 | (b&w 1-2/07 Seite 38)
| Bei Fremdsprachen Probleme lösen
Grundschule: Fremdsprache nach Klasse 4 – wie geht es weiter? Wie können Probleme der Anbindung gelöst werden? Im Schuljahr 2007/08 werden die weiterführenden Schulen erstmals flächendeckend in ganz Baden-Württemberg alle Schüler/innen aufnehmen, die vier Jahre lang Fremdsprachenunterricht hatten (die Pilotschulen haben diesbezüglich schon Erfahrungen gesammelt). Um für die Kinder einen kontinuierlichen Übergang nach der Klasse 4 in die weiterführenden Schulen zu ermöglichen, muss die Frage der Übergangsdidaktik geklärt werden. Die Frage nach der formalen Anbindung der Frühfremdsprache an die Sekundarstufe wurde Ende vergangenen Jahres vom MKS beantwortet: die erste Fremdsprache wird in der Regel (Ausnahmen gibt es bei der Wahl für Latein) in der 5. Klasse fortgeführt. Falls noch nicht geschehen, geht es im Januar an der Mehrzahl der Gymnasien um die (freie) Entscheidung, ab wann die zweite Fremdsprache beginnen wird, in der 5. oder erst 6. Klasse (siehe dazu die Beiträge der Landesfachgruppe Gymnasien in b&w 12/06).
Erste Kooperationen
In einem Bericht aus Bayern über den Modellversuch „Übergang bei Fremdsprachen“ heißt es: „Äußerungen wie ,In der Grundschulfremdsprache wird nichts gelernt, sondern nur gespielt und gesungen!’ Oder: ,Wir müssen ohnehin wieder von vorne anfangen’ bzw. ,Die Fünftklasslehrer sind nicht gewillt und fähig die Grundschulkenntnisse aufzugreifen und weiterzuführen!’ sind sprechender Beweis dafür, wie die mangelnde Abstimmung und Annäherung zwischen den Lehrkräften der Jahrgangsstufen vier und fünf zu falschen Vorstellungen vom Fremdsprachenlernen in der jeweils anderen Schulart führen.“ Dieser Satz könnte auch für die Situation in Baden-Württemberg zutreffen.
Um dieser vagen und von Vorurteilen überlagerten Vorstellung vom Fremdsprachenlernen entgegenzuwirken, die – wie bei den ersten beiden Äußerungen – auf eine Abwertung des Könnens der Grundschüler und ihrer Fähigkeiten hinausläuft und dadurch die Lernmotivation in Klasse 5 nicht fördert, gab es erste Kontakte, Fortbildungen und regionale Gesprächskreise zwischen Kolleg/innen der Klassen 4 und 5. Diese Treffen sind nach anfänglichen „Berührungsängsten“ ermutigend verlaufen und haben gezeigt, dass der Bedarf an Kooperation und Erfahrungsaustausch sehr groß ist. Sie basieren auf der Annahme, dass die Übergangsproblematik durch einen intensiven Austausch zwischen den Lehrkräften der einzelnen Schulen abgemildert werden kann. Die Kolleg/innen stellten jeweils ihre Fremdsprachenmethodik und -didaktik vor (die Grundschulkolleg/innen u.a. an Beispielen in den Bereichen: „Schwerpunkt der Mündlichkeit –Hören und Sprechen in den ersten beiden Lernjahren“, „Stellenwert der Schriftlichkeit in Klasse 3 und 4“, „Spielorientierung – wie kann sie später aufgegriffen werden?“, Lehrplaninhalte bzw. Themenfelder (lexikalische Kompetenz) und –ganz wichtig – Lehrmaterialien und Medien. In einem zweiten Schritt fanden Unterrichtsbesuche statt, die von beiden Seiten als sehr informativ und bereichernd beurteilt wurden.
Gegenseitige Erwartungen
Insbesondere die Gymnasien erwarten von den Grundschulen, dass sie in der 4. Klasse mehr auf die grammatikalischen Strukturen eingehen und die Kompetenzen der Schüler im Bereich Lesen und Schreiben erhöhen (z.Z. gibt es bei Grundschulkolleg/innen eine Diskussion darüber, wie sie bei den Kompetenzen in diesen Bereichen etwas „zulegen“ können). Vereinzelt wurden auch Minimalkataloge verbindlicher Inhalte gefordert, z. B. thematische Bereiche, Wortschatzlisten, Redemittelinventare, Angaben zu Liedern und Reimen. Damit die Erwartungen der Kolleg/innen der fünften Klasse nicht in eine falsche Richtung gelenkt werden, sollte die Grundschule klar ansprechen, was sie in vier Jahren erreichen will und kann. Deutlich werden muss der eigenständige Bildungsauftrag der Grundschule, den die weiterführenden Schulen kennen müssen, um daran anzuknüpfen und aufzubauen. Die Grundschulkolleg/innen erwarten von den Kolleg/innen der Sekundarstufe Verständnis dafür, dass die Schüler/innen am Ende der Klasse 4 elementare Fremdsprachenerfahrungen besitzen, „die weit über das hinausgehen, was oberflächlich als elementare Kenntnisse sprachlicher Mittel bezeichnet werden kann“ (J.Mertens, s.unten) und die nicht in dem Sinne, wie sie in der Sekundarstufe angewendet werden, quantitativ messbar sind. Selbstverständlich ist, dass es dabei nicht um die einfache Übernahme von Methodik und Didaktik der Grundschule gehen kann, denn die Fünftklässler wünschen und brauchen ein ihrem Alter entsprechendes Profil im Fremdsprachenlernen.
