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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2010 - September 2010 - Lehrer/innenbildung - Reform

Lehrer/innenbildung - Reform

(b&w 9/10
Seite 30)

Grundlegende Reform der Lehramtsstudiengänge

Lehrer/innenbildung: Die seit Jahren angekündigte Reform der Lehramtsstudiengänge für Grund-, Haupt- und Realschulen befindet sich in einer entscheidenden Phase. Ende Juli hat der Ministerrat die Eckpunkte der geplanten Reform verabschiedet.

Die neuen Studien- und Prüfungsordnungen sollen zum Wintersemester (WS) 2011/2012 an den Pädagogischen Hochschulen (PHn) in Kraft treten. Bis dahin steht noch viel Arbeit bevor, denn im Gegensatz zu den derzeit gültigen Prüfungsordnungen sollen die Inhalte der Studienfächer an den einzelnen Hochschulen im WS 2010/2011 definiert werden. Ob zum WS 2011 auch eine neue Prüfungsordnung für das Lehramt für Sonderpädagogik fertig wird, ist noch ungewiss. Folgende gravierende Änderungen sind geplant:

  • Es wird je ein eigenständiges Lehramt für Grundschulen und eines für Hauptschulen/Werkrealschulen/Realschulen geben. Das „Lehramt an Sonderschulen“ wird umbenannt in „Lehramt für Sonderpädagogik“.
  • Die Regelstudienzeit für die Lehrämter für die Grundschule sowie für Hauptschule/Werkrealschule/Realschule wird auf acht Semester erhöht; die des Lehramtes für Sonderpädagogik wird nach einer Presserklärung des Kultusministeriums auf neun Semester erhöht.
  • Die Prüfungsordnungen geben nur noch vereinzelt Inhalte vor. Stattdessen werden Kompetenzen und Credit Points vorgegeben, die an den Hochschulen in eine modularisierte Studienstruktur im Sinne der Bologna-Reform umgesetzt werden sollen. Die erste Staatsprüfung wird erhalten bleiben, allerdings soll es nur noch mündliche Prüfungen geben.
  • Die schulpraktischen Studien werden umgestaltet. Nach einem Einführungspraktikum soll es ein integriertes Semesterpraktikum in Form eines von den Hochschulen betreuten Praxissemesters* mit intensiver Verzahnung zu Lehrveranstaltungen an der Hochschule geben. Gegen Ende des Studiums absolvieren die Studierenden ein ebenfalls von den Hochschulen betreutes Professionalisierungspraktikum mit dem Schwerpunkt des forschenden Lernens.
  • Alle Studienbewerber/innen müssen einen obligatorischen Selbsttest für die Studieneignung absolvieren.

Das Grundschullehramt soll aus dem erziehungswissenschaftlichen Bereich sowie aus Kompetenzbereichen und Fächern bestehen. Es soll auf die Bildung und Erziehung von fünf- bis zehnjährigen Kindern ausgerichtet sein. Dazu müssen alle Studierenden Deutsch und Mathematik sowie zwei weitere Kompetenzbereiche studieren. Deutsch oder Mathematik sowie ein weiterer Kompetenzbereich müssen im weiteren Studium vertieft werden. Diese beiden Fächer haben, trotz der Verlängerung der Regelstudienzeit, etwa den gleichen Umfang wie bislang ein Hauptfach, wenn man den Kompetenzbereich dazu rechnet. Die Verlängerung der Regelstudienzeit wird also nicht zu einer Vertiefung der fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Studien genutzt, sondern die Bereiche werden verbreitert. Der Umfang der Kompetenzbereiche entspricht in etwa dem Studienumfang der derzeit studierten affinen Fächer. Besondere Bedeutung soll im Studium dem Anfangsunterricht, Lernstandserhebungen, dem Erwerb von Beratungskompetenzen, der Lehrerpersönlichkeit sowie den interkulturellen Kompetenzen zugewiesen werden. Daneben sollen zahlreiche Querschnittskompetenzen und eine Grundqualifikation im musisch-ästhetischen Bereich erworben werden.

Das Lehramt für Hauptschule/Werkrealschule/Realschule wird mit einem erziehungswissenschaftlichen Bereich, einem Hauptfach und zwei Nebenfächern studiert. Im Hauptfach ist mit 66 Credit Points (CP) eine Vertiefung möglich, die Nebenfächer werden im Umfang mit 39 CP studiert, was ungefähr dem derzeitigen Leitfach im Realschullehramt entspricht. In den Studienfächern müssen fächerverbindende und auf die schulischen Fächerverbünde bezogene Module vorgesehen werden. Auch hier soll der Lehrerpersönlichkeit und der interkulturellen Kompetenz besonderes Gewicht gegeben werden. Analog zur Grundschule sind zahlreiche Querschnittskompetenzen zu erwerben. Allerdings wird auf den Erwerb einer Grundqualifikation im musisch-ästhetischen Bereich verzichtet. Hier wird die Verlängerung der Regelstudienzeit also eher für eine fachliche Vertiefung genutzt, wie es auch verschiedene empirische Studien zur Lehrerprofessionalisierung der letzten Jahre nahe legen.

