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TOSCA 2003

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TOSCA-Studie vergleicht allgemein bildende und berufliche Gymnasien

(01/04) - Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und der Lehrstuhl Pädagogische Psychologie der Universität Erlangen haben im Dezember 2003 erste Ergebnisse der TOSCA-Studie vorgestellt. Es geht in dieser Längsschnittstudie unter anderem um die um Fragen des Zusammenspiels von institutionellen Einflüssen (z.B.Schulformen), dem familiären Hintergrund und den individuellen Ressourcen der Schülerinnnen und Schüler auf ihre weitere schulische und berufliche Entwicklung. mehr...

Die TOSCA-Studie vergleicht allgemein bildende und berufluche Gymnasien in Baden-Württemberg. Es geht im Kern um die Frage, ob diese unterschiedlichen Wege zur Hochschulreife sich qualitativ unterscheiden. In den nachfolgenden Abschnitten sind die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst. Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die im Buchfassung:

Olaf Köller; Rainer Watermann; Ulrich Trautwein; Oliver Lüdtke (Hrsg.): Wege zur Hochschulreife in Baden-Württemberg. TOSCA - Eine Untersuchung an allgemein bildenden und beruflichen Gymnasien. Leske + Budrich, 2004, ISBN 3-8100-3728-; 39,90 €


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Differenzierung, Öffnung von Bildungswegen und die Wahrung von Standards

Die Autoren der Studie weisen auf den oft wenig beachteten Umstand hin, dass der einerseits recht rigiden Abschottung der Schulformen gegeneinander, gerade in Baden-Württemberg, eine zunehmende Entkopplung von besuchter Schulform und dem letztlich erreichten Schulabschluss gegenüber steht. So wurden im Bundesgebiet im Jahre 2000 nur noch 58% aller Realschulabschlüsse an Realschulen erworben (S. 18), in Baden-Württemberg kommen seit den 1990er Jahren rund ein Drittel aller Absolventen mit fachgebundener oder allgemeiner Hochschulreife aus beruflichen Gymnasien (S.20). Interessant ist in diesem Zusammenhang die Aussage der Autoren, dass die Grundschulempfehlung nicht mehr als Abschlussprognose aufgefasst werden könne, sondern eine vorläufige Vermutung über die individuelle angemessene Förderung in unterschiedlichen Schulmilieus darstelle (S. 20).

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Sozialer Hintergrund und kognitive Grundfähigkeit

Die berufliche Stellung der Eltern unterscheidet sich signifikant: Eltern von Schülerinnen und Schülern an allgemein bildenden Gymnasien weisen einen deutlich höheren beruflichen und insgesamt sozioökonomischen Status aus als die Eltern von Schülerinnen und Schülern an beruflichen Gymnasien (S. 172 f.). Man kann sagen: Im Schnitt sind Eltern, die Kinder im allgemein bildenden Gymnasium haben, in prestigeträchtigeren Berufen tätig als die Eltern von Kindern in beruflichen Gymnasien. Das höhere Prestige gilt im übrigen auch für die Schülerinnen und Schüler eines beruflichen Gymnasiums, die zuvor in einem allgemein bildenden Gymnasium waren.
Bei den schulischen und beruflichen Abschlüssen der Eltern zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede. Das "akademische Milieu" ist in den allgemein bildenden Gymnasien weitaus stärker verankert als in den beruflichen Gymnasien. 44% der Eltern/allgemein bildendes Gymnasium verfügen über einen Universitätsabschluss, 24% sind es bei Eltern/berufliches Gymnasium. Hinsichtlich des sozialen Kapitals (Familienstruktur und Eltern-Kind-Kommunikation) gibt es hingegen keine substanziellen Unterschiede.

Ein Vergleich mit den PISA-Daten zeigt, "dass berufliche Gymnasien Schülerinnen und Schüler erreichen, die trotz guter Schulleistungen nicht auf ein allgemein bildendes Gymnasium, sondern ins berufliche wechseln" (S. 192). Es besteht also offensichtlich eine Schwelle bei der Wahl des Übergangs (von Realschülern) auf das allgemein bildende Gymnasium, die stärker vom sozioökonomischen Hintergrund verursacht ist als etwa von den schulischen Leistungen.

