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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2009 - Januar/Februar 2009 - Haus des Lernens

Haus des Lernens

(b&w 1-2/09
Seite 12)

Das neue Haus des Lernens: Was sich ein oberschwäbischer Schulkritiker und Rektor von der Zukunft wünscht.

Die Wissensgesellschaft im Migrationsland Baden-Württemberg braucht eine neue Schule, die allen Schülern gerechte Chancen eröffnet. Das gegliederte Schulsystem aus dem vorletzten Jahrhundert leistet das nicht mehr –deshalb können wir uns dieses System nicht mehr leisten. Es ist aus sozialen Gründen nicht zukunftsfähig, international hinkt es hinterher, und wirtschaftlich ist es auch nicht.

Wie aber muss eine neue Schule aussehen, damit sie den Anforderungen der Gesellschaft gerecht wird? Sie soll eine wohnortnahe Ganztagesschule sein, in der alle Kinder und Jugendlichen bis zum Ende der Pflichtschulzeit gemeinsam lernen. In dieser Schule wird die Verschiedenheit respektiert und gefördert – und nicht wie heute von allen der gleiche, vorgepresste Lehrstoff abverlangt. Jedes einzelne Mädchen und jeder einzelne Junge werden in ihrer ganz eigenen Entwicklung unterstützt. Die individuellen Fähigkeiten der Kinder stehen dabei im Mittelpunkt.

Von einer „Belehranstalt“ wandelt sich diese Schule in ein Haus des Lebens und Lernens, aus dem niemand verwiesen werden kann, weil er in dem einen oder anderen Bereich Defizite hat. Es geht nicht mehr um das Bestrafen von Fehlern, sondern darum, die Stärken der Kinder, Eigenverantwortung und Solidarität zu fördern. Keiner wird mehr ausgegrenzt, beschämt oder zurückgelassen. Die Schule passt sich den Schülern an – und nicht umgekehrt wie in unserem selektiven System.

Die neue Schule öffnet sich und wird – das ist besonders im ländlichen Raum ein ganz harter Standortvorteil – ein wichtiger Teil des Gemeindelebens. Mit den unterschiedlichsten Partnern außerhalb der Schule arbeitet sie zusammen, Fachleute zu verschiedenen Themen bezieht sie in die Arbeit mit ein.
Der Unterricht bereitet nicht nur auf den Beruf vor und stellt die so genannte Ausbildungsreife her. Ebenso wichtig ist es, die kreativen und musischen Fähigkeiten der Schüler zu fördern, ihre Phantasie anzuregen und ihnen Lebensfreude zu vermitteln.

Bildung aber beginnt nicht erst in der Schule, sondern schon davor. Ohne Brüche sollen Kinder von der Kleinkindbetreuung bis zum Ende der Schulzeit lernen. Das bedeutet Übergänge ohne Hürden: vom Kindergarten in die Grundschule und dann gemeinsam weiter ohne Auslese nach der 4. Klasse bis zum Ende der Pflichtschulzeit. Nach der 10. Klasse entscheiden sich die Schüler, wie ihr Weg weitergeht – ob sie eine Ausbildung anstreben oder auf ein Gymnasium wechseln.

Sehr wichtig ist es, mit der Heterogenität, also der Unterschiedlichkeit der Schüler gut und professionell umzugehen. Dafür braucht man entsprechend ausgebildete oder fortgebildete Lehrer, die wissen, wie jeder einzelne Schüler in der Gruppe am besten lernen kann. Integration genießt oberste Bedeutung, damit künftig nicht mehr Chancen nach sozialer Herkunft verteilt werden.

Begabung kann nicht dreigegliedert werden in Gymnasium, Real- und Hauptschule. Es ist ein Märchen, dass in möglichst homogenen, gleichen Gruppen besser gelernt wird als in anderen.

Wichtig für meine Schule der Zukunft ist vor allem: Es muss zusammengeführt werden, was zusammen gehört – eine neue, integrative Schulstruktur verbunden mit einer neuen Unterrichtskultur und damit einer ganz anderen Qualität. Eines ist ohne das andere nicht möglich.

Das bedeutet, dass es in der Schulpolitik nicht länger um Reparaturen am alten System gehen kann. Vielmehr müssen alle Beteiligten eine echte Reform anstreben. Dafür wiederum darf es keine ideologischen Gräben mehr geben und kein altes Besitzstandsdenken.
Wäre ich heute Kultusminister, so würde ich mich sofort um Folgendes kümmern:
Baden-Württemberg braucht einen echten Bildungsgipfel. Aus diesem heraus entsteht eine anerkannte und breit besetzte Reformkommission mit dem Auftrag, die neue Schule zu planen und auf den Weg zu bringen.

Finanzexperten erhalten den Auftrag zu ermitteln, wie rentabel frühe Investitionen in ein Schulsystem sind mit dem Ziel, keine Verlierer mehr zu produzieren –und wie teuer die jetzigen „Reparaturmaßnahmen“ die Gesellschaft kommen.
Auf Etikettenschwindel wie etwa die „Werkrealschule“ als Weiterentwicklung der Hauptschule wird verzichtet. Die Pflichtschulzeit beträgt künftig zehn statt neun Jahre.
Leistungsvergleiche gibt es nicht mehr im Zweitliga-Niveau mit den anderen Bundesländern. Wir wollen uns international messen und schauen deshalb über die Ländergrenzen, um zu lernen.

Die Formel vom erfolgreichen gegliederten Schulsystem wird im Mülleimer der Geschichte versenkt.

Rudolf Bosch
Veröffentlicht am 05.01.09
in der Südwestpresse

Infos zum Netzwerk „Länger gemeinsam lernen“ und Eintragung in die Unterstützerliste unter: www.laenger-gemeinsam-lernen-bw.de

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