Vorschläge und Forderungen
- Dort, wo es noch keine Kontakte oder Treffen zwischen den Schulen gegeben hat, sollten sie im Laufe des Schuljahres angesetzt werden. Interessierte Kolleg/innen, die den Fremdsprachenunterricht in einer fünften Klasse übernehmen wollen, sollten Kooperationen und Hospitationen planen und bei der Durchführung von ihren Schulleitungen aktiv unterstützt werden. Zusätzlich zu den genannten Diskussionsthemen seien hier noch genannt (bezogen auf beide Schulstufen):
- Die Rolle der Handlungsorientierung im FU-Unterricht, der Stellenwert der Hausaufgaben, die Leistungsmessung, der Umgang mit Fehlern, integratives Arbeiten in der Grundschule und eventuell bilingualer Unterricht an Gymnasien (steckt noch in den Kinderschuhen).
- Die Fortbildungen zur Übergangsdidaktik auf lokaler wie überregionaler Ebene müssen aufgestockt werden. Die Fortbildungsteilnehmer sollten sich aus allen betroffenen Schulstufen zusammen setzen. Auch die GEW als Bildungsgewerkschaft sollte bei ihren Fortbildungen das Thema „Fremdsprachen und Übergangsdidaktik“ aufnehmen.
- Die Kolleg/innen der weiterführenden Schulen sollten auf ein Repertoire an Redemitteln, Liedern, Reimen und Spielen zurückgreifen, um Lernsituationen zu schaffen, in denen die Schüler das Erlernte zeigen und Erfolgserlebnisse haben können (auch Einsicht in Hefte, Ordner = Portfolio), also hinhören, beobachten und insbesondere Zeit lassen – all dies wird zum Teil aber noch nicht ausreichend umgesetzt. Auch die Situation erfordert es: In der aufnehmenden Schule sitzen oft Schüler/innen mehrerer Grundschulen.
- „Das traditionelle – häufig sehr selektive Fremdsprachenlernen –muss überwunden werden. (...) Nicht die Anzahl der Stunden macht die Kinder kaputt, sondern die Hetze und der erzeugte Druck.“ Dazu bedarf es „einer merkbaren Reduzierung der Stofffülle.“ („Thema Gymnasium“, Veröffentlichung der Fachgruppe Gymnasien vom Februar 2006). Minister Rau können wir zustimmen, wenn er sagt: „Der Unterricht an den weiterführenden Schulen muss in Zukunft mehr am Kommunikationsverhalten der Kinder ausgerichtet werden.“
- In der Lehrerausbildung muss die Übergangsthematik einen höheren Stellenwert einnehmen, auch in den Ausbildungsseminaren für den Gymnasial-, Realschul- und Hauptschulbereich. Zusätzlich sollten mehr ortsnahe Sprachzentren eingerichtet werden, um allen Fremdsprachenkolleg/innen eine adäquate Medien- und Materialrecherche zu ermöglichen. Ein vorbildliches Beispiel gibt es in Kehl.
- Die Fortsetzung des Grundschulfranzösisch an den weiterführenden Schulen in der sog. ‚Rheinschiene' in Klasse 5 sichert den direkten Anschluss des Französischunterrichts und die landesweit gleichzeitige Einführung der zweiten Fremdsprache ab Klasse 5 oder 6 in den Gymnasien, ist aber nur sinnvoll unter den Voraussetzungen einer kindgerechten Fremdsprachendidaktik und eines abgestimmten Gesamtkonzepts für den Fremdsprachenunterricht wie von der GEW gefordert.
Ein Hauptziel der Übergangsdidaktik muss sein, dass die Schwierigkeiten beim „Übergang verschiedener Lernkulturen“ überwunden und die Offenheit der Kinder für Fremdsprachen, ihre Motivation, ihr Selbstvertrauen und ihre Lernfreude weiterhin gefördert werden. Die Kontakte zwischen Grundschule und Sekundarstufe sollten dabei gleichzeitig als Chance und Hilfe angesehen werden. „Die Vorleistungen der Grundschule in einem sich veränderten Französischunterricht des Gymnasiums zu integrieren und an die vorhandenen Kompetenzen anzuknüpfen, ist zukünftig wichtige Aufgabe des Fremdsprachenunterrichts der weiterführenden Schulen.“* Allerdings lassen sich die Erwartungen und Forderungen nicht alle von heute auf morgen umsetzen, sondern nur in einem langfristigen Prozess. Erste beispielgebende Initiativen wurden bereits eingeleitet. Daran gilt es anzuknüpfen.
Thomas Kniep FG Grundschule Freiburg und Französischlehrer in Waldkirch
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