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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2008 - April 2008 - Kommentar

Kommentar

(b&w 4/08
Seite 13)

Modellversuche zur Lehrerarbeitszeit: Beerdigung dritter Klasse!

Wieder einmal hat das Kultusministerium eine Chance vertan, gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern eine dringend notwendige Reform auf den Weg zu bringen. Dass die Modellversuche zur Neubewertung der Arbeit und zur Arbeitsorganisation von Lehrerinnen und Lehrern schon zu Zeiten von Kultusministerin Schavan ein wenig geliebtes Projekt waren, ist bekannt. Ihr Nachfolger, Kultusminister Rau, hat diese Linie getreulich fortgesetzt.

Weder er noch sein Staatssekretär noch der Amtschef des Ministeriums hielten es für nötig, an der letzten Sitzung der Arbeitsgruppe Lehrerarbeitszeit teilzunehmen. Es hätte sich zumindest gehört, dem Vorsitzenden der AG, dem ehemaligen Staatssekretär Lorenz Menz, für seine Arbeit zu danken. Auch die gute Begleitung der Modellversuche durch das Landesinstitut für Schulentwicklung wurde kaum gewürdigt. So wurde die letzte Sitzung der Arbeitsgruppe zu einer Beerdigung dritter Klasse.

Das Kultusministerium ging offensichtlich von vorneherein mit der festen Absicht an die Sache heran, das Thema sang- und klanglos zu den Akten zu legen. Dabei ist es inzwischen hinlänglich bekannt, dass die Bewertung der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern ausschließlich nach der Zahl der zu haltenden Unterrichtsstunden pro Woche schon lange nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Der Grundsatz „Schule ist mehr als Unterricht“ muss sich auch in der Bewertung von Arbeit und Arbeitszeit niederschlagen.
Hinzu kommt, dass immer mehr neue Lern- und Arbeitsformen in die Schule Einzug halten und Lehrerinnen und Lehrer stärker zusammenarbeiten als früher. Und das ist auch gut so. Das Festhalten an der Deputatsregelung dagegen erschwert diesen Veränderungsprozess; das Lernen im 45-Minuten-Takt wird zementiert.

Die Leid Tragenden sind die Schülerinnen und Schüler, die auch in Zukunft am Vormittag bis zu sechs Unterrichtsstunden à 45 Minuten, sechs verschiedene Fächer und im schlimmsten Fall sechs verschiedene Lehrerinnen oder Lehrer über sich ergehen lassen müssen. Nachhaltiges Lernen jedenfalls sieht anders aus.

Den Kürzeren ziehen aber auch die Lehrerinnen und Lehrer. Die Deputatsregelung ermöglicht es dem Arbeitgeber, die Arbeitszeit beliebig zu manipulieren, die Unterrichtsverpflichtung nach Gutsherrenart zu erhöhen und neue und zusätzliche Aufgaben draufzupacken, ohne an anderer Stelle für Entlastung zu sorgen. Die Folgen dieser Politik sind bekannt – nämlich überlastete Lehrerinnen und Lehrer, die nach wie vor viel zu sehr als Einzelkämpferinnen und -kämpfer und nicht als Team ihre Aufgaben zu bewältigen versuchen. Alle Belastungsstudien belegen, dass eine wesentliche Ursache für die hohe Belastung von Lehrer/innen darin begründet ist, dass Arbeit und Arbeitszeit nicht oder kaum begrenzt sind. Wir alle kennen das Gefühl, mit unserer Arbeit nicht wirklich fertig zu sein. Auch aus diesem Grund hat sich die GEW viele Jahre für eine Neubewertung der Arbeit und neue Formen der Arbeitsorganisation eingesetzt.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Frage, wie Lehrer/innen arbeiten, eine Schlüsselfrage nicht nur für unsere Gesundheit und Arbeitszufriedenheit, sondern auch für die Qualitätsentwicklung an Schulen darstellt.

Jede Arbeitszeitregelung hat das Ziel, Arbeit zu begrenzen. Genau dieses Ziel erfüllt die Deputatsregelung nicht (mehr). Vielleicht hat das Kultusministerium gerade deshalb kein allzu großes Interesse an einer Neubewertung. Das wäre wenigstens verständlich. Warum aber die Lehrerverbände des Beamtenbundes krampfhaft an der Deputatsregelung festhalten, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Ob sie damit die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, darf bezweifelt werden.

Die GEW jedenfalls wird das Thema „Arbeit und Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern“ weiter auf die Tagesordnung setzen. Wir werden uns auch in Zukunft nicht damit abfinden, dass unsere Arbeitszeit beliebig ausgeweitet wird.

Rainer Dahlem

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