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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2008 - Dezember 2008 - Hauptschule

Hauptschule

(b&w 12/08
Seite 9ff.)

Werkrealschule steht drauf, Hauptschule ist drin

Hauptschule: Ein neuer Name soll es richten: Hauptschule mit Werkrealschule wird zu Werkrealschule mit Hauptschule. In der Presse wurde dieser Versuch der Umetikettierung als halbherzig und zweifelhaft entlarvt.

„Land hält an der Hauptschule fest“, titelt die Presse am 19.11., eine Woche später meldet der SWR den „Abschied von der Hauptschule“. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass Kultusminister Rau beides will und sich dadurch dem Vorwurf ausgesetzt sieht, eine bloße „Umetikettierung“ zu betreiben. Wurden vor Jahren alle Hauptschulen zur „Hauptschule mit Werkrealschule“ befördert, soll nun ein Teil nur noch „Werkrealschule“ genannt werden. Und die anderen?

Doch auch die Art und Weise, wie der Plan einer „Neuen Werkrealschule“ über ein „Geplapper“ der FDP-Abgeordneten Birgit Arnold vor der Landespressekonferenz an die Öffentlichkeit kommt, ist symptomatisch für eine Hauptschulpolitik, die immer weniger ernst genommen wird. Sicher ist: Es bleibt bei der verbindlichen „Grundschulempfehlung“ und damit beim unsäglichen Selektieren nach Klasse 4. Und dort, wo künftig Werkrealschule draufsteht, ist weiterhin Hauptschule drin.

„Neue Werkrealschule“

Die Landesregierung will als Teil der Qualitätsoffensive Bildung die „Neue Werkrealschule“ als Lösung der Akzeptanzprobleme der Hauptschule propagieren. Vorgesehen sei, so Kulturminister Rau, ein sechsjähriger Bildungsgang mit einem durchgehenden Bildungskonzept. Er endet mit einem Mittleren Abschluss, der sich an den KMK-Standards orientiere, oder mit dem Hauptschulabschluss. Der Unterschied zur bisherigen WRS liege darin, dass das 10. Schuljahr bisher dem eigentlich abgeschlossenen Bildungsgang aufgesetzt wurde. Nun soll die 10. Klasse Standard werden. Unklar ist, ob dann ab Klasse 7 oder 8 zwei Bildungsgänge – nämlich Praxiszug und Werkrealschulzug – stärker getrennt werden. Gemeinsam soll beiden eine Profilierung an der Berufswelt sein.
Dies bedinge, so der Minister, ein mindestens zweizügiges System, wobei kleine Hauptschulen parallel weiter bestehen dürfen. Deren Auflösung sei politisch nicht durchsetzbar. Allerdings wird im Ministerium erwogen, die Werkrealschule – wie die Realschule und das Gymnasium – zur „Wahlschule“ zu machen und die Schulbezirke aufzulösen. Dies soll eine Schülerbewegung von den kleinen Hauptschulen zur „Neuen Werkrealschule“ ermöglichen. Da die Werkrealschulen zudem noch als Ganztagesschulen geführt werden und Stunden bekommen sollen, setzt das Land offenbar auf ein gezieltes „Austrocknen“ der kleinen Hauptschulen.

Etikett ohne Inhalt

Der Start ist zum Schuljahr 2010/11 vorgesehen. Einzelheiten sollen nach interner Klärung erst im 1. Quartal 2009 bekannt gegeben werden. Wichtig ist zunächst die Frage, ob alle Schüler/innen ein (freiwilliges) 10. Schuljahr machen dürfen – die 9. und 10. Klasse möglicherweise nach dem Modell der Kooperationsklassen HS-BVJ organisiert – oder die Hauptschüler/innen schon nach Klasse 9 „vorzeitig“ – da aus einem auf sechs Jahre angelegten Bildungsgang – abgehen.
Bisher wechseln nur etwa 15 Prozent der Hauptschüler/innen ins 10. Schuljahr, da ein Schnitt von 2,4 verlangt wird. Auch aus einer zweizügigen Schule kämen nicht genügend Schüler/innen für eine Werkrealschule zusammen. Es sei denn, man senkt die Zugangsvoraussetzungen – auf die Gefahr hin, auch Niveau und Akzeptanz des Werkrealschulabschlusses zu senken.

Konsequenterweise gibt es Überlegungen darüber, wozu der WRS-Abschluss berechtigt: Neben dem Mittleren Abschluss am Gymnasium, der zum direkten Übergang in die gymnasiale Oberstufe berechtigt, und dem dagegen „zweitklassigen“ Realschulabschluss, der den Zugang zum (beruflichen) Gymnasium nur eingeschränkt öffnet, dürfte der Werkrealschulabschluss eher „drittklassige“ Möglichkeiten bieten, etwa durch zusätzliche Erschwerung beim verlangten Notendurchschnitt.

