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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2009 - November 2009 - Kinderarmut/Bildungsarmut

Kinderarmut/Bildungsarmut

(b&w 11/09
Seite 16ff.)

Vererbte Chancenlosigkeit?

Kinderarmut/Bildungsarmut: Das Problem diskutierten auf Einladung der GEW Baden-Württemberg verschiedene Expert/innen am 26. September in Stuttgart. Ute Kratzmeier und Michael Futterer kommentieren die Veranstaltung.

Seit einigen Jahren hat sich in unserem Land der Begriff der „woorking poor“ eingebürgert. Das sind Menschen, die zwar in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, die aber von ihrem Einkommen noch nicht einmal das Existenzminimum bestreiten können und deshalb auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Bereits 2006 gab es in Deutschland 300.000 Vollzeitbeschäftigte, die zusätzliche Leistungen aus dem Arbeitslosengeld II erhielten – dazu kamen mehrere hunderttausend Menschen, mit einer Teilzeitbeschäftigung oder einem so genannten Minijob.

Die Existenz von Armut kann in der öffentlichen Diskussion und in der Politik nicht mehr verschwiegen, geleugnet oder tabuisiert werden. Dies hat sicher auch mit der Erkenntnis zu tun, dass Minderjährige in besonderem Maße davon betroffen sind. Je nach Berechnung leben zwischen 13 und 19 Prozent der Kinder und Jugendlichen in relativer Armut. Sie kann man nicht für ihre Lage verantwortlich machen, ihnen kann man keinen Leistungsmissbrauch vorwerfen und auch der Appell an die Eigenverantwortung geht hier fehl.

Deregulierung und Arbeitslosigkeit erzeugen Armut

Armut ist ein komplexes Thema – der Begriff ist nicht nur eine objektiv messbare sozialwissenschaftliche Größe, sondern auch politischer Kampfbegriff und insoweit Ideologie behaftet. Dies beginnt bereits mit der Frage, wann jemand als arm gelten kann und wie der Begriff überhaupt inhaltlich zu definieren ist. Unstrittig ist: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den letzten 25 Jahren immer weiter geöffnet. Mehr Reichtum für Wenige einerseits, andererseits haben immer weniger Menschen die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt selbständig zu bestreiten. Und selbst wer in einem Beschäftigungsverhältnis steht, ist von sinkenden Löhnen und Kaufkraftverlust betroffen.

Unbestreitbar ist die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses in Deutschland eine Ursache der zunehmenden Armut. Als „normal“ gilt ein Arbeitsverhältnis, das sozialversicherungspflichtig, mit mindestens der Hälfte der üblichen vollen Wochenarbeitszeit und einem unbefristeten Arbeitsvertrag ausgeübt wird. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte dazu im Sommer einige Daten: Danach sank in den vergangenen zehn Jahren die Quote der „normal“ Beschäftigten von 72,6 Prozent auf nur noch 66 Prozent. Die Zahl der untypisch Beschäftigten ist in den vergangenen zehn Jahren um 2,5 Millionen auf 7,7 Millionen gestiegen. Der Vizepräsident des Statistischen Bundesamts, Weigel, kommentierte dies mit den Worten: „Die neuen Erwerbsformen haben sich etabliert“.

Neue Aufgaben für Bildung und Schule?
Verschiedene Ansätze sind möglich.

Erzieher/innen und Lehrer/innen sind in ihrer Arbeit mit Kinderarmut konfrontiert. Seit der Pisa-Studie ist der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland öffentlich geworden und kann nicht mehr länger ignoriert werden. Offensichtlich gibt es einen Teufelskreis von Armut zu Bildungsarmut hin zu erneuter Armut. Welche Aufgabe haben Bildung und Schule hier? Die Antworten auf diese Frage fallen ganz unterschiedlich aus:




