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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2007 - Juni 2007 - Realschule

Realschule

(b&w 6/07
Seite 33)

Mehr in die Realschule investieren!

Realschule: „Diese Schulart liegt kaum im Focus aktueller Bildungsdiskussionen...,“ so der CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Hoffmann in einem Antrag zur „Situation der Realschulen in Baden-Württemberg“. Das pädagogische Output der Lehrer/innen in dieser Schulart wird seit Jahren als „stabil und erfolgreich“ gelobt.

Scheinbar mühelos gelingt es der Realschule, eine Innovation nach der anderen in die Tat umzusetzen. Im Zuge der Bildungsplan-Reform 2004 musste an vielen Stellen gleichzeitig umgedacht und umgebaut werden. Die nächsten Herausforderungen stehen schon auf dem Programm: Die Vergleichsarbeiten sollen auf weitere Schulfächer ausgedehnt werden, die Zehntklässler haben noch mehr Prüfungsstress dank der neuen Kompetenzprüfung. Gleichzeitig beginnt demnächst die Endphase der Selbst- und Fremdevaluation.

Die rund 470 Realschulen im Lande stellen sich dem aufwendigen Qualitätstest zuversichtlich. Bedenklich ist indes, dass bei allem oberflächlichen Lobgesang auf die Arbeit der Realschulen stets die Kehrseite der Medaille ausgeklammert wird: Die immer bescheideneren Investitionen der Landesregierung in diese Schulart stehen in einem schlechten Verhältnis zu den hohen Erwartungen!

Größter Anteil an Schülerbewegungen

Die Realschulen im Lande haben den absolut und relativ größten Anteil an den Schülerbewegungen in der Sekundarstufe I zu bewältigen. Sie nimmt Schüler/innen aus den Hauptschulen auf, besonders in der Klassenstufe 6 in vierstelligem Umfang. Aus den Gymnasien wechseln jährlich in den Klassenstufen 8 und 9 bis zu 800 Schüler/innen auf die Realschulen. Da die Mittel für Stütz- und Förderkurse für Schüler mit Lernschwierigkeiten drastisch zusammengestrichen wurden, geben Realschulen landesweit ca. 500 Schüler an die Hauptschule ab, meist am Ende der 8. Klassenstufe.

In den Klassenstufen 8 und 9 weist die Realschule unter den weiterführenden Schulen seit Jahren die höchste Quote an „nicht versetzten“ Schüler/innen auf. Mit eine Folge von überdurchschnittlichen Klassengrößen mit über 30 Schüler/innen. Erst mit Verzögerung wirkt sich die Einführung des achtjährigen Gymnasiums auf die Anmeldungen in den Realschulen aus. Diese schulinterne Situation müsste die staatliche Bildungspolitik mit einer besseren Versorgung von Lehrerdeputaten ausgleichen. Macht sie aber nicht!

Im letzten Jahr ist im ganzen Land nur eine einzige Planstelle im Realschulbereich im Staatshaushalt neu ausgewiesen worden. Die anderen weiterführenden Schularten sind mit wesentlich mehr Neustellen bedacht worden. Seit 1. Februar diesen Jahres werden zusätzlich zu den 860 gesperrten Lehrerstellen weitere 139 Stellen nicht mehr besetzt, 10 Prozent davon entfallen auf den Realschulbereich. Zusätzlich werden der „stabilen und erfolgreichen Realschule“ im laufenden Schuljahr 105 Lehrkräfte durch Abordnung an Gymnasien und 88 Lehrkräfte an die Beruflichen Schulen entzogen. Noch einmal 50 Deputate fehlen den Realschulen durch Zuweisung an das Institut für Schulentwicklung in Stuttgart, um die Evaluationskampagne bewältigen zu können.

