 | (b&w 3/07 Seite 10)
| Arbeit bis 67? – Nein danke! Gesünder arbeiten? – Ja bitte!
Rente/Pension: Die GEW lehnt eine Pension mit 67 ab und fordert die Entwicklung von Maßnahmen für die konstruktive Zusammenarbeit von Jüngeren und Älteren.
Der erklärte Wille der Landesregierung, die Lebensarbeitszeit ihrer Beschäftigten im öffentlichen Dienst bis 67 zu verlängern, trifft auf den erbitterten Widerstand der Gewerkschaften. Die Umsetzung vernichtet Arbeitsplätze und verringert die Einstellungschancen junger Kolleg/innen. Dazu missachtet der Arbeitgeber mit der pauschalen Verlängerung die bekannten Belastungen im Stressberuf Lehrer/in!
Die GEW fordert den Arbeitsplatz so zu gestalten, dass gesünderes Arbeiten möglich ist. Vorher darf ein verantwortungsvoller Arbeitgeber nicht an eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit denken.
Immer noch müssen zu viele Kolleg/innen wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig aus dem Beruf scheiden. Der Altersschnitt pensionierter Lehrer/innen liegt bei rund 59 Jahren, obwohl die Frühpensionierung gravierende finanzielle Einschnitte nach sich zieht. Dass Lehrer/innen länger gesünder arbeiten sollten, hält auch die Landesregierung für notwendig. Dahinter steht vor allem der Spargedanke. So schreibt Oettinger in die Koalitionsvereinbarung: „Bei Lehrern streben wir eine nennenswerte Verlängerung der tatsächlich geleisteten Lebensdienstzeit an. Teilzeit, Teildienstfähigkeit und Altersermäßigung sollen hierfür zu wirkungsvollen Instrumenten entwickelt werden.“ Dass die Landesregierung die Alterermäßigung für Gymnasial- und Berufsschullehrer/innen im Handschlag kappen will, konterkariert diese Aussage massiv.
In der Wirtschaft setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Mitarbeiter/innen mit langer Berufserfahrung gut arbeiten und mit ihren Erfahrungen unersetzlich sind. Mit konkreten Maßnahmen werden ältere Mitarbeiter/innen gestützt. Schon die Altersteilzeit ist ein bewährtes Mittel, die Arbeitskraft länger zu erhalten. Doch die verweigert die Landesregierung den Beamt/innen.
Was sagt die Wissenschaft?
Wissenschaftler beschäftigen sich zunehmend mit den Belastungen am Arbeitsplatz in höherem Alter. Bis 65 gibt es geringe Leistungsveränderungen bei einfachen sensorischen, motorischen und kognitiven Aufgaben. Allerdings steigt mit den Jahren das Risiko zu erkranken und bestimmte körperliche Funktionen lassen nach: Alterssichtigkeit und Altersschwerhörigkeit, Blendempfindlichkeit, Abnahme der Sehschärfe, steigende Intensitätsschwelle für Licht, Alterseinbußen in Kräften, Geschwindigkeiten und Ausdauer, Koordination, Alterseinbußen von Gedächtnisleistungen sind bekannt. Die Umstellung auf neue Aufgaben sowie das Ausführen mehrerer Tätigkeiten gleichzeitig fällt älteren Menschen schwerer. Wettgemacht wird dies in der Regel bei gesunden Menschen durch die berufliche Erfahrung und erprobte Problemlösungsstrategien. Strukturen zur Wissensnutzung und Verbesserung der Arbeit wirken sich positiv aus, sind allerdings am Arbeitsplatz Schule noch nicht vorhanden. Arbeitszufriedenheit und Organisationsbindung steigen mit dem Alter an.
Nicht vergessen darf man dabei allerdings, dass erkrankte Mitarbeiter/innen in der Regel schon ausgeschieden sind. Hier wirken sich bei Lehrer/innen vor allem die psychosomatischen und psychischen Erkrankungen aus. Burnout bei Lehrer/innen haben insbesondere Schaarschmidt und Bauer untersucht und eine hohe Gefährdung festgestellt: „Die Betrachtung der Altersabhängigkeit weist auf eine progressive Verschlechterung der Beanspruchungssituation über die Berufsjahre hin. Dabei sind für die Frauen die noch deutlicheren Beeinträchtigungen im Laufe der Berufsausübung festzustellen“.
Untersuchungen von Weber u.a. belegen eine hohe Dichte von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen bei dienstunfähigen Lehrer/innen. Als Ursachen gibt Weber insbesondere die zunehmenden beruflichen Belastungen, schlechte Rahmenbedingungen und die zunehmenden berufstypischen Erkrankungen (u.a. stressassoziierte Leiden: Burnout, depressive Symptome) an.
