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Hans Gampe stellv. Landesvorsitzender
| Schwieriger Übergang
Realschule - Berufliches Gymnasium
(12/09) Seit dem Frühsommer häufen sich die Sorgen und Klagen über einen erschwerten Übergang der Realschulabsolvent/innen auf die beruflichen Gymnasien. Einerseits gibt es nicht genügend Schulplätze an den beruflichen Gymnasien, sodass immer wieder bildungswilligen Schüler/innen die Bildungschance auf ein Abitur dort verweigert wird. Andererseits hat die Bildungsplanreform an den Realschulen und die daraus folgende neue Abschlussprüfung erschwerte Bildungsvoraussetzungen geschaffen, die Realschülerinnen und Realschüler gegenüber früher deutlich benachteiligen. Für Realschüler/innen, dasselbe gilt in verstärktem Maße für Werkrealschüler/ innen, gibt es drei Hürden, um über ein berufliches Gymnasium zur Hochschulreife zu kommen.
Die erste Hürde
Sie setzt einen Mindestnotendurchschnitt in Mathematik, Deutsch und Fremdsprache von 3,0 voraus. Auch wenn dies nur bedingt ein valides Auswahlkriterium darstellt, wird es von der GEW als systemkonform betrachtet. Würden nämlich Schülerinnen und Schüler zugelassen, die sich mit nur ausreichenden oder mangelhaften Noten bewerben, würden häufige Misserfolgserlebnisse die Lernmotivation beschädigen. Auch in einem auf Selektion basierenden Schulsystem sollen Schülerinnen und Schüler nicht unnötig frustriert werden.
Die zweite Hürde
Es gibt zu wenige Plätze an beruflichen Gymnasien. Deshalb wird ein Auswahlverfahren durchgeführt, das sich nach den Notendurchschnitten in den Kernfächern richtet. Auf diese Weise wird ein „verschärfter numerus clausus“ eingeführt, der einen tatsächlichen Notendurchschnitt von 2,6 aufwärts verlangt. Hier hat das Kultusministerium auf den öffentlichen Druck reagiert und 30 zusätzliche Klassen an beruflichen Gymnasien eingerichtet. Dazu kommen noch ca. 15 Standorte neuer sozialwissenschaftlicher Gymnasien, die i. d. R. durch Substitution anderer Klassen zu bilden sind. Ursache dafür waren hohe Anmeldezahlen Anfang März, u. a. zusätzliche Bewerberinnen und Bewerber aus Klasse 9 des 8 -jährige Gymnasium. Die GEW bezweifelt, dass die bisherigen Bemühungen ausreichen, jeder Bewerberin, jedem Bewerber eine Bildungschance zu bieten. Aktuelle Zahlen liegen derzeit nicht vor. Die Position der GEW ist klar: Das Auswahlverfahren, der „verschärfte numerus clausus“, gehört abgeschafft! Auch die beruflichen Gymnasien müssen, wie die allgemein bildenden, Wahlschule werden! Daher müssen die Zahl der Klassen ausgeweitet und zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden.
Die „dritte Hürde“
Der Abschluss in der 10. Klasse Realschule passt mit dem Anschluss an den beruflichen Gymnasien nicht (mehr) zusammen. Ein internes GEW-Hearing Ende Juni 2009 bestätigte die damalige Vermutung und begründet die „dritte Hürde“ mit folgenden Punkten:
- Das 10. Schuljahr an den Realschulen geht für die Stoffvermittlung verloren, denn die Prüfungen und Prüfungsteile beginnen quasi nach den Sommerferien: EuroKom-Prüfung in Englisch im November, Präsentationsprüfungen in Naturwissenschaftlichem Arbeiten (NWA) sowie im Wahlpflichtbereich Mensch und Umwelt (MUM) bzw. Natur und Technik (NUT), Französisch bis April, danach schriftliche Prüfungen und Ende Juni eine fächerübergreifende Kompetenzprüfung in der Gruppe und mündliche Prüfungen. Fazit: In den einzelnen Fächern der Klasse 10 gibt es praktisch keinen fachlichen Lernfortschritt. Gleichzeitig wurde das Niveau der Prüfung, ganz offensichtlich z. B. in Mathematik, abgesenkt bzw. das Punktesystem bei der Prüfung geändert.
- Ohne gleichzeitig eine Abstimmung mit den beruflichen Gymnasien vorzunehmen, wurden die Bildungspläne stark verändert. Im Fach Mathematik wiegt dies noch stärker als in den Fremdsprachen. Im Fach Englisch geht viel Zeit durch das „teaching for the test“ verloren, so dass hier die Realschulabsolventen lückenhafte Grundkenntnisse (v. a. in Grammatik) aufweisen. Es erfolgte, vermutlich auch aufgrund von Interventionen der Wirtschaft, eine Gewichtsverschiebung hin zur Berufsorientierung, hin zum dualen System der Berufsausbildung.
