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| Impulse aus anderen Ländern
Lehrer/innenbildung: Die Aus- und Weiterbildung von Lehrer/innen ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor der international leistungsstarken Bildungssysteme. Was lässt sich daraus für die bevorstehende Schulreform in Baden-Württemberg lernen? Lehrer/innen müssen so aus- und weitergebildet werden, dass sie ihren Beruf, ihr Fach und die Organisation Schule forschungsorientiert weiterentwickeln können.
Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg beabsichtigt, die Lehrer/innenaus- und Weiterbildung neu zu strukturieren. Dabei stehen zwei Ziele im Vordergrund: zum einen soll die bislang nach Schularten gegliederte Ausbildung aufgegeben und in eine nach Schulstufen gegliederte Ausbildung überführt werden. Zum anderen soll für alle Lehrämter das pädagogisch professionelle Aufgabenverständnis weiter entwickelt werden. Lehrer/innen sollen vor allem "die neue Lehr- und Lernkultur" (Koalitionsvertrag, S. 9) unterstützen und die Schüler/innen stärker individuell fördern.
Damit erhält die langjährige Debatte um eine substantielle Reform der Lehrer/innenbildung in Baden-Württemberg wieder Aufwind. Bislang ist die Diskussion allerdings noch stark auf die Reformansätze in Deutschland beschränkt. Die Bologna-Beschlüsse zu einer vergleichbaren Lehrer/- innenausbildung in Europa oder auch internationale Erfahrungen werden kaum berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund hat sich am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg eine Arbeitsgruppe „Lehrer/innenbildung“ gebildet. Zum Auftakt ihrer Arbeit führte sie im Juli 2011 einen Workshop mit Andreas Schleicher (OECD) durch. Die Frage lautete: Wie müsste eine Lehrer/innenbildung aussehen, die zu den international leistungsstarken Bildungssystemen kongruent ist?
Neues Aufgabenverständnis
Ausgangspunkt aller Überlegungen zur Neuorganisation der Lehrer/innenbildung muss die Klärung des Aufgabenverständnisses von Lehrerinnen und Lehrern sein. Im herkömmlichen Verständnis ist die Hauptaufgabe von Lehrer/innen das Unterrichten und Wissen vermitteln. Dieses Aufgabenverständnis entspricht jedoch nicht den Anforderungen an moderne Schulen. Dazu sagte Andreas Schleicher: „Lehrer müssen heute nicht nur Wissen vermitteln können, sondern sie müssen Wissen entwickeln können – Lehrer sind Wissensarbeiter.“
Zudem sind in Schulen auch noch andere Tätigkeiten als das Unterrichten erfolgsrelevant. Eine hohe Bedeutung haben beispielsweise die Beratung von Schüler/innen und Eltern, die Begleitung der freien Lern- und Übungszeiten oder die Kooperation mit außerschulischen Einrichtungen und Vernetzung in den Sozialraum. Dabei zeigt sich im internationalen Vergleich, dass es sehr unterschiedliche Modelle gibt, wie diese Aufgaben in den Schulen verteilt sind. In Nordeuropa arbeiten multiprofessionelle Teams zusammen, in Ostasien sind die Lehrkräfte für alle Tätigkeiten zuständig, die mit der Erziehung und Bildung der Kinder zusammenhängen: vom Unterricht über die Hausaufgabenbetreuung bis zum Aufräumen der Klassenräume.
Die richtige Mischung finden
Gleichwie die Aufgaben verteilt werden – klar ist, dass Lehrerinnen und Lehrer sich als pädagogische Professionelle verstehen und auch so ausgebildet werden müssen. Das richtige Mischungsverhältnis zwischen Fachlichkeit und Pädagogik steht aktuell vor allem bei der Neuorganisation der Studiengänge in der Bachelor-Master-Struktur zur Diskussion. Diese Struktur verleitet dazu, die fachliche und die pädagogische Ausbildung in unterschiedlichen Studiengängen zu organisieren. „Einen Bachelor im Fach anzubieten und im Master erst die pädagogische Ausbildung zu beginnen, wäre die schlechteste Lösung“ (Schleicher). Stattdessen müssen pädagogische und fachliche Kompetenz von Anfang an als sich ergänzende Bestandteile der Professionalität im Lehrberuf vermittelt werden. Die zukünftige Lehrer-/ innenbildung in Baden-Württemberg sollte sich also vor allem an den Aufgaben von Lehrer/innen ausrichten und solides fachliches und fachdidaktisches Wissen mit pädagogischen Kompetenzen verschränken.