Jung und Alt in einem Kollegium – wie kann das gehen?
Erste Studien beschäftigen sich mit der Altersdiversität, da sich die Unterschiede in Arbeitsweisen von Alt und Jung auf die Zusammenarbeit auswirken. Bereits 2000 hat Kretschmann herausgefunden, was älteren Lehrer/innen zunehmend schwer fällt: Es sind dies „Lärm, den hohen Geräuschpegel ertragen“, „mehr als vier Stunden am Tag unterrichten“, „auf Gewalt, Störungen u.ä. angemessen reagieren“, „veränderte Kinder, veränderte Elterngeneration verstehen“, „trotz verschlechterter Rahmenbedingungen den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden“, „Strapazen von Klassenfahrten aushalten“, „Sport unterrichten, Lauf- und Fangspiele mitmachen“.
Der Arbeitspsychologe Krause legt eine Studie an, die Ansätze für Prävention und eine bessere Nutzung der spezifischen Stärken des jeweiligen Alters herausfinden soll. Der Mediziner Bauer geht einen anderen Weg: Er bietet im Projekt des Bundes „Lange lehren“ ein Coaching für Hauptschul- und Gymnasiallehrkräfte an, in dem es insbesondere um die Beziehungsgestaltung mit Schüler/innen, Eltern und Kolleg/innen geht.
Wie können die Ansätze in ein Präventionskonzept einfließen?
Die Landesregierung hat es in der Koalitionsvereinbarung bereits erkannt: Ein wirksamer Arbeits- und Gesundheitsschutz ist notwendig, der nicht nur die Schulen auffordert an ihren innerschulischen Verhältnissen zu arbeiten und das eigene Verhalten zu ändern. Älteren Lehrer/innen wird der Arbeitgeber nur gerecht, wenn er an den Rahmenbedingungen etwas ändert. Gesundes Arbeiten für Lehrer/innen mit langer Berufserfahrung erfordert:
- Einführung und Ausbau der Altersteilzeit und Altersermäßigung ab 50 Jahren,
- Einführung von Strukturen und Ressourcen für die Bearbeitung von Maßnahmen zum Arbeitsschutz in der Schule,
- Bereitstellen von zeitlichen Spielräumen an den Schulen, um den Einsatz älterer Kolleg/innen schonender planen zu können,
- Senkung der Klassenteiler, gezielter Abbau von Klassen über 25 Schüler/innen,
- Bessere Fortbildungsangebote bei bildungspolitischen Veränderungen und neuen schulischen Aufgaben, die insbesondere auf die Bedürfnisse älterer Lehrer/innen angelegt sind (z.B. Teamarbeit, Arbeit am PC in bestimmten Themenfeldern),
- Angebot von Coaching zur Beziehungsgestaltung für Gruppen aus einem Kollegium, die auch die Zusammenarbeit der Generationen bearbeiten.
Innerschulische Prozesse nutzen
Gefragt sind natürlich auch innerschulische Prozesse, z.B. im Rahmen der Schulentwicklung, die ein für Jung und Alt wirksames Präventionskonzept ermöglichen. Altersdiversität sollte im Kollegium zum Thema gemacht werden mit dem Ziel, die verschiedenen Stärken sichtbar zu machen und wertschätzend damit umzugehen. Es muss legitim sein, unterschiedlich zu arbeiten!
- Strategien können entwickelt werden, wie die Unterschiedlichkeiten genutzt werden können: Mentoring, Materialaustausch, Teamarbeit ohne Ausgrenzung von Altersminderheiten, gezielte Verteilung zusätzlicher Aufgaben.
- Möglichkeiten zur Flexibilisierung der Arbeitszeit und Stundenpläne für Ältere sollten genutzt werden, z.B. späterer Schulanfang am Morgen, höchstens vier Unterrichtsstunden am Vormittag.
- Entlastungen, die im gemeinsamen abgesprochenen Vorgehen des Kollegiums bestehen, z.B. Umgang mit schwierigen Schüler/innen,
- Verminderung des Lärmpegels,
- Weitergabe des vorhandenen Wissens.
Es geht nicht darum, den Berufsalltag irgendwie und an der Belastungsgrenze zu bewältigen, sondern Überforderungen und Überlastungen bereits in jüngeren Jahren zu verhindern. Die GEW fordert dazu vom Kultusministerium ein konkretes und wirksames Konzept!
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