Zu den Unterschieden bei den kognitiven Grundfähigkeiten ist zu sagen, dass Schülerinnen und Schüler an allgemein bildenden und technischen Gymnasien die höchsten Werte erzielen. Allerdings gibt es auch einen erheblichen Überlappungsbereich der kognitiven Grundfähigkeiten bei der Verteilung in den unterschiedlichen beruflichen Gymnasialformen. Das Ziel der besseren Ausschöpfung von so genannten Begabungsreserven wird demnach durch die beruflichen Gymnasien durchaus erreicht. Es gelingt, die in der Grundschule getroffenen Schulformentscheidung für diese Schülerklientel zum Teil zu revidieren. Nur zum Teil deshalb, weil bei der Wahl des Übergangs in ein allgemein bildendes oder in ein berufliches Gymnasium der soziale und der Bildungshintergrund der Schülerinnen und Schüler ein viel stärkere Rolle spielt als zum Beispiel die Schülerleistungen. Mit anderen Worten kann der Zusammenhang von Herkunft und Bildungsbeteiligung auch durch ein ausdifferenziertes Angebot an Wegen zur Hochschulreife nur bedingt aufgebrochen werden.

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Mathematikleistungen

Eingangsvoraussetzungen (11. Jahrgangsstufe):
An allgemein bildenden und technischen Gymnasien ist das höchste Niveau der mathematischen Grundbildung zu finden. Knapp 90% der Schülerinnen und Schüler an allgemein bildenden und technischen Gymnasien erreichen den definierten Mindeststandard im Grundkursniveau. Auch wenn die Autoren schreiben, dass alle Schülerinnen und Schüler an allgemein bildenden und beruflichen Gymnasien ein gutes Niveau mathematischer Grundbildung aufweisen, so muss man doch sehen, dass in an den Gymnasien mit nicht-technischer Ausrichtung die Mindeststandards im Grundkurs von einem erheblichen Anteil der Schülerinnen und Schüler nicht erreicht wird: "Im wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium erreicht nur mehr etwa die Hälfte die Anforderungen. Im agrarwissenschaftlichen ernährungswissenschaftlichen Gymnasium kommt über die Hälfte der Grundkursteilnehmer nicht einmal über das unterste Kompetenzniveau hinaus. Schülerinnen und Schüler des sozialpädagogischer Gymnasien erreichen mit einer noch geringeren Wahrscheinlichkeit die Mindestanforderungen" (S. 256).

Fachleistungen im Bereich voruniversitärer Mathematik (Ende Sekundarstufe II):
Vergleicht man hingegen die Niveaus vertiefter mathematischer Kenntnisse am Ende der Sekundarstufe II, zeigen sich signifikante Unterschiede. Allgemein bildende und technische Gymnasien erzielen im Durchschnitt deutlich bessere Leistungen als die übrigen Gymnasialtypen (wirtschaftswissenschaftliches, ernährungswissenschaftliches, agrarwissenschaftliches und sozialpädagogisches Gymnasium). Der Anteil von Spitzenleistungen ist an den allgemein bildenden Gymnasien am höchsten. In Tabelle 1 sind die Anteile der Schülerinnen und Schüler zusammengefasst, die die definierten Mindeststandards am Ende der Sekundarstufe II erreichen bzw. unterschreiten.

Mindeststandards und Vergleichbarkeit
Im Vergleich zu anderen Ländern erzielen Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg überdurchschnittliche Leistungen. Auch in den testleistungsschwächeren Gymnasialtypen Baden-Württembergs liegen immerhin mindestens 65% der Schülerschaft oberhalb der nationalen Mindeststandards. Man kann sagen: berufliche Gymnasien mit nicht-technischer Ausrichtung sind zwar schlechter in ihren mathematischen Fachleistungen als die allgemein bildenden und technischen Gymnasien, aber dennoch besser als vergleichbare Gymnasien in anderen Bundesländern.

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Englischleistungen

Das Beherrschen der Weltsprache Englisch gehört zweifellos zu den Basiskompetenzen für Schülerinnen und Schüler und wird in vielen Berufen und Studiengängen vorausgesetzt.
Angelehnt an den TOEFL-Test (Test of Englisch as a Foreign Language) wurde in der TOSCA-Studie ein Instrument entwickelt, um die den Stand der Englischkenntnisse der Schülerinnen und Schüler an Gymnasien zu ermitteln und zu vergleichen. Als Mindeststandard am Ende der Oberstufe wurde ein Niveau definiert, das notwendig ist, um als Ausländer an amerikanischen Universitäten für ein Studium zugelassen zu werden. Je nach Renommee der Universitäten ist hier ein TOEFL-Testwert von mindestens 500 bis 600 Punkten erforderlich.

