|  |
 | (b&w 4/11 Seite 25)
| Realschulabschlussprüfung unbefriedigend
Realschule: Mit der neuen Abschlussprüfungsordnung zum Schuljahr 2007/2008 wollte das Kultusministerium eine zeitgemäße Prüfungsform einführen. Nach drei Jahren Erfahrungen zeigt sich aber ein Qualitätsverlust in verschiedenen Fächern.
Bei der Neufassung der Prüfungsordungung für den Realschulabschluss wurden die schriftlichen Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch beibehalten. Die mündlichen Prüfungen wurden komplett verändert. Abgeschafft wurden zum Beispiel die mündlichen Prüfungsteile in dem Wahlpflichtfach, das die Schüler/innen ab Klasse 7 verbindlich wählen (Französisch, Technik oder Mensch und Umwelt) und als Kernfach bis zur 10. Klassen belegen.
Die Kultusverwaltung verwies stets auf das besondere Profil der Realschule im Hinblick auf den Wahlpflichtbereich. Doch mit der Streichung der mündlichen Prüfung ging für viele Lehrkräfte ein Ansehensverlust für die Wahlpflichfächer einher. Was ist ein Kernfach noch Wert, wenn der Kompetenzerwerb nicht wie bei den anderen Kernfächern in der Abschlussprüfung nachgewiesen werden muss? Im Ministerium berücksichtigte man aber, dass mit der Bildungsplanreform auch das Fach Naturwissenschaftliches Arbeiten (NWA) zum Kernfach wurde. Nach alter Logik hätte es also dann auch eines Prüfungsteils in NWA bedurft. Man wollte aber den Gesamtumfang der Abschlussprüfung begrenzen und gleichzeitig eine mündliche „Fächerübergreifende Kompetenzprüfung“ (FüK) als neues wesentliches Prüfungsmerkmal einführen. Dies war vor allem bildungspolitisch gewollt. Geopfert wurde der Prüfungsteil im Wahlpflichtfach.
Lehrkräfte sehen Schwächung des Wahlpflichtbereichs und des Fächerverbundes NWA
Um aber zumindest den Schein einer Wertigkeit zu erhalten, flüchtete man sich in eine „Fachinterne Überprüfung“ (FiB). Dabei wurde lediglich festgelegt, dass ein/e Schüler/in im 10. Schuljahr nach Rücksprache mit der Lehrkraft eine fachliche Leistung erbringen muss, die dann ein Drittel der Abschlussnote ausmacht. Konkrete Vorgaben hierzu macht die Notenverordnung nicht. Es bleibt also – wie so oft – den schulischen Fachschaften überlassen, welche Anforderungen an diese gewichtige Leistungsüberprüfung gestellt wird.
Herauskristallisiert haben sich dabei Präsentationen vor der Klasse im Umfang von etwa 30 Minuten. Was in den Wahlpflichtfächern MUM und Technik mit maximal 16 Schüler/-innen in den wenigen Unterrichtswochen zwischen Herbst- und Pfingstferien noch relativ gut zu realisieren ist, schafft vor allem aufgrund von Klassen-/Gruppenstärken bis zu 31 Schülerinnen und Schülern in NWA und Französisch erheblich Probleme.
Ein Großteil der Unterrichtszeit wird für Präsentationen benötigt, die oft ohne inhaltlichen Zusammenhang abgespult werden und teilweise von nur bescheidener Qualität sind – trotz intensiver Beratung durch die Lehrkräfte. Ein echter fachlicher Unterrichtsfortschritt ist kaum möglich, selbst bei großer Mühe. Die Schülerinnen und Schüler sind mit diesem Anspruch auch überfordert. Für die Lehrkräfte bedeutet der intensive Vor- und Nachbereitungsaufwand eine erhebliche Mehrbelastung im Vergleich zu früher. Auch die Unzufriedenheit über den Wert der Fächer steigt. Die Vorstellung der Befürworter, die fachinterne Überprüfung so in den Jahresplan einzubauen, dass damit ein didaktisch qualitativer Kompetenzerwerb einhergeht, ist naiv und praxisfremd. Wenn dem so wäre, hätten 10. Klässler/innen die gleichen didaktisch-methodischen Kompetenzen wie ihre Lehrerinnen und Lehrer.
Qualitätsverlust statt Zugewinn an Kompetenzen?
Die Unterrichtswirklichkeit legt nach nunmehr drei Jahren praktischer Erfahrung offen, dass ein inhaltlicher Niveauverlust in den besagten Fächern festzustellen ist. Dies ist gerade in NWA im Hinblick auf die weiterführenden Schulen fatal. Es fehlen, vor allem in Physik, wesentliche Kompetenzen, um an den technischen Gymnasien den Anschluss zu finden. Dies räumt inzwischen sogar das KM ein.
Die beruflichen Gymnasien melden zwar zurück, dass sich die Realschüler/innen tendenziell besser präsentieren können und selbstbewusster auftreten. Doch die inhaltliche Substanz und das Bemühen, einen Sachverhalt auch theoretisch zu durchdringen, sind gesunken. In Zeiten, in denen gerade im technisch-gewerblichen Bereich Fachkräfte gesucht werden, ist diese Entwicklung fatal.
Leider lag nach Ansicht vieler Lehrerinnen und Lehrer an den Realschulen der Fokus in den letzten Jahren zu sehr auf dem Präsentieren. Es wird Zeit, dass für die Leistungsanforderungen an eine Mittlere Reife wieder Maß und Mitte gefunden wird. Es geht nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein „Sowohl-als-auch“. Fundiertes Wissen muss methodisch gekonnt präsentiert und hinterher auch nachhaltig angewendet werden können. Die Verantwortlichen sollten daher zügig die engagierten Stimmen aus der Lehrerschaft und der Schulleitungen ernst nehmen und dringend die Konzeption des 10. Schuljahres und der Abschlussprüfung an Realschulen modifizieren.
Nuri Kiefer
| |
|
 |  |  |  |  |  |  |