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 | (b&w 9/09 Seite 29)
| Drei Hürden beim Übergang zum beruflichen Gymnasium
Realschule/Gymnasium: Seit Frühsommer häufen sich Klagen zum erschwerten Übergang von Realschulabsolvent/innen auf berufliche Gymnasien. Dort gibt es nicht genügend Schulplätze. Bildungswilligen Schüler/innen wird die Chance auf das Abitur verwehrt.
Die Bildungsplanreform an den Realschulen und die daraus folgende neue Abschlussprüfung hat zusätzlich zum bestehenden Mangel an Schulplätzen, erschwerte Bildungsvoraussetzungen geschaffen, die Realschüler/innen heute deutlich benachteiligt. Für Realschüler/innen – und dies gilt in verstärktem Maße auch für Werkrealschüler/innen – gibt es drei Hürden, um über ein berufliches Gymnasium zur Hochschulreife zu kommen:
Die erste Hürde setzt einen Mindestnotendurchschnitt in Mathematik, Deutsch und Fremdsprache von 3,0 voraus. Die zweite Hürde bildet das Auswahlverfahren: ein sogenannter „verschärfter Numerus Clausus“. Ein Mindestnotendurchschnitt von 2,6 oder besser wird dann eingeführt, wenn zu viele Bewerber/innen um zu wenige Plätze an beruflichen Gymnasien konkurrieren. Die Position der GEW ist klar: Das Auswahlverfahren gehört abgeschafft! Auch die beruflichen Gymnasien müssen, wie die allgemein bildenden, Wahlschule werden!
Der Abschluss in der 10. Klasse Realschule passt mit dem Anschluss an den beruflichen Gymnasien nicht (mehr) zusammen. Ein GEW-Hearing Ende Juni 2009 begründet die „dritte Hürde“ mit folgenden Punkten:
- Das 10. Schuljahr an den Realschulen geht für die Stoffvermittlung verloren, denn die Prüfungen und Prüfungsteile beginnen quasi nach den Sommerferien. EuroKom-Prüfung in Englisch im November, Präsentationsprüfungen in Naturwissenschaftlichem Arbeiten (NWA) sowie im Wahlpflichtfach Mensch und Umwelt (MUM) bzw. Natur und Technik (NUT), Französisch bis im April, danach schriftliche Prüfungen, Ende Juni eine fächerübergreifende Kompetenzprüfung in der Gruppe und mündliche Prüfungen. Fazit: In den einzelnen Fächern der Klasse 10 gibt es praktisch keinen fachlichen Lernfortschritt. Gleichzeitig wurde das Niveau der Prüfung, ganz offensichtlich z. B. in Mathematik, abgesenkt bzw. das Punktesystem bei der Prüfung geändert.
- Die Bildungspläne wurden in Mathematik und in den Fremdsprachen stark verändert, ohne gleichzeitig eine Abstimmung mit den beruflichen Gymnasien vorzunehmen.
- Der Fächerverbund NWA hat zwar in den Klassen 5-7 einen positiven Effekt durch mehr praktisches Handeln, aber in den Klassen 9 und 10 tritt gegenüber früher ein erheblicher Qualitätsverlust in fachlicher Hinsicht ein. Es entsteht ein „Fächerbrei“, weil es nicht genügend in den naturwissenschaftlichen Fächern ausgebildete Realschulkolleg/innen gibt. In der Praxis sieht dies dann z.B. so aus: eine Biologielehrerin unterrichtet NWA; damit haben die Schüler/innen einen Biologieschwerpunkt, erfahren aber viel zu wenig über Physik oder Chemie – Fächer, die sie in den beruflichen Gymnasien dringend brauchen.
Es entsteht damit die Gefahr, dass für immer mehr Realschulabsolvent/innen Probleme entstehen, das Abitur an den beruflichen Gymnasien zu bewältigen. Der Einwand, die Realschule habe nicht nur das Bildungsziel, auf das berufliche Gymnasium vorzubereiten, ist berechtigt. Andererseits wirbt das KM gerade mit der Durchlässigkeit des Schulsystems „Kein Abschluss ohne Anschluss!“ Nach Auffassung der GEW ist diese erforderliche Durchlässigkeit nicht für alle Bildungswilligen gegeben.
Sinnvolle Maßnahmen zur Vermeidung der dritten Hürde
Zur Vermeidung der „dritten Hürde“ wäre es aus Sicht der beruflichen Gymnasien z.B. sinnvoll:
- Um die Schüler/innen dort abzuholen, wo sie stehen, wäre jeweils eine zusätzliche Stunde in Mathematik, Deutsch und Englisch geboten.
- In den naturwissenschaftlichen Fächern müssen die fachlichen Grundlagen in Physik, Chemie und Biologie durch volle Erfüllung der Lehrplaninhalte gegeben sein.
- Das Lernen muss in allen Schularten durch individuelle Förderung und kleinere Klassen verbessert werden.
Aus Sicht der Realschulen wird u. a. Folgendes diskutiert: - Der Ablaufs des 10. Schuljahres muss überarbeitet werden: Das 1. Halbjahr sollte möglichst frei von Prüfungsvorbereitungen sein, um einen fachlichen Lernzuwachs zu ermöglichen. Die notwendigen Prüfungsvorbereitungen sollten sich auf das 2. Halbjahr konzentrieren.
- Spezifischer Förderunterricht für ankommende Gymnasiasten in Klasse 9.
- Bessere Differenzierungsmöglichkeiten in Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften.
- (Wieder)Herstellung der eigenständigen Fächer Physik, Chemie, Biologie und zusätzlicher Unterricht.
- Nachqualifizierung und ausreichende Fortbildungsangebote in den Naturwissenschaften.
Realschulen und berufliche Gymnasien können nur einen kleinen Teil dazu beitragen, die entstandene „dritte Hürde“ anzugehen. Den größeren Teil muss das KM leisten, in dem es die Rahmenbedingungen deutlich verändert. Die Diskussion darüber ist eröffnet.
Hans Gampe
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