An allgemein bildenden Gymnasien erreichen mehr als zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler einen Wert von 500, ein Drittel kommt sogar auf 550 Punkte. Die Marke von 550 Punkten wird an beruflichen Gymnasien nur von 10% der Schülerschaft erreicht. Die Leistungsunterschiede zwischen allgemein bildenden und beruflichen Gymnasien sind im Fach Englisch sehr deutlich. Eine Ursache sehen die Autoren der Studie darin, dass insbesondere Realschüler den in der Sekundarstufe I erworbenen Leistungsvorsprung von Schülern an allgemein bildenden Gymnasien nicht mehr aufholen können.
Inder Tendenz ist es so, dass Schülerinnen und Schüler an beruflichen Gymnasien im Leistungskurs Niveaus erzielen, die an allgemein bildenden Gymnasien im Grundkurs erreicht werden (S.315). Evtl. Grafik auf Seite 315 einfügen

Was aber aus den Untersuchungen ebenfalls klar wird ist, dass ein mehrmonatiger Aufenthalt in einem englischsprachigen Ausland die Chance auf Erreichen des Mindeststandards ganz erheblich erhöht. "Ein Aufenthalt von mehr als drei Monaten ist ... fast ertragreicher als der Besuch eines Leistungskurses in der gymnasialen Oberstufe" (S. 323). Zwar dürfte dieser Befund auf Grund der damit verbundenen Kosten keine politischen Auswirkungen haben, er zeigt aber, dass sich Sprachkenntnisse durch gezielte Maßnahmen und pädagogisch sinnvolle Maßnahmen erheblich verbessern lassen.

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Weitere Ergebnisse

Wissenschaftspropädeutik und Studierfähigkeit
Im Vergleich zu den Leistungstests zeigen sich bei den wissenschaftspropädeutischen Fertigkeiten (Computernutzung, Nutzung von Bibliotheken, Referate halten, Experimente planen u.ä.) keine systematischen Unterschiede zwischen den Schulformen. Auf dennoch vorhandene bedeutsame Unterschiede in einzelnen Punkten kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Insgesamt weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Lernformen, die wissenschaftspropädeutische Effekte haben, verstärkt Eingang in den Unterricht erhalten müssen, um die bestehenden Defizite zu beseitigen (S. 362ff).
Gewissenhaftigkeit, intellektuelle Offenheit und die Entwicklung von Berufsinteressen
Aus dem komplexen Bereich der personalen Kompetenzen soll hier nur auf zwei Ergebnisse, allerdings wenig überraschende, verwiesen werden: Schülerinnen und Schüler aus beruflichen Gymnasien fühlen sich durch die Oberstufe besonders gut auf die Wahl des Studiengangs vorbereitet. Im Hinblick auf Gewissenhaftigkeit und intellektuelle Offenheit (z.B. wissbegierig sein, sich an Büchern und Kunstwerken erfreuen u.ä.) zeigen sich nur geringe Unterschiede zwischen allgemein bildenden und beruflichen Gymnasien.

Studierneigung
Schülerinnen und Schüler beider gymnasialer Oberstufen besitzen eine vergleichbar hohe Präferenz für die Aufnahme eines Studiums. Schülerinnen und Schüler an beruflichen Gymnasien neigen aber stärker zu einem Studium an einer Fachhochschule oder Berufsakademie anstelle eines Universitätsstudiums. Bei nicht-akademischer Herkunft zeigt sich -erwartungsgemäß- eine größere Distanz zur Universität.

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Fazit

In der "bemerkenswerten Öffnung von Bildungswegen im Sekundarschulsystem" sehen die Autoren der TOSCA-Studie eine "beachtliche Modernisierungschance für das Schulsystem". Dabei seien die beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg, in denen die allgemeine Hochschulreife erworben werden kann, ein Musterbeispiel für die Öffnung von Bildungswegen.
Die wichtige Funktion beruflicher Gymnasien, Anschlussfähigkeit zu Bildungswegen außerhalb des klassischen allgemein bildenden Gymnasiums zum Erreichen eines Hochschulabschlusses herzustellen, ist sicher zu begrüßen. Viele Schülerinnen und Schüler, denen aus unterschiedlichen Gründen das "normale" Abitur verschlossen blieb, erwerben auf diesen Wegen eine Hochschulzugangsberechtigung. Dies darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es insbesondere die rigide Selektion nach der Grundschule ist, die eben diesen Schülerinnen und Schüler den Übergang ins Gymnasium nicht ermöglichte. Die Ausdifferenzierung des Schulwesens kann mit guten Gründen auch als Versuch interpretiert werden, das überkommene dreigliedrige Schulwesen "zu retten", indem die gröbste Ungerechtigkeit, nämlich die Unmöglichkeit einer "begabungsgerechten" Selektion nach dem vierten Schuljahr, auf Umwegen noch zu korrigieren, an ihrer Grundfunktion aber nichts ändern zu müssen. Es wäre humaner und letztlich "effizienter", die dafür notwendigen Energien darauf zu verwenden, ein Schulsystem zu etablieren, das die individuelle Förderung ins Zentrum stellt und längeres gemeinsames Lernen nicht dagegen ausspielt.

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