden – ohne Leistungsverluste bei den stärkeren Schüler/innen (Aurin 1986, S.376).
Seit 2006 verleiht die Robert-Bosch-Stiftung den deutschen Schupreis. Von den insgesamt 17 Siegerschulen in Deutschland seit 2006 entfallen auf integrierte Systeme (Grundschule: 3, Gesamtschule: 8, Förderschule: 2) insgesamt 13 Sieger, auf Regelschulen nur 4 (Gymnasium: 2, Hauptschule: 1, Kombi-Schule: 1, Realschule: 0).
Niemand wird nun auf die Idee kommen, in der Stiftung eine fanatische Befürworterin von Gesamtschulen zu sehen. Die Bewertung der Schulen wurde nach objektiven Kriterien vorgenommen, nicht zuletzt auch nach der Gesamtleistung ihrer Schüler/innen. Das Gerede von der Leistungsschwäche der Gesamtschulen entpuppt sich damit als Mythos. Die Fakten sprechen eine andere Sprache!
Frühe Selektion zum Schutze der Interessen von Kindern aus der Mittelschicht
Die wissenschaftlich nicht zu begründende Annahme der drei Begabungstypen, auf welcher das gegliederte Schulwesen aufbaut, stößt übrigens jetzt bei sinkenden Schülerzahlen auf ganz neue Widerstände. Das von der GEW in Auftrag gegebene Schulentwicklungsgutachten belegt eindrücklich (siehe b&w Januar/Februar 2010, Seite 12ff), dass beim Festhalten am gegliederten Schulsystem in fünf Jahren nur 30 Prozent der Gemeinden noch eine Sekundarschule am Ort haben werden. Bei Einführung „einer“ Schulform für alle Schüler/innen (die im Gutachten „Sekundarschule“ genannt wird), könnten immerhin fast 70 Prozent der Gemeinden als Schulstandorte erhalten bleiben.
Während die CDU-Landtagsfraktion und ihr ehemaliger Kultusminister mit beachtenswerter Sturheit für die Zementierung des gegliederten Systems kämpfen und damit die Schließung kleiner (Haupt-)Schulen in Kauf nehmen, setzen sich in den Gemeindeparlamenten Vertreter aller politischen Gruppierungen für den Erhalt ihrer örtlichen Schulen ein. Die Verteidiger der Hauptschule, wie z.B. die schulpolitische Sprecherin der FDP im Landtag, Dr. Birgit Arnold („Hauptschulen leisten tolle Arbeit“, Weinheimer Nachrichten vom 4.4.09), beklatschen damit die Schulart, die ihre eigenen Kinder in den seltensten Fällen von innen gesehen haben oder sehen werden. Ebenso prominent verteidigt Josef Kraus vom deutschen Lehrerverband in einschlägigen TV-Talkrunden die gute deutsche Bildung als „Anwalt“ der Hauptschule, die er als Leiter eines bayrischen Gymnasiums aber kaum kennen dürfte, geschweige denn dort je unterrichtet hat.
Der Deutsche Philologenverband gründete im Frühjahr 2009 sogar ein „Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen“, um die Kinder aus nicht-bürgerlichen Schichten aus ihren Gymnasien fernzuhalten und das Fortkommen der eigenen Klientel-Kinder durch Konkurrenz nicht zu gefährden. So lobt man die Institution Hauptschule, die sich um die „Schmuddelkinder“ kümmern darf, überschwänglich, damit die Absicht nicht so offenkundig wird. Wer, wie Frau Dr. Arnold, im Landtag sagt: „Unser ausgezeichnetes vielgliedriges Bildungs- und Schulsystem trägt in entscheidendem Maße dazu bei, dass junge Leute ein erfolgreiches und glückliches Leben führen können“ (Landtagsdebatte am 17.6.09), der hat kein Interesse daran, das Schulsystem zu ändern oder sich für Modellschulen und die fairen Chancen aller Schüler/innen um Teilhabe an der Gesellschaft einzusetzen.
Der Antrag der Stadt Karlsruhe auf „Einrichtung einer Modellschule nach skandinavischem Vorbild“ vom März 2008, wurde vom Kultusministerium in Stuttgart abgelehnt mit der Begründung, er entspreche „nicht den bildungspolitischen Rahmenvorgaben des Landes“. Dagegen wurde in Tübingen an der Geschwister-Scholl-Schule deren ERKO-Projekt (Erweiterte Kooperation) genehmigt und soll bis 2016 wissenschaftlich begleitet werden. „Was wir in Karlsruhe wollten, wird ab 2009/10 in Tübingen durchgeführt“, so der Pressesprecher der Karlsruher GEW und fragt sich zu recht, wieso der Karlsruher Antrag abgelehnt wurde.
Das Problem der Gesamtschule in einer konservativen Schullandschaft
Die guten Ergebnisse der Gesamtschulen, insbesondere bei der Förderung schwächerer Schüler/innen, hat seinerzeit die Landesregierung von Lothar Späth nicht davon abgehalten, viele dieser ungeliebten „Einheitsschulen“ (mit dem Begriff wurden Gesamtschulen schon damals als sozialistische Gleichmacherschulen diffamiert) wieder zu schließen. Die verbleibenden drei Schulen mussten sich im Folgenden mit den rigiden Rahmenbedingungen im Lande BW auseinandersetzen.
So mussten mit der so genannten äußeren Differenzierung der Fachleistung (FLD) Schüler/innen schon früh in drei Kursniveaus eingeteilt werden, die etwa dem dreigliedrigen Schulsystem entsprachen. Auch mussten die Abschlüsse des Regelschulsystems übernommen werden. Besonders störte dabei der 1982/83 eingeführte Hauptschulabschluss, der die Gesamtschulen zum frühen Abbruch des integrierten Unterrichts nach Klasse 7 (vorher 8!) zwang, um zwei Jahre Zeit zur Vorbereitung auf die Hauptschulprüfung in Klasse 9 zu haben.
Trotz all dieser Querelen haben drei Gesamtschulen im Land überlebt, zwar teilweise stark abweichend von ihren Ursprungskonzeptionen, aber immer noch leistungsfähiger als die meisten Regelschulen und mit hoher Akzeptanz bei Eltern und Schüler/innen. Jeder interessierte Bürger kann sie sich ansehen und auf ihre Erfahrungen zurückgreifen. Eine neue Schule einzurichten ist viel Arbeit, aber auch mit viel Freude verbunden, neue Wege zu gehen. Die Schüler/innen kleinerer Kommunen im Land werden es danken. Die Kolleg/innen der Gesamtschulen helfen gerne und stehen beratend zur Seite.
Helmut Jung, Jürgen Leonhardt, Wolfram Enders, Alex Zollmann, Fachgruppe Gesamtschulen der GEW
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