Kooperationsmodell HS-RS abgelehnt

Noch vor wenigen Jahren hat die GEW-Landesfachgruppe Hauptschulen intensiv an der Konzeption einer „Neuen Werkrealschule“ gearbeitet – nicht um die Hauptschule zu retten, sondern um den Hauptschülern mit einem 10.Schuljahr und einem passenden Konzept bessere Voraussetzungen für die Berufsausbildung zu bieten. Wir haben diese Überlegungen aufgegeben, weil sich die Übergangsquoten in die Hauptschulen in steilem Sturzflug befinden. Selbst ein Zusammenschluss mit der Realschule könnte heute nur auf eine Schülerschaft bauen, wie sie noch vor 12 Jahren die Hauptschule allein hatte. Ein Zusammenschluss von Realschule und Hauptschule würde weitgehend die frühere Hauptschule umfassen. Die Realschule ist somit vielerorts zum „A-Zug“ der Hauptschule geworden. Ohne die Förderressourcen der Hauptschule und mit großen Klassen gerät sie aber zunehmend selbst in die Klemme, während das Gymnasium sich als „Volksgymnasium“ oder „Fördergymnasium“ auf die veränderte Schülerschaft einstellen muss, also Klassen auf verschiedenen Leistungsniveaus und mit unterschiedlichen Profilen bildet und den Förderbereich ausbaut.

Obwohl es nicht um eine Krise der Hauptschule geht, sondern um eine des gegliederten Schulsystems, die bereits die anderen Schularten erfasst hat, kann es nicht wundern, dass bei den Realschulen wenig Neigung besteht, sich an Modellversuchen zur Kooperation Hauptschule-Realschule zu beteiligen – zumal vom Kultusministerium (KM) kaum Unterstützung in Form von Qualifizierung für die Arbeit mit heterogenen Lerngruppen angeboten wird. Nur drei von möglichen 20 Schulstandorten im Land wollen die zweite Variante eines gemeinsamen Unterrichts in den Klassen 5 und 6 erproben.

Der dem Konzept der Werkrealschule konträr gegenüberstehende Ansatz einer stärkeren Verbindung von Hauptschule und Realschule stellt für das KM nur noch ein „zweites Eisen im Feuer“ dar. Weitergehende Alternativen seien, so Kultusminister Rau bei der Diskussion der Kooperationsmodelle, „politisch nicht durchsetzbar“, bzw. in den Regierungsparteien nicht mehrheitsfähig. Dabei zeigt ein Blick nach Schleswig-Holstein, wo die CDU mitregiert, dass Gemeinschaftsschulen nicht nur Notlösungen für eine wohnortnahe Schulversorgung bei zurückgehenden Schülerzahlen sind, sondern Keimzellen pädagogischer Erneuerung.

Kein Mut für Alternativen

Die „Neue Werkrealschule“ passt das dreigliedrige System an rückläufige Schülerzahlen an. Nur für den Finanzminister ist sie eine Alternative zu ökonomisch teuren Kleinsthauptschulen. Für die kleinen Hauptschulen bedeutet sie langsames Verkümmern. Sie bedeutet die Beibehaltung einer Schule, die zunehmend zum Ghetto für Benachteiligte und Migranten wird. Da sie das 10. Schuljahr für alle verweigert, ersetzt sie nicht einmal die Lernzeit, die der Hauptschule zunehmend u.a. durch Betriebspraxisanteile entzogen wird. Auch wirkt sie dem großen Skandal der Bildungspolitik nicht entgegen, nämlich der Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch die Schule!

Ungünstiges „Entwicklungsmilieu“

Während der Anteil von Hauptschülern aus deutschen Familien auf 22 Prozent (Deutschlandweit auf 20 Prozent) gesunken ist, besuchen 60 Prozent der ausländischen Schüler in Baden-Württemberg die Hauptschule (Deutschlandweit 45 Prozent). Seit 20 Jahren gibt es hier keinen Fortschritt. Nur 4,6 Prozent erreichten das Abitur.

Zunehmend wird die Hauptschule Teil eines Teufelskreises von Armut zu Bildungsarmut zu Armut. Die Konzentration von Ausländer- und Problemkindern in Hauptschulen ist nicht nur Indikator für Benachteiligung, sie kann selbst Benachteiligung verstärken, so die neue OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger. Seit PISA wissen wir, dass Schüler/innen, die mit der gleichen Begabung und den gleichen Leistungen in die Hauptschule wechseln, gegenüber solchen im Gymnasium um ein Schuljahr zurückfallen. Grund seien „unterschiedliche Entwicklungsmilieus, die zu einer engeren Kopplung von sozialer Herkunft und Kompetenzentwicklung“ beitrügen (PISA 2000, S.372). Wenn Schüler/innen mit Sprach-, Lern- und Verhaltensproblemen in einer Schulart zusammengefasst werden und diese Schüler/innen verstärkt das Gefühl bekommen, Verlierer zu sein bzw. keine Chance zu haben, können kaum günstige Voraussetzungen für pädagogische Arbeit entstehen. Eine Befragung in Stuttgart hat ergeben, dass an Hauptschulen in Problemvierteln kein einziger Abschlussschüler eine Lehrstelle bekommt (Stuttgarter Zeitung, 27.11.08). Wegen der Verbindung Problemviertel-Problemschulen wird inzwischen schon von „Ghettoisierung“ gesprochen.

