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Kontakt: Prof. Dr. Andreas Krause, Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie, Institut Mensch in komplexen Systemen, Riggenbachstr. 16, CH - 4600 Olten, E-Mail: 
| Die Zeit ist reif
Gesundheitsschutz: Längeres Arbeiten bis 67 erfordert eine entsprechende Gestaltung der Arbeitsplätze. Autor Prof. Dr. Andreas Krause skizziert Voraussetzungen und Bedingungen für eine alters- und alternsgerechte Schule.
Ist es möglich, mit 65 oder sogar mit 67 noch motiviert und gesund zu unterrichten? Was benötigen ältere Lehrerinnen und Lehrer, um im Schulalltag gesund zu bleiben? Welche besonderen Kompetenzen und Bedürfnisse kennzeichnen ältere Lehrerinnen und Lehrer? Ab wann ist man überhaupt eine „ältere Lehrkraft“? Und wie wirkt sich die Altersverteilung auf die pädagogische Qualität einer Schule aus?
Angesichts des auch im internationalen Vergleich auffallend hohen Anteils an über 50jährigen Lehrkräften in Baden-Württemberg und Deutschland gerät endlich auch das bislang sträflich vernachlässigte Ziel ins Blickfeld, eine für das Kollegium alters- und alternsgerechte Schule zu schaffen. Für eine altersgerechte Schule müssen Arbeitsbedingungen und Leistungsanforderungen an die gewandelten Kompetenzen und Bedürfnisse älterer Lehrerinnen und Lehrer angepasst werden. Hierzu gehören bereits bestehende Möglichkeiten die eigene Arbeitszeit zu reduzieren, etwa über Teilzeit oder Altersermäßigung. Andere Wege werden im Schulbereich leider noch wenig beschritten. Beispielsweise wäre es wünschenswert, eine altersdifferenzierte Arbeitsgestaltung zu ermöglichen, z.B. mit zunehmendem Alter das Stundendeputat zugunsten anderer Aufgaben zu reduzieren. Unter einer alternsgerechten Schule sind die präventive Gesundheitsförderung und die beständige Förderung der beruflichen Weiterentwicklung der Lehrerinnen und Lehrer zu verstehen. Von folgenden Grundsätzen ist auszugehen:
Ab einem Alter von 55 Jahren sinkt häufig die selbst wahrgenommene Arbeits- und Leistungsfähigkeit und es entsteht der Wunsch, den Job zu verlassen. Durch das frühzeitige Bereitstellen von Unterstützungsangeboten kann der Rückgang der Arbeitsfähigkeit jedoch nachweislich verhindert werden (z.B. Angebote zur Gesundheitsförderung, Anpassung der Arbeitsbedingungen an veränderte Kompetenzen, positiver Führungsstil). Solche Angebote muss es auch im Schulbereich geben.
Die interindividuellen Unterschiede nehmen mit dem Alter immer mehr zu. Deshalb bedarf es erhöhter Flexibilität: In individuellen Mitarbeitergesprächen ist jeweils im Einzelfall zu klären, wie Arbeitsfähigkeit, Kompetenzen und Bedürfnisse aktuell ausgeprägt sind und wie es gelingen kann, die Lehrkraft bis zum Pensionsalter gesundheitsgerecht einzusetzen. Das setzt Spielräume voraus, so dass z.B. eine Schulleitung älteren Kolleginnen und Kollegen verschiedene Optionen zur Fortsetzung ihrer Tätigkeit aufzeigen kann. Solche Spielräume beinhalten u.a. Möglichkeiten, die absolute Höhe der Arbeitszeit zu beeinflussen (z.B. Altersermäßigung, Teilzeit) sowie die Art der zu erledigenden Aufgaben anzupassen (z.B. weniger unterrichten und dafür mehr beraten, planen und organisieren).
Von anderen Berufsgruppen wissen wir: Die berufliche Leistung und das Alter hängen nicht systematisch zusammen, d.h. Ältere erbringen insgesamt die gleiche berufliche Leistung wie Jüngere. Jedoch benötigen Ältere individuelle Spielräume, um ihr Erfahrungswissen einsetzen und bestimmte Einbußen (z.B. weniger gut Lärm zu ertragen, erhöhter Erholungsbedarf nach anstrengenden Tätigkeiten) kompensieren zu können.
Es ist erforderlich, sich individuell um erkrankte Lehrkräfte zu kümmern und Wege zum Verbleib im Berufsleben zu prüfen. Neben Möglichkeiten zur Rehabilitation sollte eine langfristig angelegte Präventionsstrategie für alle Altersgruppen Priorität haben (z.B. frühzeitige Beratungs- und Supervisionsangebote, aktiver Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung an der einzelnen Schule).
Wege zur alters- und alternsgerechten Schule
Den Schulen und Lehrkräften nicht nur in Baden-Württemberg fehlen derzeit solche Spielräume und Unterstützungsangebote. Diese müssen nun aufgebaut werden. An vielen Schulen stellt sich die Frage, ob und wie sie aktiv werden können. Es gilt zu klären, wie der Weg zu einer alters- und alternsgerechte Schule aussehen kann:
- 1. Politik schafft objektive Spielräume für die einzelne Schule: Zunächst einmal benötigt die Schule klare Rahmenbedingungen. Welche objektiven Spielräume bestehen, älteren Lehrerinnen und Lehrer Angebote zu unterbreiten? Gibt es zumutbare Arbeitsplätze für ältere oder auch teildienstfähige Lehrkräfte? In welchem Umfang kann Altersermäßigung individuell geplant und vereinbart werden?
