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Pfad zur Seite:Startseite - Aktuell - Zeitschrift b&w - b&w 2007 - Oktober 2007 - Unterrichtsversorgung

Unterrichtsversorgung

(b&w 10/07
Seite 16ff)

Weitere Infos unter:
www.gew-bw.de/
Lehrereinstellung_2.html

Auf die Perspektive kommt es an!

Welche Möglichkeiten hat eine Landesregierung, die wegen unzureichender Unterrichtsversorgung und gleichzeitiger Nichteinstellung von rd. 5.000 ausgebildeten Lehrer/innen unter massivem Druck steht? Sie kann zusätzliche Lehrer/innen einstellen – oder ihre Öffentlichkeitsarbeit optimieren. Von Doro Moritz

Die Landesregierung nutzte offensiv die zweite Variante: Die ist kostenneutral und verspricht durch ihre Außenwirkung hohe Effizienz. So sollten sich alle Leiter/innen der unteren Schulverwaltung gegenüber der Presse erst zur Unterrichtsversorgung äußern, nachdem sie vom Kultusministerium in der letzten Ferienwoche bei einer Dienstbesprechung im Stuttgarter Neuen Schloss über die offizielle Sprachregelung informiert wurden. Prompt konnte man deshalb in der regionalen Berichterstattung lesen, dass der Pflichtunterricht überall abgedeckt sei und zusätzliche Stunden für ergänzende Angebote zur Verfügung stehen. Die Wirklichkeit sah anders aus. Der Mangel war vor den Sommerferien so groß, dass in einem Landratsamt die Schulverwaltung in einer Dienstbesprechung die Realschulrektor/innen bat, sich gegenseitig mit einzelnen Stunden auszuhelfen – ein verzweifelter Versuch den Schulbetrieb sicherzustellen.

Öffentlicher Druck führte zu Neueinstellungen

Immerhin wurden nach dem Einstellungsdebakel im Juni tatsächlich noch weitere Einstellungen vorgenommen. Der öffentliche Druck, den die GEW u.a. mit der Kundgebung im Juli aufgebaut hatte, war zu groß geworden. Das Einstellungsvolumen im Juli (115 Stellen für Grund- und Hauptschulen) und August (300 Stellen aus der Swingauswertung, siehe S. 5) konnte allerdings die Gesamtsituation nicht wesentlich verbessern.

Der Pflichtunterricht ist laut Kultusministerium abgedeckt. Stütz- und Fördermaßnahmen, Sprachförderung, LRS-Kurse und Arbeitsgemeinschaften gehören im „Kinderland“ Baden-Württemberg leider ebenso wenig zur Pflicht wie die Bildung von Klassen unterhalb des Teilers 33 bzw. 31. Sie werden als „Kür“ lediglich dann ermöglicht, wenn es die Sanierung des Landeshaushalts nicht beeinträchtigt. Dabei könnten die in der Stundentafel ausgewiesenen „Ergänzenden Angebote“ einen wesentlichen Beitrag zur Chancengleichheit, zur Entwicklung von Motivation und Lernfreude leisten. Eine Hauptschullehrerin sagt über die Folgen: „Unsere Konzepte können wir nicht umsetzen, da es uns an Lehrkräften fehlt. Wir decken nur noch den Pflichtbereich ab. So hat sich nichts im Schulalltag verbessert.“

Die Stundenzuweisung an die Schulen besteht aus Direktzuweisung und Ergänzungsbereich. Die Direktzuweisung reicht vielfach nicht aus, um den Pflichtunterricht abzudecken. Religion, Schwimmunterricht, Schülerarbeitsplätze im fachpraktischen Unterricht erfordern zusätzliche Stunden. Sie müssen dem sog. Ergänzungsbereich entnommen werden. Er wird bei Gymnasien über die Regierungspräsidien, bei den Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen durch die untere Schulverwaltung zugewiesen. Der Ergänzungsbereich speist auch die komplette Lehrerreserve: 500 Deputate für Grund- und Hauptschulen, 170 für Realschulen, 100 für Sonderschulen, 250 für Gymnasien sowie 230 für Berufliche Schulen.

Auch Abweichungen vom Klassenteiler sind nur mit Stunden aus dem Ergänzungsbereich möglich. So können bei 66 Schüler/innen in den 5. Klassen nur dann drei Klassen gebildet werden, wenn die Schulverwaltung die zusätzlichen Stunden zuweist. Dass nicht die Schule, sondern die untere Schulverwaltung für je 23 Schüler/innen der Grund- und Hauptschulen bzw. je 28 bei Realschulen „bis zu“ zwei Stunden erhält, die sie „bedarfsorientiert“ verteilen kann, macht die Schulen in ihrer Schwerpunktsetzung bzw. Profilbildung völlig abhängig und zeigt sehr deutlich die Grenzen der sog. Selbstständigkeit auf. Selbst „Überhänge“ von wenigen Stunden werden über Abordnungen an andere Schulen abgezogen. Es ist ineffizient und demotivierend, wenn eine Lehrerin aufgrund des schulischen Bedarfs eine Sprachförderqualifikation absolviert, die Schule dann aber die erforderlichen Stunden nicht erhält.