Viel Lernzeit geht für Konfliktbearbeitung verloren – wissenschaftliche Schätzungen sprechen von 30 Prozent. Da Hauptschüler zudem die kürzeste Lernzeit haben, müssen die Lernergebnisse nicht wundern: Viele „Hauptschüler rechnen auf Grundschulniveau“ oder „Wer ist schuld am Misserfolg der Hauptschulen?“ lauten einschlägige Pressemeldungen. Praxistage sind gut, aber entziehen erneut Lernzeit, wenn sie nicht durch ein 10. Schuljahr – und sei es in Form von Kooperationsklassen – aufgeholt wird.

75 Prozent der Hauptschulen von Schließung bedroht

Die durch den demographischen Wandel zurückgehenden Schülerzahlen werden die Hauptschule besonders stark treffen. Der Bildungsbericht BW von 2007 geht von einem Rückgang der Schülerzahl im Bereich der Sekundarstufe I von 37 Prozent gegenüber den Zahlen von 2006 und 50 Prozent gegenüber 1980 aus (S. 25). Dagegen rechnete das Land für die nächsten 8 Jahre nur mit einem Rückgang an Hauptschülern von 25 Prozent, bis 2021 um 33 Prozent – Grundlage ist seit 2001 eine Zahlenfortschreibung für fünf Jahre, die die tatsächliche Dramatik nicht erfasst. Z.B. gab es in den Kreisen Ludwigsburg und der Stadt Stuttgart von 07/08 auf 08/09 Schülerzahlenrückgänge an Hauptschulen von knapp unter 10 Prozent. Auch der Vergleich der Schätzungen des Statistischen Landesamtes von 2006 und 2008 lässt vermuten, dass der Rückgang schön gerechnet wird.

Entwicklungen in anderen Bundesländern und Modellrechnungen des Hauptschul-Fachmanns Dr. Ernst Rösner lassen einen Schülerrückgang von mindestens 50 Prozent als realistisch erscheinen, da einerseits die Aufnahme- und Haltebereitschaft an Realschulen und Gymnasium steigen und der Drang von der Hauptschule weg noch zunehmen wird. Die Fortschreibung einer Grafik des Statistischen Landesamts (12/08) unterstreicht dies und lässt einen Rückgang von 183.000 im Schuljahr 06/07 auf ca. 90.000 im Schuljahr 20016/17 erwarten.
Schon im Schuljahr 2006/07 haben 283 von 1.197 öffentlichen Hauptschulen weniger als 85 Schüler/innen und erreichen nicht die Mindestschülerzahl zur Jahrgangsklassenbildung. Weitere 610 Hauptschulen haben zwischen 85 und 200 Schüler und lägen beim prognostizierten Rückgang unter der Bestandsgrenze (Statistik aktuell, Entwicklung der Schülerzahlen in Baden-Württemberg, 8034 08001). Damit sind 893 oder 74,8 Prozent der Hauptschulen in ihrer Existenz gefährdet.
In den Großstädten werden Zusammenlegungen angegangen. Dabei hat sich gezeigt, dass auf Profile und Leistungen, Kollegien und Eltern wenig Rücksicht genommen wird.

In der Fläche wird auf klassenübergreifenden Unterricht (5/6, 7/8) gesetzt, zusätzlich können Schulträger die Hauptschule auf unterschiedliche Standorte aufteilen. Angesichts der Schülerentwicklung werden schon Kombinationen erwogen (Klasse 5/6 kombiniert im Ort A, 7/8 im Ort B). Rechnerisch sind Einklassenschulen zu erwarten, trotzdem sollen von der Schulverwaltung keine Hauptschulen geschlossen werden. Jedoch sind kleine Gemeinden an dem Punkt handlungsunfähig. Ein Bürgermeister oder Gemeinderat, der seine Dorfschule schließt, „könne gleich Selbstmord begehen“, äußern sich Kommunalpolitiker vor den Kommunalwahlen.

Kosten steigen – Gemeinden in der Zwickmühle

Die Finanzierung kleiner Hauptschulen wird für die Gemeinden sehr teuer, da sich die Bezuschussung über Sachkostenbeiträge aus der Schülerzahl errechnet und basale Kosten etwa für Physik- und Technikraum nur verhältnismäßig wenig zurückgehen. Schon zögern Gemeinden mit Investitionen im Hauptschulbereich. Kleine Hauptschulen klagen, dass die EDV-Ausrüstung nicht erneuert wird und man die Online-Diagnose in Klasse 5 nicht machen könne.

Kollegien kleiner Hauptschulen kämpfen um ihre Schulen, versuchen sich zu profilieren, müssen sich aber fragen, was und wie lange ihre „Investition“ in eine solche Schule noch lohnt, wenn am Ende nur der Verkaufswert des Schulgrundstücks und nicht die pädagogische Arbeit zählt und sie – wie in Neckarweihingen – von der Schließung ihrer Schule aus der Zeitung erfahren.

Erhard Korn

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