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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2007 - Juni 2007 - Lehrerarbeitszeit

Lehrerarbeitszeit

(b&w 6/07
Seite 9)

Neubewertung durch Modellversuche

Lehrerarbeitszeit: Seit knapp 2 Schuljahren laufen an 17 Schulen im Land Modellversuche zur Neubewertung der Arbeit von Lehrer/innen. Erste Ergebnisse liegen nun vor. Am Ende des laufenden Schuljahrs werden sie ausgewertet, dann muss die Diskussion um eine Neubewertung der Arbeit weitergehen.

Zur Erinnerung: Vor einigen Jahren gab es in Baden-Württemberg eine heftige Diskussion um die Bewertung der Arbeit von Lehrer/innen. Die damalige Kultusministerin Annette Schavan preschte mit verschiedenen Vorschlägen für eine Veränderung bei der Organisation der Arbeit vor. Nicht nur um diese Ideen abzuwehren entwickelte die GEW eigene Vorschläge für eine Neubewertung der Arbeit von Lehrer/innen. Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt. Frau Schavan setzte in der AG durch, dass das sog. Bandbreitenmodell und die Kooperationszeit eingeführt wurden. Die GEW setzte durch, dass Modellversuche zur Neubewertung der Arbeit ausgeschrieben und durchgeführt wurden.

17 Schulen führen seit dem Schuljahr 2005/2006 unter Begleitung des Landesinstituts für Schulentwicklung (LS) einen selbst konzipierten Modellversuch zur Arbeit von Lehrer/innen durch. Die Modellversuche der 17 Schulen (5 GHS, 1 RS, 3 Gym, 2 SoS, 6 BS) setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Die erprobten Elemente wurden vom LS in vier Handlungsbereiche eingeteilt:

„Innovative Formen der Kooperation und Arbeitsteilung“.
Im Rahmen dieses Handlungsfeldes befassen sich Schulen mit jahrgangs- und fächerübergreifendem Unterricht, der beispielsweise in Projekten, Wahlkursen und ‘Ateliers’ stattfindet. Kolleg/innen planen und halten Unterricht teilweise in Teams.
„Ermöglichen von Freiräumen und Delegation von Verantwortung“. Ausgehend von der Weiterentwicklung kollegialer Kooperation, Teamteaching, Arbeitsteilung und verbesserten Kommunikationsstrukturen erfolgt in diesem Handlungsbereich die gemeinsame Wochen- oder Jahresplanung sowie die gemeinsame Planung und Durchführung von Unterricht im Team. Teams können selbstverantwortlich Deputate und die Organisation des Unterrichts festlegen.
„Schwerpunktsetzung und Flexibilisierung des Unterrichts“. Hier setzen Schulen verstärkt auf neue, flexible Zeitstrukturen für Unterricht. Einzelne Fächer werden konzentriert innerhalb eines Zeitabschnitts unterrichtet.
„Erhöhung von Transparenz und Gerechtigkeit“. Diese Modelle zielen darauf, den Aufwand für schulische Tätigkeiten zu dokumentieren, der über Unterricht und die damit verbundene Vor- und Nachbereitung hinausgeht. Neben der reinen Erfassung werden dabei auch die gleichmäßigere Verteilung und Verrechnung dieser Tätigkeiten in Angriff genommen. Besondere Belastungen können berücksichtigt werden, Entlastungen an anderer Stelle sind möglich.

In zwei Zwischenuntersuchungen mit einem vom LS entwickelten Fragebogen haben die Schulen die Modellversuche und die mit ihnen verbundenen Veränderungen der Arbeit bewertet.

Unterschiedliche Entlastungseffekte

Insgesamt ließen sich viele Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Schulen feststellen. Mit den Ergebnissen in den Bereichen „Arbeitszufriedenheit“, „Schulleitung“ und „Zusammenarbeit“ waren die Lehrer/innen an den Modellschulen eher zufrieden.

Unzufrieden zeigten sich die Lehrer/innen bei der Skala „Umgang mit Belastungsspitzen“. Offensichtlich haben die Lehrer/innen auch in den Modellversuchen wenig Möglichkeiten, Belastungsspitzen zu vermeiden. Die „normale“, kontinuierliche Belastung wird von den Lehrer/innen als nicht so gravierend eingeschätzt. Auch mit dem Bereich „Mitsprache/Einflussmöglichkeiten“ zeigten sich die Lehrer/innen nicht zufrieden. In diesen Bereichen muss offensichtlich noch nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht werden.

Die Lehrer/innen scheinen der Meinung zu sein, dass sich die Modelle auch unter den gegebenen Rahmenbedingungen durchführen lassen. Die meisten Modelle bewirken deutliche positive Effekte hinsichtlich der Qualität von Unterricht. Teilweise ist dieser Aspekt ein erklärtes Ziel der Modellschulen, in anderen Fällen tritt dieser Effekt als positive Nebenwirkung auf. Eine Erhöhung von Transparenz und Gerechtigkeit in Bezug auf die Arbeitsverteilung wird bei allen beteiligten Schulen, die diese Dimension evaluiert haben, erreicht.

Allerdings treten Entlastungseffekte meist nur marginal auf. Überwiegend ist eine Belastungszunahme durch die eingeführten Modelle zu verzeichnen. Das Erzeugen unmittelbarer Entlastungseffekte ist nur in wenigen Modellen und nur ansatzweise gelungen. Die neu eingeführten Kooperationsformen, wie bspw. Teamteaching, bedingen zunächst einen höheren Aufwand an Absprachen und Organisation.

Entlastungseffekte sind jedoch auf anderen Ebenen vorhanden: etwa die Möglichkeit, im Unterricht stärker differenzieren zu können, Unterstützung in schwierigen Klassen zu erhalten u.a.. Eine zentrale Dimension des Modellversuchs – höhere Arbeitszufriedenheit zu erreichen – wird bereits zum jetzigen Zeitpunkt überwiegend erreicht.

Die Chancen der erprobten Organisationsmodelle liegen vor allem in der Gestaltung und Weiterentwicklung der Bereiche Kooperation, Partizipation, Transparenz und Gerechtigkeit, die wiederum Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit haben.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Zufriedenheit von Lehrer/innen und die Qualität ihrer Arbeit durch neue Formen der Arbeit an Schulen erhöhen lassen. Allerdings verbunden mit einer höheren Belastung. Dieser Befund muss bei der Abschlussuntersuchung im Herbst 2007 eingehend geprüft werden.

Für die Weiterarbeit an den Modellversuchen wurde den Schulen zugesichert, dass sie weiterhin die für die Entwicklung der Modelle zusätzlichen Lehrerstunden zugewiesen bekommen. Das LS wird im Herbst 2007 einen Bericht über die Ergebnisse der Modellversuche vorlegen. Die GEW wird die Bewertung der Ergebnisse kritisch und konstruktiv begleiten und Sorge tragen, dass keine Modelle verpflichtend eingeführt werden, die zu einer stärkeren Belastung der Lehrer/innen führen.

Klar ist auch, dass mit dem Abschluss der Modellversuche noch keine endgültigen Einschätzungen über das komplexe Thema „Neubewertung der Arbeit von Lehrer/innen“ möglich sind. In weiteren Untersuchungen muss geprüft werden, wie die Belastung der Lehrer/innen verringert werden kann und wie gute Elemente einer Neubewertung der Arbeit von anderen Schulen umgesetzt werden können. Beides wird es nicht zum Nulltarif geben.

Michael Hirn

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