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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2007 - Dezember 2007 - Schulstruktur

Schulstruktur

(b&w 12/07
Seite 11)

Weitere Infos unter:
www.gew-bw.de/
PM_7307_Schulstruktur.html

Denken über Schule muss verändert werden

Schulstruktur: Am 24. November hörten rund 800 Teilnehmer/innen, darunter viele Schulleiter, auf dem GEW-Bildungskongress in Ludwigsburg, dass sich Schule dringend verändern muss. Am Nachmittag wurde in den Landesfachgruppenversammlungen weiter diskutiert.

Der Mythos der Begabungslehre hält sich hartnäckig in den Köpfen, wie Dr. Ernst Rösner (Institut für Schulentwicklungsforschung, Dortmund) nachdrücklich belegte (siehe Dokumentation im Internet unter www.gew-bw.de/Bildungskongress_ 2007.html). Er hält es auch für einen Irrtum, davon auszugehen, dass durch die Zusammenlegung von zwei „Verlierer-Schulen“ eine „Gewinner-Schule“ werde, denn die Zweigliedrigkeit bedeute weiterhin „Zweiwertigkeit“ und führe auch nicht zur Sicherung von Schulstandorten. Er forderte stattdessen, dass die Allgemeine Hochschulreife für jedes Kind angelegt, aber nicht unbedingt auch erreichbar sein muss. Und: „Von Mythen verabschieden, heißt endlich Ankommen in der Wirklichkeit!“ – wie unterschiedliche Modelle von Gemeinschaftsschulen (additiv oder integrativ) zeigen können.

Das System beschädigt alle

Die Schulkrise hat ihre Ursache in der Systemstruktur. Daher ist eine Veränderung ihrer Funktionslogik und der Lernkultur dringend erforderlich, betonte auch Prof. Dr. Karl Zenke (PH Ludwigsburg). Er belegte sogar, wie sich diese Systemstruktur auf Unterrichtslogik und -qualität auswirke: Praktische, künstlerische oder andere Begabungen würden nicht positiv getestet, sondern entscheidend für den „Aufstieg“ in höhere Schulen seien Noten in Deutsch und Mathe, was letztlich zu Bildungs-Bulimie – Lernen und „auskotzen“ führe.
Dieser „Spaltpilz“ werde schon früh in Schüler- und Elternseelen verankert. Zudem wird durch vorgegebene Stoffkataloge, die für alle Schüler gleich sind, ein Eingehen auf individuelle Voraussetzungen der einzelnen Schüler/innen unmöglich.

Dieses System beschädige alle: die guten Schüler – sie lernen nur für bestimmte Noten – wie die schlechten Schüler – ihre Andersartigkeit werde nicht anerkannt. Und auch die Lehrer/innen werden beschädigt: Sie können im System nur dann gut bestehen, wenn sie ihre professionelle Ethik verdrängen, sonst würden sie im Alltag verzweifeln.
Daher forderte Prof. Zenke konsequent die sofortige Abschaffung der Grundschul-Empfehlung und eine Pflicht zur Bildungsberatung. Alle Sekundarschulen sollen dann Wahlschulen werden, die einen mittleren Bildungsabschluss zweizügig differenziert anbieten. Alle Schulen sind für die Lernentwicklung ihrer Schüler/innen verantwortlich — ein „Abschulen“ wird unmöglich. Zeugnisse werden zu Berichten über Kompetenzprofile. Ein Sofortprogramm zur Lehrerweiterbildung für Lernen in heterogenen Gruppen werde durchgeführt.

Von „Bulimie-Didaktik“ zur Förder-Didaktik kommen

Im Rahmen der anschließenden Podiumsdiskussion erläuterte die Staatssekretärin im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, Vera Reiß, die Reformen in Rheinland-Pfalz. Insbesondere wurde die Lehrerausbildung neu angelegt. Als ehemaliges Mitglied im dortigen GEW-Landesvorstand zeigte sie zwar Verständnis für die Kritik der GEW, wünscht sich jedoch auch, dass gesehen wird, was machbar ist. Immerhin ist in Rheinland-Pfalz mit den Bildungsreformen kein Sparkonzept verbunden.
Ekatarina Kouli, Referentin beim Handwerkstag Baden-Württemberg, sieht die Abschaffung der Hauptschule als strategische Überlebensfrage des Handwerks. „Das Handwerk braucht gute Leute!“ Ein zweigliedriges System löse nicht die Probleme der Qualität an Schulen bzw. des Unterrichts oder gar einer individuellen Förderung.
Waltraud Berndt-Mohr, stv. Vorsitzende des AK Gesamtelternbeiräte Baden-Württemberg, lehnte die Grundschul-Empfehlung als „Grundschul-Befehl“ kategorisch ab, da Eltern kein Mitspracherecht hätten. Auch sei die Ausstattung z.B. der Realschulen oft so schlecht, dass keine individuelle Förderung möglich sei.

Für Prof. Dr. Bernd Reinhoffer (PH Weingarten) ist an den PHn zwar vieles besser als an den Unis, aber noch nicht gut genug. Vor allem müsse die Ausbildung stärker am Kind ausgerichtet werden.

Auch Hartmut Markert, Leiter des Vorstandsbereichs Allgemeinbildende Schulen in Baden-Württemberg, fordert die Abschaffung der Grundschul-Empfehlung, weil sie enormen Erwartungsdruck erzeuge und Gewalt- oder andere Konflikte dramatisiere. Von der „Bulimie-Didaktik“, die Lehrer auf Vollzugsbeamte reduziere, müsse man zur Förder-Didaktik kommen, die achtsam und respektvoll mit jedem Kind umgehe. Dann – ist Markert sicher – werde auch der Berufsstand wieder mehr Anerkennung erfahren.



Bei alledem kam die Zukunft der Förderschulen und Sonderpädagogischen Schulen bzw. eine offene gemeinsame Diskussion nicht vor, wie am Nachmittag die Fachgruppenversammlung deutlich kritisierte. Doch damit alle Kinder zur „einen Schule für alle“ dazu gehören, müsse sich erst noch das Denken aller kräftig verändern. So wurde als Konsequenz die Auflösung der Fachgruppen schon mal überlegt. Aber so schnell geht es dann doch nicht …

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