- 2. Führungsaufgabe alters-, alterns- und gesundheitsgerechte Schule: Ausgehend von einer klaren strategischen Ausrichtung seitens Ministerium, Regierungspräsidium usw. sieht auch die Schulleitung die Förderung alter(n)sgerechten Arbeitens als Führungsaufgabe an. Sie ist Bestandteil der Führungsaufgabe Gesundheitsförderung. Schulleitungen müssen in die Lage versetzt werden, diese Aufgabe kompetent zu erfüllen, z.B. indem sie vertrauliche und wertschätzende Mitarbeitergespräche zur Arbeitsfähigkeit, zu Zukunftsplänen und Entlastungsmöglichkeiten führen.
- 3. Gemeinsamkeiten, aber auch Spielräume klären: Unsere Studien belegen: Je stärker gemeinsame pädagogische Vorstellungen vorhanden sind, desto besser arbeiten Arbeitsgruppen in Kollegien zusammen. Entsprechend sind die aktuellen Bestrebungen an Schulen, eine gemeinsame pädagogische Basis im Rahmen der Schulentwicklung zu schaffen, positiv zu bewerten. Selbstverständlich müssen hierbei auch individuelle Freiheiten aufgegeben werden – was zahlreichen Kolleginnen und Kollegen schwerfällt. Wir empfehlen im Rahmen der Schulentwicklung nicht nur zu klären, worin man verbindlich übereinstimmt – sondern auch, welche Freiheiten und individuellen Unterschiede bestehen dürfen. Solche Unterschiede, die auch altersbezogen sein können (z.B. Freiraum für eine 60-jährige Lehrerin, auf bestimmte, an der Schule ansonsten dominierende pädagogische Methoden zu verzichten), gilt es zu akzeptieren und wertzuschätzen - oder sogar aktiv zu nutzen (Diversity Management). Im Rahmen von Pädagogischen Tagen haben wir gute Erfahrungen in der Moderation solcher Klärungsprozesse zum Umgang mit Unterschieden im Kollegium sammeln können.
- 4. Zusammenarbeiten in gezielt altersgemischten Teams: Die Schule entscheidet sich, bei der Zusammenarbeit weniger auf informelle Gruppenbildung zu setzen, sondern sieht die altersgemischte Zusammenarbeit in allen Foren, Teams und Gremien als festen und verpflichtenden Bestandteil ihrer Arbeitsorganisation an.
- 5. Altersübergreifender Erfahrungsaustausch – auch zum Unterricht: In einer Befragung antwortete eine Lehrerin: „Bei uns trifft Erfahrung auf frischen Wind“ und charakterisierte so die Zusammenarbeit zwischen Jüngeren und Älteren an ihrer Schule. Einen solchen Austausch gilt es zu organisieren, etwa über eine altersgemischte Kollegiale Beratung an der Schule, altersgemischtes Teamteaching oder Mentorenprogramme. Es gilt eine Kultur zu entwickeln, in der die Erfahrung Älterer an der Schule wertgeschätzt und respektiert wird und die innovativen Ideen Jüngerer nicht ausgebremst werden.
- 6. Wissensmanagement: Der Erfahrungsaustausch wird auch über den offenen Austausch von schriftlichem Material (z.B. Material in elektronischer Plattform offen bereitstellen) gefördert. Neue Kolleginnen und Kollegen können eine Mappe mit allen relevanten Informationen zur Schule erhalten. Verstärkt ist der Wechsel im Kollegium zu gestalten. Welches Wissen geht verloren, wenn ältere Lehrkräfte und Schulleitungen das Kollegium verlassen?
- 7. Personalentwicklung: Gezielte und fortlaufende Weiterbildung ist fester Bestandteil einer alternsgerechten Schule und unterstützt den Erhalt der Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Hier bestehen Bezüge zur vieldiskutierten Professionalisierung im Lehrberuf.
- 8. Altersgerechte, nicht gleiche Aufgabenverteilung: Wir müssen uns verabschieden von der Vorstellung, dass alle Kolleginnen und Kollegen möglichst das gleiche machen sollten. Stattdessen gilt es Spielräume für eine altersgerechte Anpassung von Arbeitsaufgaben und umfang zu schaffen, die nicht versteckt umgesetzt und vielleicht sogar mit Neid beobachtet werden, sondern transparent und als normaler Bestandteil der Aufgabenverteilung und Arbeitsorganisation an Schulen angesehen werden (z.B. keine Teilnahme an Klassenfahrt und dafür Organisation des Wissens- und Materialaustausches). Schulen müssen dabei lernen, die damit einhergehende „Ungleichbehandlung“ im Kollegium auszuhalten und als Chance zu begreifen.
Wir wissen: Der Lehrberuf ist psychisch belastend und in der Folge werden zahlreiche Lehrkräfte aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig pensioniert. Indem individuelle Möglichkeiten für eine alters- und alternsgerechte Aufgabenerledigung geschaffen werden, können solche Pensionierungen reduziert werden. Dabei ist auf Wertschätzung für die Leistungen und das Erfahrungswissen der älteren Kolleginnen und Kollegen zu achten. Leider fehlt es derzeit vielen Personen im Schulsystem noch an einer positiven Vision einer alters- und alternsgerechten (und damit auch gesundheitsförderlichen) Schule. Dies gilt es in Pilotprojekten kreativ und gemeinsam mit Kollegien und Schulleitungen zu erarbeiten und anschließend als positive Beispiele publik zu machen und in die Fläche zu bringen.
Da noch Basiswissen fehlt, führen wir Grundlagenstudien durch. Beispielsweise untersuchen wir, inwieweit Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Lehrkräften im eigenen Kollegium überhaupt wahrgenommen werden. Wir freuen uns über ihre Beteiligung bei einem Fragebogen im Internet unter www.unipark.de/uc/altersgruppen. Die Ergebnisse sollen eine kenntnisbasierte Gestaltung von alters- und alternsgerechten Schulen unterstützen.
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