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 | (b&w 6/11 Seite 13)
| Zukunftsprogramm für die Hauptschule kann nur ein Ausstiegsprogramm sein
Haupt- und Werkrealschule: Die GEW befürwortet viele Vorhaben und Korrekturen der neuen Landesregierung, die zu einem sozial gerechten Bildungssystem führen. Allerdings wird sich dadurch die Schullandschaft stark verändern. Zum Umbau sollten auch die Lehrkräfte gehört werden.
Während der Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ die Hauptschule als zentrale Ursache für Ungerechtigkeit identifizierte, kam die Hauptschule in der Regierungserklärung des neuen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann nicht vor – und das, obwohl er die Entkoppelung von Bildungschancen und sozialer Herkunft als eines der wichtigsten Ziele seiner Regierung bezeichnete.
Auch die Koalitionsvereinbarung betont das Ziel eines sozial gerechten Bildungssystems. Sie bezeichnet zwar das Konzept der neuen Werkrealschule als nicht zukunftsfähig, nicht aber die Hauptschule selbst. Insofern ist es konsequent, dass die Auslagerung von Unterricht an die Berufsfachschulen gestoppt und für alle Schülerinnen und Schüler und alle Haupt- und Werkrealschulen ein zehntes Schuljahr ohne Notenhürde angekündigt wird, in dem auch der Hauptschulabschluss erworben werden kann. Zudem soll die frühe berufliche Spezialisierung mit Wahlpflichtfächern durch eine breite berufliche Orientierung ersetzt werden. Damit entfallen - zumindest vordergründig – auch alle Notwendigkeiten kleine Hauptschulen zu schließen.
Dies und ebenso die Flurbereinigung der Fächerverbünde sind begrüßenswerte Ansätze, die die GEW und die Fachgruppe Hauptschule schon lange fordert. Wegen des hohen Anteils muslimischer Schülerinnen und Schüler ist auch die schrittweise Einführung von Ethik wichtig. Am drängendsten fehlt sie in der Hauptschule, wo in den Klassen 5 bis 7 während der Religionsstunden oft der größere Teil von Klassen unversorgt in der Luft hängt. Positiv zu bewerten ist die Überwindung der schulartbezogenen Ausbildung, in der immer auch ein gehöriger Schuss Diskriminierung steckte.
Der Wegfall der verbindlichen Bildungsempfehlung wird ab dem Schuljahr 2012/13 zu einem schnellen Rückgang der Schülerzahlen an Hauptschulen um ein Drittel führen. In Verbindung mit dem demografischen Wandel ist vielerorts ein regelrechtes Einbrechen der Eingangsklassen zu erwarten. Haupt- und Werkrealschulen werden noch mehr eine zunehmend schwierige Existenz als Rückläuferschule spielen müssen. Dies dürfte die Abwanderungsbewegung bei den Eltern zusätzlich verstärken. Ein Zukunftsprogramm für die Hauptschulen kann daher nur ein Ausstiegs- und Umbauprogramm sein.
Realschulen werden sich umorientieren müssen
Besonders in den Ballungsräumen wird sich die Zusammensetzung der Schülerschaft an Realschulen schnell der bisherigen Hauptschulen annähern. Realschulen werden sich umorientieren müssen. Da sie aber zumindest vorerst diese Schülermenge nicht auffangen können, scheint es sinnvoll, die Werkrealschule zu einer Realschule mit besonderem Profil zu entwickeln und umgekehrt der Realschule die Förderkapazitäten und -kompetenzen der Hauptschule zu öffnen. Notwendig wäre hierfür eine schnelle Angleichung von Fächern und Bildungsstandards.
Dieser Weg kann aber nur funktionieren, wenn die Gleichwertigkeit der verschiedenen Schulen tatsächlich vorhanden ist. Ein zentrales Signal für Eltern und Schüler/innen müsste ein einheitlicher mittlerer Abschluss sein - für alle weiterführenden Schulen mit einheitlichen Prüfungen im Kernbereich und Unterschieden im Profil. Ein vollwertiger Abschluss, wie ihn die neue Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer ankündigt, war schon bisher versprochen worden. Hinzukommen müsste eine schrittweise Abschaffung des „Abschulens“, da es höhere und niedrigere Schulen nicht mehr gibt.
Die Koalitionsvereinbarung sieht vor, dass die Stundenzuweisung auf eine Pro-Kopf-Zuweisung umgestellt wird. Besondere Förderbedarfe und die soziale Zusammensetzung soll ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Dadurch müsste bisherigen Werkrealschulen ein besonders umfangreicher Förderbereich, Ganztagesangebote, kleinere Klassen, Schulsozialarbeit ermöglicht werden.
Wo Doppelstrukturen von Haupt- oder Werkrealschule und Realschule in Nachbarschaft bestehen, könnte eine der Schulen jahrgangsweise zur gemeinsamen Oberstufe umgewidmet werden und so eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe entstehen. Eine enge Kooperation mit Grundschulen und Grundschuleltern böte die Chance, dass langfristig tatsächlich ein längeres gemeinsames Lernen gewählt wird und Grundschulklassen gemeinsam weitergeführt werden.
Wenn Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine „Politik des Gehörtwerdens“ praktizieren will, so muss das auch und bald für die Lehrkräfte gelten. Ohne sie wird eine neue „Gründerzeit“ kaum möglich sein.
Erhard Korn
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