Dazu trägt auch möglichst frühzeitige Praxis in der Ausbildung bei. „International kann man sehen, dass die Praxisanteile in der Lehrerbildung immer weiter nach vorne verlagert werden“, erklärte Andreas Schleicher. Zum Teil werden einschlägige Praktika bereits bei der Auswahl von Studienbewerber/innen gefordert, spätestens aber im Grundstudium trägt ein Praktikum in einer Schule dazu bei, dass sich die Studierenden mit den Anforderungen im Berufsfeld auseinander setzen. Studium und Praktikum sind dabei eng auf einander bezogen. Die Praxis steht nicht im Kontrast zu einem theorielastigen Studium, sondern bietet Anregung für neue Forschungsfragen und Raum für die Reflexion von Erfahrungen. Für die Neuorganisation der Lehrer/innenbildung in Baden-Württemberg wäre die enge Verzahnung von Studium und Praxisphasen vor allem für alle Lehrämter anzustreben.
Zusammenarbeit zwischen Schulen und Hochschulen
Die Praxisorientierung in der Lehrerausbildung erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Schulen und Hochschulen. International betrachtet lässt sich feststellen, dass die Zusammenarbeit immer dann gut funktioniert, wenn sie als „gegenseitiges Geben und Nehmen“ verstanden wird. Die Vorstellung, dass die Hochschulen den Schulen ohne deren Zutun fertig ausgebildete Lehrer/innen liefern könnten, ist ein verbreiteter Irrtum der Politik. Diese Vorstellung trägt allemal dazu bei, die Kluft zwischen Hochschule und Schule zu vergrößern und führt zu der allseits kritisierten Praxisferne der Lehrer/innenbildung.
Beispiele für die gelungene Zusammenarbeit lassen sich in Kanada und Finnland finden. Dort ist die universitäre Ausbildung in ein breites Netz von Partnerschulen eingebunden, Schulleitungen und Lehrer/innen beteiligen sich an der universitären Lehre und umgekehrt bringen sich Lehrende und Studierende der Universitäten in das schulische Unterrichtsgeschehen ein. Damit einher geht auch eine andere Haltung zu Forschung. Dazu erläuterte Schleicher: „Forschung kann auch bedeuten, Erfahrungen zu sammeln und aufzubereiten und die Ergebnisse anderen zur Verfügung zu stellen.“ Dies gelte vor allem für die Erfahrung von Lehrer/innen, die in solchen Lehr-Forschungs-Verbünden transparent und damit anderen zugängig gemacht werden könnte.
Die dritte Phase
Die eigentliche Professionalitätsentwicklung im Lehrberuf findet erst nach dem Studium statt. Deshalb haben die international leistungsstarken Bildungssysteme ein aufeinander aufbauendes Konzept der Aus- und Weiterbildung für Lehrer/innen. Nach dem Studium wird der Einstieg in den Beruf durch Weiterbildung und Coaching begleitet. Und danach ist Weiterbildung als bezahlte Arbeitszeit in die Personalplanung einkalkuliert, in Singapur beispielweise im Umfang von 100 Stunden pro Jahr und Person. Das abgesicherte Zeitbudget verbunden mit praxisrelevanten Inhalten trägt in hohem Maße zur Akzeptanz der Weiterbildungspflicht bei, anders als „in Deutschland, wo die Lehrerfortbildung häufig von den Lehrern, den Eltern und der Schulleitung als Belastung empfunden wird“ (Schleicher). Ergänzend zu den Weiterbildungsmöglichkeiten in Hochschulen und Bildungseinrichtungen wäre eine systematische Personalentwicklung in den Schulen erforderlich. In regelmäßigen Entwicklungsgesprächen mit ihren Vorgesetzten sollten Lehrer/innen die Möglichkeit erhalten, ihre beruflichen Entwicklungswünsche mit den Planungen der Schulentwicklung abzugleichen und Personalentwicklungsmaßnahmen (z.B. Coaching, Weiterbildung, Zusatzstudium, kollegiale Supervision etc.) zu vereinbaren.
Solche Entwicklungsmaßnahmen werden in Deutschland dadurch erschwert, dass der Lehrerberuf kein offenes Karrierefeld ist. Es gibt keine Spezialisierungsmöglichkeiten in der Laufbahn eines Lehrers oder einer Lehrerin, wie Curriculumentwicklung, Elternarbeit, Beratung, Zusammenarbeit mit Universitäten oder Ähnliches. Horizontale Karrieren sind in Deutschland deshalb kaum möglich. Solche Karrierewege zu schaffen, wäre eine weitere Aufgabe, die durch Aus- und Weiterbildung unterstützt werden könnte. Schleicher: „Die Lehrer sollen ihren Beruf nicht nur ausüben, sondern sie sollen ihn weiterentwickeln.“ So gesehen könnte die Aus- und Weiterbildung der Lehrer/innen in Baden-Württemberg nicht nur ein Erfüllungsgehilfe der Schulpolitik sein, sondern kann selbst wesentliche Impulse zur Schulentwicklung generieren.
Prof. Dr. Carola Iller, Universität Heidelberg, Institut für Bildungswissenschaft

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