 | (b&w 12/07 Seite 26f)
| Leider kein Thema an Schulen!
Homosexualität: Die gleichberechtigte Darstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen ist im Unterricht bisher nicht verankert. Zur Antwort des KM auf die parlamentarische Anfrage der Grünen im Landtag nimmt der GEW-AK Stellung.
Das im August 2006 in Kraft getretene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) führt dazu, dass die Gleichstellung lesbischer und schwuler Lebensweisen im Zusammenhang mit dem Recht auf Bildung auch in Baden-Württemberg mehr ins Blickfeld rückt. Ziel des Gesetzes ist es, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. Dies hat die Abgeordnete Renate Rastätter (B 90/die Grünen) zum Anlass genommen, beim Kultusministerium (KM) in einer Parlamentarischen Anfrage unter dem Titel „Gleichberechtigte Darstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen im Unterricht verankern“ nachzufragen, in welcher Art und Weise die Thematik der gleichgeschlechtlichen Lebensweisen in Schule und Unterricht thematisiert werden und wie Diskriminierungen und Vorurteilsbildung entgegengewirkt wird.
Dabei erweckt die Antwort des Kultusministeriums den Eindruck, als hätte die Lebensweisenpädagogik inzwischen verbreitet Einzug an den Schulen, Seminaren und Universitäten gehalten (wörtliche Zitate aus der Antwort des KM in Anführungszeichen):
Bildungsplan
Der neue Bildungsplan gebe Raum für die Thematisierung schwuler und lesbischer Lebensweisen, „auch wenn das Thema ‚gleichgeschlechtliche Lebensweisen' […] im neuen Bildungsplan nicht ausdrücklich erwähnt wird“. So stehe fest, dass „alle Fragen, die Jugendliche bewegen, in der Schule ihren Platz finden sollten“. Der Kultusminister zeigt auf, dass das Thema in unterschiedlichsten Fächern (Religion, Ethik, Geschichte, Biologie, Deutsch, Fremdsprachen) behandelt werden könne. Es böte sich z.B. in den Sprachen an, das Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen anhand einer Lektüre aufzuarbeiten und somit die Jugendlichen bei der Entwicklung der eigenen Identität zu unterstützen.
Wir begrüßen, dass der Kultusminister die Notwendigkeit sieht, dem Thema gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der Schule Raum zu geben. Niemand darf wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Da im Bildungsplan allerdings lesbische und schwule Lebensweisen nicht benannt werden, hängt es ausschließlich vom Engagement der Lehrer/innen ab, ob sie das Thema ansprechen. Deswegen fordert die GEW, dass in den Bildungsplänen gleichgeschlechtliche Lebensweisen explizit benannt werden.
Aus- und Fortbildung von Lehrkräften
Damit (künftige) Lehrkräfte Kindern und Jugendlichen einen diskriminierungsfreien Umgang mit der Vielfalt von Lebensformen nahe bringen können, muss das Thema sowohl in die Pflichtcurricula der Lehramtsstudiengänge als auch in die Inhalte von Lehrkräftefortbildungen Eingang finden. Dies geschieht momentan noch nicht. Bei der Ausbildung wie auch bei der Fortbildung von Lehrkräften gebe es „zu dieser Frage keine expliziten Angebote“. Das Ministerium geht davon aus, dass die sexuelle Orientierung bei Veranstaltungen an den Universitäten und im Rahmen der Lehrkräftefortbildung innerhalb verschiedenster Fortbildungsangebote thematisiert werde, denn es sei „Intention der Lehrkräftefortbildung im Land, dass Themen, die die genannte Fragestellung berühren, Gegenstand von Fachfortbildungen sind, die von schulartübergreifenden Angeboten ergänzt werden.“ Letzteres geschieht so gut wie gar nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen.
Unterrichtsmaterialien
Der Kultusminister hebt hervor, dass „Unterrichtsmaterialien in Baden-Württemberg […] den Vorgaben des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes entsprechen“ müssten. Ein Handlungsbedarf bei der Zulassungspraxis von Schulbüchern wird daraus nicht abgeleitet. Rau überlässt die Thematisierung der sexuellen Orientierung den Schulbuchverlagen und vermittelt, dass die Bildungspläne dafür Grundlage genug seien.
Spielräume nutzen!
Jede einzelne Lehrerin, jeder einzelne Lehrer kann sich nun ermuntert fühlen, im Unterricht offen mit dem Thema umzugehen, unterschiedliche Lebensweisen sichtbar zu machen und den Schüler/innen Kompetenzen im Umgang mit Anderssein zu vermitteln. Einige engagierte Kolleg/innen nutzen diesen Spielraum schon jetzt. Dennoch dominiert in Unterrichtsmaterialien und Unterrichtspraxis ein einseitig heterosexuelles Familienleitbild bzw. heterosexueller Lebensentwurf, in dem die Erfahrung von 5-10 Prozent der Jugendlichen, die sich lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell entwickeln, ignoriert und ausgegrenzt wird.
Dies betrifft auch Kinder aus so genannten Regenbogenfamilien mit lesbischen oder schwulen Elternpaaren. Als Beispiel sei hier die Erfahrung einer lesbischen Mutter zitiert, die sich beim Elternabend outete: Nachdem die Grundschullehrerin erklärt hatte, wie tolerant sie sei, fielen die Worte „wir haben auch Eltern mit anderen Krankheiten, wir haben auch Alkoholikerfamilien“ (Thomas Hofsäss, „Zur aktuellen Situation von Regenbogenfamilien“. Berlin 2001).
Das Erlernen von sozialer und emotionaler Kompetenz im Umgang mit Menschen, die jeweils anders sind als die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor einer humanen Gesellschaft. Laut der Studie von Wilhelm Heitmeyer, „Deutsche Zustände von 2003“, nehmen Ressentiments gegenüber Homosexuellen speziell bei männlichen Jugendlichen wieder zu. Als besonders homophob eingestellt erweisen sich männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund, in deren Männlichkeitsvorstellung die Existenz von Schwulen nicht tolerierbar ist und die auch nicht akzeptieren wollen, dass es in der je eigenen Community Schwule und Lesben gibt. Hier hat die Schule einen wichtigen Beitrag zu leisten, wenn sie nicht kapitulieren will vor Intoleranz und Gewaltandrohung, Missachtung und Abwertung. Immer noch ist „schwul“ das häufigste Schimpfwort auf unseren Schulhöfen. Deshalb fordert die GEW:
- Aufnahme der Thematik in die Lehrerausbildung und -fortbildung (u.a. mit lesbisch-schwulen Multiplikator/innen) statt anhaltender Tabuisierung;
- Finanzielle Unterstützung der lesbisch-schwulen Aufklärungsprojekte im Land;
- Deutliche Impulse des Kultusministeriums für ein Schulklima der Akzeptanz von Unterschieden und Offenheit z.B. gegenüber den Schulbuchverlagen und bei der Bildungsplanarbeit sowie in der Schulentwicklungsarbeit;
- Qualifizierte Fortbildungen für Schulpsycholog/innen, Beratungslehrkräfte und Gewaltpräventionsberater/innen.
Ruth Schwabe AK Lesbenpolitik
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