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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2010 - Juli/August 2010 - Lehrerprogramm

Lehrerprogramm

(b&w 7-8/10
Seite 29 ff)

Seitenabschnitte:
GEW-Seminar

Neue Horizonte entdecken!

Lehrerprogramm: Neue Erfahrungen sammeln, andere Kompetenzen erwerben, sich in einem neuen Arbeitsfeld behaupten und bestätigen – dies alles bietet das so genannte Lehrerprogramm interessierten Kolleg/innen aller Schularten.

Die berufliche Laufbahn einer verbeamteten Lehrkraft ist im Allgemeinen wenig variantenreich. Einmal Lehrer/in – immer Lehrer/in, das ist die gängige Vorstellung. Nur wenige Kolleg/innen wissen, dass ihnen das Land Baden-Württemberg im Rahmen seiner Weiterbildungskonzeption die Möglichkeit eröffnet, für eine Tätigkeit im planerisch-organisatorischen Bereich für eine gewisse Zeit an eine Einrichtung der Erwachsenenbildung zugewiesen zu werden. Dabei wird der Status als Beamter/Beamtin ebenso beibehalten wie die Bezüge.

Im Jahr 2010 haben sich etwa 85 Lehrer/innen auf diese Herausforderung eingelassen. Am häufigsten haben sie dabei eine Tätigkeit als Programmbereichsleitung an einer der 174 Volkshochschulen in Baden-Württemberg angenommen. Die Programmbereiche der Volkshochschulen gliedern sich in die Themen: Politik – Gesellschaft –Umwelt, Kultur – Gestalten, Gesundheit, Sprachen und Arbeit – Beruf. Die Gestaltung der Kursangebote in einem dieser Bereiche obliegt dem/der hauptamtlichen pädagogischen Mitarbeiter/in (HPM), so die gängige Berufsbezeichnung. Über das eigentliche Kursangebot hinaus werden Einzelveranstaltungen, Thementage oder Reisen organisiert. Dabei geht es nicht nur darum, ein zielgruppengerechtes Konzept zu erstellen, sondern dieses auch nach modernen Marketingaspekten zu verbreiten.

Der HPM ist Teil eines Teams, das sich aus den Kolleg/innen der anderen Programmbereiche, den Kursleitenden und den Mitarbeiter/innen aus dem Bereich Verwaltung zusammensetzt. Dabei werden Kompetenzen im Bereich der Führung und Leitung erworben. Für die fachliche Betreuung der Kursleitenden kann jede Lehrkraft auf den methodisch-didaktischen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Daneben kooperiert der/die HPM mit Kolleg/innen anderer Volkshochschulen und Einrichtungen in der Kommune oder Region. Die Netzwerksarbeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Zudem ist die Betreuung fremdfinanzierter Projekte ein Arbeitsgebiet, das in den letzten Jahren immer größeren Raum einnimmt und professionelles Projektmanagement benötigt.

Bereicherung für schulische Funktionsstellen

Das neue Arbeitsfeld ermöglicht es den Kolleg/innen, eigene Fähigkeiten zu entdecken und einzubringen, die über jene hinausgehen, die im schulischen Alltag genutzt werden. Gleichzeitig erfordert die Tätigkeit die Ausbildung neuer Kompetenzen im Bereich Leitung und Organisation. Diese neu erlebte Eigenverantwortung und Eigenständigkeit, ist bei der Rückkehr an die Schule eine Bereicherung und sollte in den Leitungsstrukturen der Schulen nutzbringend wertgeschätzt werden. Immerhin sieht die Landesregierung das Lehrerprogramm für alle Lehrer/innen geeignet, die sich für Aufgabenstellungen in der Weiterbildung interessieren, beziehungsweise einschlägige Erfahrungen vorweisen können. Einen zusätzlichen Nutzen haben auch Lehrer/innen, die sich später um eine schulische Funktionsstelle bewerben möchten, die Kenntnisse in Verwaltungstätigkeit erfordert. Die Schulverwaltung ist gehalten, die erworbenen Qualifikationen zu berücksichtigen.