Prof. Dr. Christoph Butterwegge bei der GEW-Tagung

  • Christoph Graffweg ist Schulleiter der Fröbelschule, einer Förderschule in Wattenscheid. Da in seiner Zeit als Schulleiter nur vier seiner Schüler nach dem Abschluss einen Ausbildungsplatz bekamen, hat er den Lehrplan komplett umgestellt: Neben Geometrie und Grammatik steht dort auch „Hartz IV“ auf dem Stundenplan. Seine Aufgabe sei es, so Graffweg, die Schüler/innen auf das Leben nach der Schule vorzubereiten und als einzige Perspektive sehe er für sie im Moment die Arbeitslosigkeit und Hartz IV. Die regulären Schulbücher hat Christoph Graffweg aus seinen Klassen verbannt. Begründung: „In diesen Mathebüchern wird mit Krediten gerechnet, da werden Häuser gebaut und Fahrradtouren gemacht. Meine Schüler werden keine Häuser bauen, die machen keine Fahrradtouren, aber sie werden einkaufen müssen und vor allem billig einkaufen müssen, und das üben wir hier.“ Aldi-Prospekte statt Schulbücher…
    In der GEW-Bundeszeitschrift „Erziehung & Wissenschaft“, Ausgabe Oktober 2004 mit dem Titel „Teufelskreis Armut – Bildungspolitik die beste Sozialpolitik“, kritisierte die Soziologieprofessorin Jutta Allmendinger, dass Bildungspolitik noch immer nicht als Teil einer präventiven Sozialpolitik gesehen werde, was gesamtgesellschaftlich fatale Auswirkungen habe. Allmendinger führt dort den Begriff der Bildungsarmut ein und vertrat die Auffassung, dass ein großer Teil dieser Jugendlichen Potenziale habe, die gehoben werden könnten und entwickelt werden müssten. Die Bildungspolitik habe hier eine Bringschuld, insbesondere für jene, die aus bildungsschwachen Familien kämen.
  • Prof. Dr. Christoph Butterwegge stellt die Frage, ob Bildung und Schule tatsächlich einen Ausweg aus der Armut bieten. Können sie einen Beitrag zur Überwindung von sozialer Ungleichheit leisten? Butterwegge sieht das in seinem Beitrag skeptisch: Bildung ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, um die Gesellschaft gerechter und Aufstiegswege transparenter zu machen. Bildungspolitik und schulische Praxis kommen an systemische Grenzen, die verteilungspolitisch aufgebrochen werden müssen. Die in den letzten Jahren in Mode gekommene Überbetonung der Rolle der Bildung lenke letztlich von der notwendigen Umverteilung ab (siehe Beitrag S. 12).


Linkes Bild: Die stellvertretende DGB-Landesvorsitzende Marion v. Wartenberg bei der GEW-Tagung zum Thema „Kinderarmut/Bildungsarmut“.

Die Teilnehmer/innen der GEW-Tagung zum Thema „Kinderarmut/Bildungsarmut“ im Gespräch.