Derzeit arbeiten Fachkommissionen mit Mitgliedern aus den PHn sowie den Seminaren für schulpraktische Ausbildung an den Kompetenzformulierungen, die in der Prüfungsordnung enthalten sein sollen. Insgesamt funktioniert die Kooperation zwischen dem Ministerium, den PHn und den Seminaren für schulpraktische Ausbildung, trotz teilweise widerstrebender Interessen, verhältnismäßig gut. Die Verlängerung der Regelstudienzeit, die aber im bundesweiten Vergleich immer noch eher am unteren Rand angesiedelt ist, die Reform der schulpraktischen Studien, die Schaffung von Lehrämtern, die an Altersstufen ausgerichtet sind, und die Ausgestaltung der Module an den PHn selbst, schaffen Chancen für eine Neustrukturierung der Lehrämter, die einen Professionalisierungsschub ermöglichen könnten.

Allerdings sind auch noch viele Fragen offen, z.B. beim Praxissemester: Wie gestaltet sich die Kooperation der PHn mit den Schulen im Praxissemester? Welche Ressourcen stehen dort für die Lehrkräfte, die die Ausbildung verantworten, zur Verfügung? Wie werden sie für diese Aufgaben qualifiziert? Es sind in den nächsten Monaten noch viele Hausaufgaben zu erledigen.

Joachim Schäfer
AG Lehrer/innenbildung

Der Kommentar

Ein Anfang ist gemacht

Die Landesregierung bringt teilweise Bewegung in die Ausbildung künftiger Lehrer/innen. Für die Lehrämter an Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Sonderschulen sollen neue Prüfungsordnungen in Kraft treten. Das sind die Lehramtsstudiengänge, die – einmalig in Deutschland – an Pädagogischen Hochschulen (PHn) angeboten werden. Und das ist ein Teil des Problems. Diese Ausbildung verläuft völlig getrennt vom Studium der Lehrer/innen an Gymnasien und Beruflichen Schulen an den Universitäten. So bildet sich auch in der Ausbildung die stark fragmentierte Struktur des baden-württembergischen Schulsystems ab – mit allen damit verbundenen Problemen.

Joachim Schäfer beschreibt die Probleme, die aus dem unsicheren Status der PHn entstehen. Ihnen fehlen eine verlässliche Grundlage und ein tragfähiges Konzept für eine Arbeit, die nicht ausschließlich auf die Lehrer/innenausbildung ausgerichtet ist. Die PHn werden von der Landesregierung mehr als stiefmütterlich behandelt. Egal wie es mit ihnen organisatorisch weitergehen soll: Sie brauchen eine personelle und finanzielle Ausstattung wie die Universitäten. Wer erstklassige Forschung und Lehre für künftige Lehrer/innen will muss sie auch bezahlen. Baden-Württemberg vernachlässigt die Schul- und Unterrichtsforschung an den PHn sträflich.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Nicht zuletzt durch die jahrelange Arbeit der GEW wird die Regelstudienzeit für diese Lehrämter verlängert. Ein richtiger Schritt. Niemand Fachkundiges konnte einsehen, warum Lehrer/innen der verschiedenen Schularten so unterschiedlich lange studieren. Die Anforderungen in den verschiedenen Altersstufen sind natürlich unterschiedlich – aber alle Lehrer/innen haben zunehmend komplexe Anforderungen zu erfüllen. Und darauf müssen sie alle gründlich vorbereitet werden. Die Verlängerung der Regelstudienzeiten war überfällig. Baden-Württemberg ist damit noch nicht an der Spitze der Bundesländer, wo es nach Bekundungen der Landesregierung eigentlich stehen sollte. Nordrhein-Westfalen hat (übrigens unter einer CDU/FDP-Regierung) mit einer mutigeren Reform der Lehrer/innenbildung gezeigt, wie es gehen kann.

Es ist aber noch nicht alles gut. Bei den Studiengängen, vor allem beim Lehramt für Grundschulen besteht die Gefahr, dass ein bunter Bauchladen mit allem Wünschenswerten gefüllt wird und die Fachlichkeit auf der Strecke bleibt. Ein Beispiel ist die neue „musisch-ästhetische Basisqualifikation“, die auf fragwürdige Einzelinteressen zurückgeht und eher zur Deprofessionalisierung beitragen und seminaristische Traditionen aufleben lassen wird. Die Hochschulen müssen sich bei der Ausgestaltung der Studiengänge selbstbewusst zu Wort melden und das wissenschaftliche Niveau ihrer Studiengänge verteidigen.

Michael Hirn

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