Versorgung reicht nicht für gute Pädagogik

In keiner Schulart reicht die Unterrichtsversorgung aus, um Schüler/innen optimale Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Lediglich die CDU-Fraktion glaubt offensichtlich daran, dass die Schulen gut ausgestattet sind. Wie ist es sonst zu erklären, dass sie Vorschläge zur Senkung des Klassenteilers in der Hauptschule ablehnt? Mit dem Hinweis auf die durchschnittliche Klassengröße von rund 22 Schüler/innen werden die vollen Hauptschulklassen in den Städten wegdiskutiert. Eine Senkung des Klassenteilers auf 28 oder besser 25 ist ein überfälliger Schritt. Entlastung durch Arbeit mit kleinen Gruppen und Angebote ohne Notendruck gibt es derzeit kaum.

Der pädagogisch wünschenswerte Ausbau der Ganztagsschulen (in allen Schularten) leidet erheblich unter der ungenügenden Zuweisung von Lehrerwochenstunden. Die Stunden wurden gekürzt und reichen für ein gutes pädagogisches Konzept nicht aus. Schulleitungen betreiben deshalb einen riesigen organisatorischen Aufwand, um über Lehrbeauftragte den Ganztagsbetrieb aufzubauen. 60 Prozent der Lehrbeauftragten sind Eltern und Schüler/innen. Das hohe Engagement aller Beteiligten wird nicht von Erfolg gekrönt. Die Ergebnisse sind unbefriedigend. Ein Hauptschullehrer beurteilt sie so: „Wir hatten uns mehr erhofft. Es ist heikel, wenn Aufgaben, die eigentlich von qualifizierten Pädagogen durchgeführt werden sollten, von nicht qualifizierten Kräften übernommen werden. Zum einen kommt es den Schüler/innen nicht zu Gute, da sie nicht entsprechend betreut werden. Zum anderen sind die Verantwortlichen schnell frustriert, weil sie mit den schwierigen Schüler/innen nicht klar kommen. Nach ein paar Wochen geben die meisten auf. Viele Kolleg/innen fragen sich ‘Bringt´s das eigentlich noch?’ und sind ernüchtert.“

Die durchschnittliche Klassengröße der Realschulen liegt bei untragbaren 28 Schüler/innen. Die Realschulen erhielten in den Sommerferien einen Teil der Stellen wieder zurück, die sie aufgrund des prognostizierten Schülerrückgangs (-2.000) zunächst abgeben mussten. Tatsächlich waren es an den 428 Realschulen nur 300 weniger. Nach offizieller Darstellung des Kultusministeriums ergibt sich dadurch eine „mit dem Vorjahr vergleichbare Versorgungssituation“. Diese Formulierung wird immer dann gewählt, wenn „bessere“ Versorgungssituation eine unrichtige Aussage wäre. Dass den Realschulen bei dieser Situation überhaupt Stellen abgezogen werden, ist ein unglaublicher Vorgang.

An den Sonderschulen verwandelte sich der im Frühjahr prognostizierte Schülerrückgang sogar in einen Schülerzuwachs. Zusätzliche Stellen gab es dafür nicht. Für die Sonderschulen, die überwiegend im Ganztagsbetrieb und mit Fahrschüler/innen arbeiten, wird dadurch ihr Förderanspruch in Frage gestellt.

So sind es die Sonderschulen gewohnt mit einem strukturellen Defizit von vier bis fünf Prozent zu arbeiten. Die Beruflichen Schulen auch. In den technischen Fächern und in den Naturwissenschaften entfällt dort der Unterricht in beträchtlichem Umfang. Auch die aus Mehrarbeit aufgebaute Bugwelle im Volumen von mehr als 700 Deputaten gehört zur Normalität. Entspannung ist nicht in Sicht. Für den spezifischen Lehrerbedarf sind keine ausgebildeten Bewerber/innen vorhanden. Der sog. freie Arbeitsmarkt bietet zunehmend attraktivere Alternativen.

Lehrerreserve verschwindet im Pflichtbereich

Auch bei den Gymnasien sieht es nicht besser aus. Für sie steht rechnerisch bei den Regierungspräsidien je 28 Schüler/innen eine Unterrichtsstunde zur Verfügung. Damit sind keine pädagogischen Verbesserungen möglich. Vielfach wird die Lehrerreserve von vornherein zur Abdeckung des Pflichtunterrichts verwendet. Aufgrund des fachspezifischen und regionalen Lehrermangels wächst die mehr als 400 Deputate hohe Bugwelle weiter. Eine massive Lenkung der Schülerströme zwischen den Schulen bewirkt das Auffüllen der ohnehin großen Klassen und schränkt die Profilwahl für Schüler/innen erheblich ein.