- Der Fächerverbund NWA (Naturwissenschaftl. Arbeiten) hat zwar in den Klassen 5 - 7 einen positiven Effekt durch mehr praktisches Handeln, aber in den Klassen 9 und 10 tritt gegenüber früher ein erheblicher Qualitätsverlust in fachlicher Hinsicht ein. Es entsteht ein „Fächerbrei“, weil es nicht genügend in den naturwissenschaftlichen Fächern ausgebildete Realschulkolleg/innen gibt. In der Praxis sieht dies dann z. B. so aus: eine Biologielehrerin unterrichtet NWA; damit haben die Schüler/innen einen Biologieschwerpunkt, erfahren aber viel zu wenig über Physik oder Chemie – Fächer, die sie in den beruflichen Gymnasien dringend brauchen; oder in einem umgekehrten Fall entsprechend. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Klasse 10 in NWA fast nur noch Projekte stattfinden und die fachsystematische Stoffvermittlung auf der Strecke bleibt
Es entsteht damit die Gefahr, dass für immer mehr Realschulabsolvent/ innen Probleme entstehen, das Abitur an den beruflichen Gymnasien zu bewältigen. Der Einwand, die Realschule habe nicht nur das Bildungsziel, auf das berufliche Gymnasium vorzubereiten, ist berechtigt. Andererseits wirbt das Kultusministerium gerade mit der Durchlässigkeit des Schulsystems „Kein Abschluss ohne Anschluss!“ Nach Auffassung der GEW ist diese erforderliche Durchlässigkeit in Baden-Württemberg nicht für alle Bildungswilligen gegeben. Dies widerspricht klar dem Bildungsauftrag des Schulgesetzes, dass „…Jeder das Recht auf eine …. seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung“ hat.
Wie lässt sich die „dritte Hürde“ vermeiden?
Aus Sicht der beruflichen Gymnasien wäre dazu z. B. sinnvoll:
- Um die Schüler/innen dort abzuholen, wo sie stehen, wäre jeweils eine zusätzliche Stunde in Mathematik, Deutsch und Englisch geboten. Heute wird Mathematik mit nur vier Stunden unterrichtet (früher fünf), aber zwischenzeitlich ist das mathematische Niveau merklich gestiegen. Deutsch und Englisch werden in der Eingangsklasse nur mit drei Wochenstunden unterrichtet.
- In den naturwissenschaftlichen Fächern müssen die fachlichen Grundlagen in Physik, Chemie und Biologie durch die volle Erfüllung der Lehrplaninhalte gegeben sein.
- Auch an den beruflichen Gymnasien muss die individuelle Förderung der einzelnen Schüler/innen durch Förderstunden im Deputat verankert werden.
- Der Klassenteiler in der Eingangsklasse liegt mit 32 Schüler/innen unpädagogisch hoch. Ein wirklicher Qualitätsfortschritt wäre die alte GEW-Forderung:
25 Schüler in einer Klasse sind genug!
Aus Sicht der Realschulen wird u. a. Folgendes diskutiert:
- Der Ablauf des zehnten Schuljahres muss überarbeitet werden: Das 1. Halbjahr sollte möglichst sein, um einen fachlichen Lernzuwachs zu ermöglichen. Die notwendigen Prüfungsvorbereitungen sollten sich v. a. auf das 2. Schulhalbjahr konzentrieren.
- Spezifischer Förderunterricht für ankommende Gymnasiasten in Klasse 9
- Bessere Differenzierungsmöglichkeiten in Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften
- Zusätzlicher Unterricht durch die Erweiterung der Stundentafel z.B. in den Naturwissenschaften
- (Wieder)Herstellung der eigenständiger Fächer Physik, Chemie, Biologie
- Nachqualifizierung und ausreichende Fortbildungsangebote in den naturwissenschaftlichen Fächern
- Bessere Abstimmung der Bildungspläne zwischen der Realschule und den beruflichen Gymnasien sowie eine Verbesserung der Vorortkooperation.
- Realschulen sollen das selbstständige Lernen, das Lernen im Team noch stärker in den Vordergrund stellen
Realschulen und berufliche Gymnasien können nur einen kleinen Teil dazu beitragen, die entstandene „dritte Hürde“ anzugehen. Den größeren Teil muss das Kultusministerium dazu leisten, in dem es die Rahmenbedingungen deutlich verändert. Die Diskussion darüber ist eröffnet.
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