Die hektischen Umbaumaßnahmen in der Realschulbildung im laufenden Jahrzehnt fordern ihren Tribut von den Lehrkräften: Längerfristige Erkrankungen haben an vielen Realschulen zugenommen. Sie können aber die geringste Zahl an Krankenvertretungen bei den weiterführenden Schulen in Anspruch nehmen: Gymnasien 250 Deputate, Grund- und Hauptschulen 500 Deputate, Realschulen 170 Deputate. Auch wenn zusätzliche Mittel für den Ausgleich eines Vertretungsbedarfs angeboten werden, kann ein erheblicher Unterrichtsausfall in Mangelfächern nicht verhindert werden.

Das Land spart an der Lehrerfortbildung

Das Angebot an den Staatlichen Fortbildungsakademien speziell für Realschulen lässt zu wünschen übrig. Für die Fortbildung von Schulteams zur Einführung der neuen Abschlussprüfung an den Realschulen lagen weit über 200 Anmeldungen bei 22 Seminarplätzen vor. Ein ähnliches Missverhältnis besteht bei der qualifizierten Aus- und Weiterbildung in den „Themenorientierten Projektfächern“ (TOP) und in den neuen Fächerverbünden NWA und EWG.
Die GEW kritisiert diese eklatante Ungleichbehandlung der Schularten: Während die Abteilung Berufliche Schulen im KM für Innovationen eine konsequent umfassende Qualifizierung der betroffenen Lehrer/innen mit 210 Lehrgängen im laufenden Jahr 2007 einplanen kann, stehen für die zahlenmäßig fast gleichen Realschulen ganze 45 schulartspezifische Lehrgänge zur Verfügung.

Fachberater/innen aus GHRS-Schulen erhalten für ihre Tätigkeit eine Zulage von 37 Euro. Im Bereich der Gymnasien und der Beruflichen Schulen haben Fachberater/innen Funktionsstellen der Besoldungsgruppe A15 inne!

Erschwerend kommt hinzu, dass der Druck auf Vermeidung von Unterrichtsausfall im Bereich der GHRS wesentlich größer ist als in den anderen Schularten der Sekundarstufe. Wenn die Realschule auch künftig noch „stabil und erfolgreich“ arbeiten soll, muss sie durch zusätzliche Fortbildungskapazitäten an der Landesakademie unterstützt werden. Ihr Anteil an den Verrechnungseinheiten der Landesakademie ist entsprechend ihrem Beschäftigtenanteil im Verhältnis zu Beruflichen Schulen (29,3 Prozent zu 17,2 Prozent) zu steigern.

Die Realschule ist eine der Säulen des gegliederten Schulsystems. Die Landesregierung behandelt sie seit Jahrzehnten stiefmütterlich und benachteiligt sie gegenüber anderen Schularten. Die Schülerbewegungen und die zahlreichen Klassenwiederholungen zeigen, wie schwer es ist, das System eines begabungsgerechten, gegliederten Schulsystems mühsam am Laufen zu halten. Solange die Landesregierung an diesem Konzept festhält, muss sie die Realschulen auch entsprechend ausstatten.

Handreichungen, Hochglanzbroschüren und Pressemitteilungen aus dem KM zur Unterstützung der Schulen werden von der GEW durchaus anerkannt. Aber der massive Umbau der schulischen Arbeit mit dem neuen Bildungsplan und der Einführung der Evaluation darf nicht dazu führen, dass gerade die Mittel zur Lehrerfortbildung im Realschulbereich „gedeckelt“ werden. Nicht nur die Beruflichen Schulen haben einen berechtigten Anspruch auf ein umfassendes Qualifizierungskonzept für den Umgang mit strukturellen und inhaltlichen Veränderungen, sondern auch die Realschulen. Von ihnen wird immerhin erwartet, dass sie jährlich mehr als ein Drittel ihrer Absolventen an die Beruflichen Gymnasien abgeben können, mit der Aussicht auf einen erfolgreichen Erwerb der allgemeinen Hochschulreife.
Willi Bernhard,
FG Realschule

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