Das Land spart auch bei der Ausbildung. Die gestiegenen Anwärter- und Referendarszahlen sowie die Erhöhung ihrer Unterrichtsverpflichtung gefährden zunehmend die unterrichtliche Kontinuität. Die volle Anrechnung dieser Stunden führt dazu, dass erfahrene Lehrkräfte vielfach nicht mehr die Kernfächer unterrichten können.

Selbst wenn Geld zur Verfügung steht, ist nicht immer alles gut. Die begrenzten Ressourcen werden in einer großen Zahl unkoordinierter Projekte gebunden. Professionelle pädagogische Arbeit ist so nicht finanzierbar, die Qualität leidet. Ein Beispiel: Öffentlichkeitswirksam wird verkündet, dass die HSL-Mittel (Hausaufgaben-, Sprach- und Lernhilfen) aufgestockt wurden. Wer die aufwändige Antragstellung bei der Landesbank auf sich nimmt, kann dafür 87 Cent je Kind und Stunde bekommen – ein Betrag, der ohne weitere Zuschüsse Dritter keine qualifizierte Arbeit ermöglicht. Wenn ab Februar die Pädagogischen Assistent/innen die LRS-Förderung, die Sprachförderung und den Förderunterricht in Deutsch und Mathematik übernehmen sollen, werden hochqualifizierte arbeitslose Lehrer/innen in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Oder es werden weitere nicht angemessen qualifizierte Personen in der Schule arbeiten. Eine Gesamtkonzeption für eine individuelle Förderung, die die eingesetzten Ressourcen wirksam werden lässt, ist weiterhin nicht zu erkennen.

Seit langem fehlen zusätzliche Expert/innen an den Schulen. 101 Schulpsycholog/innen, doppelt so viele wie noch vor einem Jahr, sind immer noch viel zu wenig. So können Lehrer/innen in schwierigen Einzelfällen nicht wirksam unterstützt werden. Ein peinlicher Befund: Der OECD-Bildungsbericht 2007 bescheinigt Deutschland, dass wir unter 29 OECD-Staaten gerade mal Platz 19 bei den Ausgaben für die Grundschule belegen und auch bei den Gymnasien unterdurchschnittlich sind.

Schlechte Unterrichtsversorgung mindert Fortbildungsbereitschaft

Die fehlende Ausstattung ist zur Normalität geworden. Viele Lehrer/innen haben die Schere bereits im Kopf. Wer wagt es noch selbstbewusst zu sagen, dass Fortbildungen nicht die Ursache von Unterrichtsausfall, sondern wesentliche Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Schule sind? Sehr oft bedeutet die fortbildungsbedingte Abwesenheit von Lehrkräften Mehrarbeit durch Vertretungsunterricht für andere. Die Lehrerreserve ist mit 1,5 Prozent ungenügend. Frustration und Resignation durch mangelnde Qualifikation, durch fehlende Zeit für Schüler/innen, durch Überlastung aus vielfältigsten Aufgaben bestimmen den Schulalltag.

Es ist bemerkenswert, dass schon das Nichteintreten der vor den Sommerferien befürchteten Katastrophe die Schulen teilweise beruhigt hat. Selbstverständlich ist allen Lehrer/innen und Schulleitungen bewusst, dass die Rahmenbedingungen keine optimale Förderung und Unterstützung von Schüler/innen möglich machen. Zahlreichen Schulen gelang es dennoch mit beträchtlichem organisatorischem Aufwand, wohlwollender Stundenzuweisung der Schulverwaltung und anerkennenswerter Unterstützung des Schulträgers eine gute Ausgangssituation zu schaffen.

Wir Lehrer/innen müssen in den Kollegien thematisieren, wie gute Lernbedingungen für Schüler/innen, aber auch professionelle Lehrbedingungen, aussehen und diese auch einfordern. Wir müssen die Eltern in der Klassenpflegschaft und in der Schulkonferenz über die schulische Situation informieren. Wir müssen damit aufhören zu glauben, dass wir alles irgendwie schon schaffen werden. Das sind wir den Schüler/innen schuldig. Aber auch uns selbst.

b&w hat zu Beginn des Schuljahres den Arbeitsalltag an Mannheimer Schulen beobachtet, Gespräche mit Kolleg/innen, Schulleitungen, Schulträgern und Schulsozialarbeitern geführt. Mit Eindrücken einzelner Schulen, Meinungen und Wünschen stellen wir die Situation städtischer Schulen exemplarisch dar.

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