Die Rückkehr an die Schule kann aber auch mit Schwierigkeiten verbunden sein, denn der Platz innerhalb des Kollegiums muss erst wieder neu gefunden werden. Durch die neuen Aufgaben der Schulen, wie z.B. Selbstmanagement, Evaluation und Eigenverantwortlichkeit, ist jedoch zu erwarten, dass die neu erworbenen Kompetenzen dieser Kolleg/innen in den Schulen gebraucht und geschätzt werden können. Die Möglichkeit, diese weiterqualifizierten Lehrkräfte bei der Entwicklung der Schulen gezielt zu nutzen, spricht für die Fortführung des Lehrerprogramms!

Erfahrungsberichte über Tätigkeiten und den anschließenden Werdegang:

  • Dorothea Günder, Fachbereichsleiterin Gesundheit an der Volkshochschule Oberes Nagoldtal, seit 2010 wieder als Oberstudienrätin an der Hauswirtschaftlichen Schule Albstadt tätig über ihre Erfahrungen im Lehrerprogramm:
    „Ich bin sehr gerne Lehrerin und machte dennoch den Schritt für eine begrenzte Zeit aus der Schule zu gehen, um eine andere Arbeitswelt, außerhalb der Schule, kennenzulernen. (…) Eine Erfahrung, die ich ganz oben ansiedeln möchte, ist, dass man große Freiheiten bei seinem Tun hat, aber natürlich auch Verantwortung dafür trägt. Die stringente und hierarchische Struktur, die in Schulen besteht, habe ich in dieser Form bei der vhs nicht erlebt. Man muss selbstständig Entscheidungen treffen, d.h. keine ständige Rücksprachen oder „um-Genehmigung-bitten“ mit/bei der vhs-Leitung sind i.d.R. nicht nötig. Diese Eigenständigkeit und Selbstverantwortung wird sogar erwartet. Natürlich setzt dies eine vertrauensvolle Zusammenarbeit voraus. Für neue Ideen und Vorgehensweisen ist viel Platz und man kann seiner Kreativität freien Lauf lassen. Es gibt viele Kooperationen mit Institutionen, städtischen Einrichtungen, mit Bürgermeistern und Gemeinderäten, die gepflegt und ausgebaut werden müssen. Auch der Umgang mit zahlenden Kunden war eine neue Erfahrung, d.h. die vhs ist ein „echter“ Dienstleistungsbetrieb, der sich an den Bedürfnissen der Kunden orientieren muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. Gemessen wird man u.a. an stattgefundenen Unterrichtseinheiten und Teilnehmerzahlen, also an ganz konkret belegbaren Fakten.“
  • Alexander Matt, ehemaliger Leiter der vhs Weingarten, heute Leiter des regionalen Bildungsbüros beim Landratsamt Ravensburg beschreibt seine Motivation an eine Volkshochschule zu gehen:
    „Ich war 2005 seit acht Jahren im Schuldienst und kam gut mit Schüler/innen, Kolleg/innen und Eltern klar. Dennoch wollte ich mich neuen beruflichen Herausforderungen stellen, meinen Erfahrungshorizont erweitern und auch ausprobieren, wie mir Führungsaufgaben liegen. (…)