  • Wolfgang Büscher, Pressesprecher des Kinder- und Jugendvereins „Die Arche“, berichtet von den Alltagserfahrungen mit obdachlosen und sozial verwahrlosten Kindern und Jugendlichen in Berlin (siehe Beitrag S. 20). Deren Lage ist dramatisch, besonders in der Bundeshauptstadt: „40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Berlin leben von Hartz IV“. Viele dieser Kinder können an keinen Schulausflügen teilnehmen und haben ihren Stadtteil noch nie verlassen, so Büscher. Um diese Armut zu bekämpfen, bedarf es zwar politischer Entscheidungen, die Arche ist jedoch für die Hilfe an Ort und Stelle da. Inzwischen gibt es Archen in vielen Städten, zuletzt in Potsdam. In Stuttgart war gleichfalls eine Dependance geplant, jedoch zierte sich die Stadt: das mit der Eröffnung einer Arche verbundene Eingeständnis, dass auch im Ländle Kinderarmut ein akutes Problem ist, haben die Verantwortlichen wohl gescheut.
  • Gisela Vomhof-Hänisch: Nach ihren Erfahrungen ist Arbeitslosigkeit die Armutsfalle Nummer 1. Diese Erkenntnis führte in Stuttgart zur Gründung der Initiative „Reiche Stadt – arme Kinder“ (siehe Beitrag S. 18). In Stuttgart leben derzeit etwa 15.000 Kinder von Hartz IV. Viele Mitarbeiter/innen der Initiative sind selber Betroffene. Das zentrale Anliegen ist es, die politische Verantwortung für die Folgen von Hartz IV deutlich zumachen. Deshalb sind die Kommunalpolitiker die hauptsächlichen Ansprechpartner für die Initiative. Auf Ebene der Kommune wurden schon einige Vorschläge entwickelt, wie arme Kindern unterstützt werden können, wovon zum Beispiel das so genannte „Ranzengeld“ von 100 Euro in Stuttgart bereits umgesetzt wurde. So wird für Sozialgeldempfänger/innen die schulische Erstausstattung für ihre Kinder erschwinglich. Weitere Vorschläge sind die Einführung eines kostenfreien Mittagessens an den Schulen für alle Kinder, die Stärkung der frühen Förderung, zum Beispiel auch durch kleinere Klassen und kostenlose Nachhilfe. Die Initiative wünscht sich für die nahe Zukunft eine bessere Vernetzung vor allem mit den Schulen. Mit einer guten Öffentlichkeitsarbeit versucht man, die Bevölkerung für die Anliegen armer Familien und hier insbesondere der Kinder zu sensibilisieren.
  • Tanja Saggasser, SPD-Gemeinderätin aus Heilbronn, favorisiert die Bemühungen der Stadt Heilbronn, um die Kinderarmutsquote von 20 Prozent zu verringern. Die Kommune setzt vor allem auf den Ausbau der Ganztagsbetreuung und zielt auf einen Versorgungsgrad von 100 Prozent. Abgeschafft wurden die Kita-Gebühren, außerdem wird in 86 Kitas intensive Sprachförderung angeboten. Bei einem Anteil von 47 Prozent Kindern mit Migrationshintergrund ist dies in Heilbronn besonders wichtig. Den Migrant/innen wird außerdem eine spezielle Nachhilfe angeboten. Ebenfalls umgesetzt ist das Schulstarterpaket, was der Intention des Stuttgarter „Ranzengeldes“ entspricht. Die Stadt Heilbronn beschäftigt drei bis vier Schulsozialarbeiter/innen und betreibt derzeit den Einstieg in ein so genanntes Quartiersmanagement, mit dem u.a. die Elternarbeit angestoßen bzw. intensiviert werden soll.
  • Dr. Beatrice Büchsel, Mitglied im Bundesvorstand des entwicklungspolitischen Kinderhilfswerks terres des hommes, lenkt den Aspekt zunächst auf die globale Kinderarmut, dem Haupttätigkeitsfeld von terres de hommes. „Die wirtschaftlichen Verhältnisse machen die Menschen zu Armen oder Reichen. Die Armut wächst mit dem Reichtum. Tödliche Armut und chancenloser Mangel sind als politisches und wirtschaftliches Versagen identifiziert“, so Büchsel. Terres des hommes setzt bei der Armutsbekämpfung ebenfalls auf Bildung. Die Erfahrungen zeigten, dass dies dann erfolgreich sein kann, wenn Bildung an die lokale, vielfältige Lebenswelt der jeweiligen Adressaten angepasst ist. Die Art und Weise, wie Schule in Deutschland „gemacht“ wird, ist im Wesentlichen an der Mittelschicht orientiert. Deren Werte, Normen und Bezüge bestimmen die Vorstellung darüber, wie Schule sein soll. Dies hat zur Folge, dass Schüler/innen, die in den abgehängten Parallelgesellschaften aufwachsen, kaum eine Chance haben, in der Schule zu bestehen – dies gilt insbesondere für Gymnasien.
  • Erhard Korn, Schulleiter der Blankenstein Schule in Steinheim, einer Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule, wies darauf hin, dass sich Hauptschulen immer mehr zu Schulen für Migrant/innen mit niedrigem sozialen Status entwickeln. Die Armut von Kindern ist an diesen Hauptschulen enorm präsent. Schon ein geringer Unkostenbeitrag für das Mittagessen kann die Eltern dieser Kinder vor unüberwindliche Probleme stellen. Die geringe Heterogenität der Schülerschaft reduziert überdies das soziale Lernen mit- und voneinander. Es fehlt an Vorbildern und Alternativen. So trägt die Schule ihrerseits dazu bei, dass sich soziale Lagen verfestigen und reproduzieren. Bildungspolitik kann durch gebührenfreie Kitas, durch gute Ganztagsschulen, durch demokratische und von Wettbewerbs- und Selektionsdruck befreite Schulen, durch gezielte Unterstützung und individuelle Förderung der Schwächeren sicher einen guten Beitrag leisten, die Folgen von Benachteiligung zu mildern. Die Bekämpfung der Ursachen, nämlich die seit Jahrzehnten andauernde Umverteilungspolitik zu Lasten der Schwächsten, muss an anderer Stelle geschehen.

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