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 | (b&w 6/07 Seite 40)
| Eine Schule für alle – auch schwierige Kinder
Schulentwicklung: Unterricht mit „schwierigen“ Kindern fordert Kolleg/innen besonders emotional heraus. Im Mittelpunkt der Bad Boller Tagung standen Lern- und Beziehungskonzepte, verhaltensförderlicher Unterricht, aber auch die aktuelle schulsystemkritische Diskussion.
Die Tagungsteilnehmer/innen unterstützen den Offenen Brief der 100 oberschwäbischen Schulleiter in einem Schreiben an Kultusminister Rau. Die Tagung wurde gefördert durch das EU-Projekt „2007: Europäisches Jahr der Chancengleichheit für alle“ und die GEW Baden-Württemberg.
Gerade vor dem Hintergrund des Besuchs des UN-Inspektors Munoz am Anfang des Jahres stellte die Tagung den Zusammenhang zur schulsystemischen Kritik her. In Baden-Württemberg mit seiner besondern Ausformung des Sonderschulwesens sind viele Kolleg/innen in die Verkrustung der Schularten verstrickt. Sie fühlen sich trotz persönlicher Bemühungen, allen Kindern im Unterricht gerecht zu werden, oft allein gelassen. Nicht nur an Sonderschulen finden sich „schwierige Kinder“, die als aggressiv, gewalttätig, verweigernd, störend, hyperaktiv, verwöhnt und vieles mehr beschrieben werden. An allen Schulen erfahren Kolleg/innen durch herausfordernde Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen ihre Belastungsgrenzen neu: Schulen sind kaum in der Lage, die entsprechenden Lernräume für Kinder zu bieten, die sich zunehmend aggressiv und verweigernd zeigen und Unterrichtsstörungen inszenieren.
Wertschätzung vermeidet Scham und fördert Motivation
Im ersten Vortrag stellte Dr. Karl Gebauer seinen Ansatz vor: „Kinder brauchen für ihre individuellen Bemühungen eine wertschätzende Resonanz. Diese Grundhaltung vermeidet Beschämungen, trägt somit zur Aktivierung des Motivations-Systems bei, erhöht die Lernfreude und die Lernerfolge.“ Dr. Annette Textor befasste sich mit dem „Unterricht bei Verhaltensproblemen – Wirklichkeit und Möglichkeiten.“ Ihre Erfahrungen schöpft sie aus Berlin, wo ca. 90 Prozent der Grundschüler/innen mit Förderbedarf in emotionaler und sozialer Entwicklung im gemeinsamen Unterricht an Regelschulen integriert werden.
Grundlage der Arbeit in den Werkstätten war der Anspruch: Im inklusiven Sinne beschreiben wir das Kind nicht als schwierig oder anders, wir ordnen es nicht als integrationsfähig oder integrationsunfähig ein; wir wollen es in seiner Einzigartigkeit und Vielfalt wertschätzen und nach den jeweiligen Lern- und Beziehungskonzepten fragen, die es allen Kindern ermöglichen, miteinander konfliktfrei zu lernen. Verbunden mit den Fragen um die Erneuerung des Schulsystems sind alle Kinder gemeint: behindert oder nicht behindert, deutsch oder ausländisch, krank oder gesund, einfach alle!
Vielfältige Werkstattangebote
In diesem Sinne reichte das Werkstattangebot von Fragen zur kulturellen Integration von Migrant/innen, über die Vernetzung zur Jugendhilfe bis zu „Kooperatives Lernen und gewaltfreie Kommunikation als Schlüsselelemente inklusiver Pädagogik“ und „Belastungen der Kolleg/innen“. Am Vortrag von Dr. Brigitte Schumann entwickelte sich eine spannende Diskussion im Fokus des Schulsystems. Die Bildungsjournalistin hat die Behauptung einer wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen, im Schonraum der Sonderschule gelänge es, die Entwicklung eines positiven Selbstkonzeptes zu fördern. Die von ihr befragten Sonderschüler/innen erlebten die Überweisung in die Sonderschule als Beschämung und diese negative Selbstwahrnehmung hindert die Betroffenen daran, ein positives Selbstkonzept zu entwickeln.
Prof. Dr. Ulf Preuss-Lausitz erklärte zum Abschluss der Tagung, dass Homogenisierung nicht zu besseren Leistungen bei allen Kindern führt und die benachteiligten Kinder weiter benachteiligt sind. Press-Lausitz forderte für die verbesserte Förderung von schwierigen Schüler/innen mehr integrative Wege, „damit die Grundschule zur allgemeinen Schule wird“, um eine Perspektive des gemeinsamen Aufwachsens zu bieten.
Tagung unterstützt Brief aus Oberschwaben
Um dem bildungspolitischen Anspruch nach Inklusion Ausdruck zu verleihen, wurde die Unterstützung der aktuellen Schulsystemkritik beschlossen. Die Tagungsgemeinschaft unterzeichnete zum Abschluss einen offenen Brief an Kultusminister Rau:
„Wir stimmen mit den Schulleitern in der Feststellung der mangelnden Leistungsfähigkeit und der sozialintegrativen Schwäche des gegliederten Systems überein. Dieses bestehende Schulsystem ist zutiefst sozial ungerecht und bedarf eines Richtungswechsels. Längeres gemeinsames Lernen für alle und individuelle Förderung statt Selektion und Ausgrenzung müssen zum Leitbild unseres Schulsystems werden. Insbesondere müssen folgerichtig auch die Kinder und Jugendlichen einbezogen werden, die heute noch in Sonderschulen separiert unterrichtet werden. Erst wenn auch sie in einem inklusiven Schulsystem einbezogen sind, kann das Menschenrecht auf Bildung im Sinne der UN-Konvention (s. Artikel 24: www.un.org/ disabilities/convention/) für die Rechte von Menschen mit Behinderungen verwirklicht werden. Die Bundesregierung hat diese Konvention bereits unterzeichnet.“
Brigitte Flicker, Landesfachgruppe Sonderpädagogische Berufe
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