    So bin ich durch Zufall auf die Ausschreibung der Stadt Weingarten gestoßen, die die Volkshochschulleitung über das Lehrerprogramm besetzen wollte. Ich erkundigte mich über die Rahmenbedingungen, empfand diese als akzeptabel, bewarb mich und wurde ausgewählt. Das eröffnete mir die Möglichkeit die Verantwortung für eine Einrichtung zu übernehmen, Personal- und Budgetverantwortung zu tragen, mich in Verwaltungsabläufe und in Büroorganisation einzuarbeiten und Repräsentationsaufgaben zu übernehmen. Ferner reizte mich der Bereich Erwachsenenbildung. Meine Idee war, mit diesen zusätzlichen Qualifikationen wieder in die Schule zurückzukehren und mich auf eine Konrektoren- oder Rektorenstelle zu bewerben.
    Im Falle des Scheiterns oder der Überforderung hätte ich ohne größeren Gesichtsverlust, ohne finanzielle Einbußen und ohne Risiko aber um viele Erfahrungen reicher wieder in die Schule als „einfacher Lehrer“ zurückkehren können. (…) Abschließend kann ich sagen, dass ich durch den Blick über den schulischen Tellerrand nur profitiert habe. Für mich ergab sich so eine Vielzahl neuer Kontakte und weiterführender Möglichkeiten. Ich kann nur jeden Lehrer/in ermuntern auf die vermeintlichen Vorteile einer großzügig geregelten Urlaubsplanung zu Gunsten vielfältiger neuer Erfahrungen temporär oder dauerhaft zu verzichten.“
  • Beate Wieland M.A., OStR'in, die als Referentin für Schulkunst und Amateurtheater beim Kultusministerium tätig ist, über ihren Gewinn durch die Arbeit als Programmverantwortliche für die Bereiche Gestaltung, Gesundheit, Frauen und junge vhs bei der Volkshochschule Esslingen:
    „Das Lehrerprogramm ist eine großartige Weiterbildungsmöglichkeit für Lehrkräfte. Einen großen fachlichen und persönlichen Gewinn hatte ich durch die Kontakte mit den Dozentinnen und Dozenten sowie vielen Kursteilnehmenden. Auch die Kontakte mit Partnern der Stadt und anderen VHS'en war sehr fruchtbar. Vor allem hat mich begeistert, dass ich kreativ tätig sein konnte und die Möglichkeit hatte, Ideen umzusetzen und auch neue Kooperationen ins Leben zu rufen. Meine Erwartungen wurden positiv erfüllt, und ich halte die vhs-Arbeit auch heute für sehr notwendig und ein sehr interessantes und nie langweiliges Tätigkeitsfeld. Enttäuschungen, die hier und da natürlich auch vorkamen, haben mir eher mehr Menschenkenntnis und Gelassenheit beschert und wirkten dadurch auch wieder positiv. Ich konnte viele neue Qualifikationen erwerben bzw. vorhandene stärken, z.B. betriebswirtschaftliche Kenntnisse, Planung und Organisation, Moderation, Projekt- und Qualitätsmanagement, Führung, soft skills. Die neuen Felder, die ich mir durchaus aktiv aneignen musste, haben mich auch persönlich weitergebracht.“
  • Christiane Bonnet-Baumgärtner arbeitet als Fachbereichsleiterin Sprachen an der Volkshochschule Herrenberg und war bereits zuvor an der Volkshochschule Rottenburg tätig:
    „(…) In Lehrerkreisen stieß ich mit meiner Entscheidung, den Schuldienst für einige Jahre zu verlassen, auf große Skepsis. Es wurde immer wieder die Vermutung geäußert, dass dieser Schritt ganz sicherlich Nachteile für mich haben würde, sei es in finanzieller Hinsicht, sei es, dass ich Einbußen in meiner Beamtenlaufbahn hinnehmen müsste, sei es, dass ich weniger Ferien hätte. Nichts davon traf zu. Das Lehrerprogramm war für mich beruflich und persönlich nur ein Zugewinn. (…) Als ich nach acht Jahren das 16. Semesterprogramm fertiggestellt hatte, war es ein gutes Gefühl wieder an die Schule zurückkehren zu können. Ich fühlte mich motiviert, Neues auszuprobieren und meine inzwischen erworbenen Kenntnisse dort anzuwenden.
    (…) Fachlich-methodisch und didaktisch hatte ich keine Schwierigkeiten, denn ich war ja ‘am Ball geblieben’ und hatte hier viel Neues in den hervorragenden Fortbildungen des Volkshochschulverbandes dazugelernt. Diese Kenntnisse konnte ich dann auch nutzen, da ich an der Schule sehr schnell ein Gebiet fand, mit dem ich mich an der Lehrerfortbildung beteiligen konnte. Der Umgang mit Erwachsenen war mir sehr vertraut und ich hatte vor allem auch gelernt zu moderieren und zu präsentieren.“

GEW-Seminar

GEW-Seminar

Ein Tagesseminar für Lehrer/innen im Lehrerprogramm „Raus aus der Schule – rein ins Lehrerprogramm – und wieder zurück“ bietet die GEW am Montag, 18. Oktober 2010, von 10 bis 16 Uhr, in der GEW-Landesgeschäftsstelle Stuttgart. Weitere Infos und Anmeldung unter: www.gew-bw.de/Raus_aus_der_ Schule_-_rein_ins_Lehrerprogramm_-_und_wieder_zurueck.html.

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