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 | (b&w 7-8/07 Seite 3 Editorial)

| Wahlbetrug und Flickschusterei
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leserin, lieber Leser,
in diesem Jahr scheint keine so rechte Ferienstimmung aufkommen zu wollen – und das liegt nicht in erster Linie am Wetter. Die baden-württembergische Bildungspolitik ist an einem Punkt angekommen, wo klare Worte notwendig sind. Drei Beispiele der letzten Wochen machen dies überdeutlich:
- In der Schulstrukturfrage zeigt sich die Landesregierung und insbesondere Kultusminister Rau uneinsichtiger denn je. Aber auch in der CDU-Landtagsfraktion sitzen genug Hardliner, die das bestehende Schulsystem hartnäckig und wider besseres Wissen verteidigen. Dies führt sogar so weit, dass versucht wurde, eine Internet-Abstimmung des SWR zu manipulieren. Es ist schon ziemlich armselig, wenn einer Partei die Argumente ausgehen und sie zu solchen Mitteln greifen muss. Ich wiederhole deshalb, was ich schon bei vielen Gelegenheiten gesagt habe: Nicht die Hauptschule, sondern das gesamte gegliederte Schulwesen steckt in einer Krise. Diese Schulkrise allerdings zeigt sich am deutlichsten in der Hauptschule. Es gibt mittlerweile in ganz Deutschland keine ernst zu nehmenden Expertinnen und Experten oder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die dieses System noch verteidigen – ganz im Gegenteil: Die Zeichen der Veränderung stehen überall auf Integration und nicht auf Auslese und Separation. Nur die baden-württembergische CDU hat dies noch nicht bemerkt.
- Entsprechend hilflos fallen deshalb auch die Bemühungen zur Stärkung der Hauptschule aus. Das von Kultusminister Rau am 26. Juni 2007 nach langer Geheimniskrämerei verkündete Hauptschulprogramm ist der verzweifelte und vielleicht ja auch letzte Versuch, das gegliederte Schulsystem zu retten – gelingen wird dies allerdings nicht.
Besonders zynisch an dem Programm ist, dass bestqualifizierte Hauptschullehrerinnen und -lehrer jetzt nicht eingestellt werden, aber vielleicht in einem halben Jahr das Angebot erhalten, befristet als pädagogischer Assistent/pädagogische Assistentin zum Billigtarif beschäftigt zu werden.
Was den Hauptschulen vielleicht wirklich geholfen hätte, nämlich die Senkung des Klassenteilers, hat die Gymnasial-Lobby in der CDU-Landtagsfraktion erfolgreich verhindert. Während in Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein und auch in anderen Bundesländern offen über eine Schulstrukturreform diskutiert wird, macht Baden-Württemberg genau das Gegenteil: Die Hauptschule wird ab Klasse 7 noch einmal aufgeteilt in einen Praxiszug und einen Werkrealschulzug (siehe Seite 11). Darüber wird sich – so vermute ich – die ganze Republik lustig machen. - Das traurigste Kapitel der baden-württembergischen Bildungspolitik aber ist der Wahlbetrug in Sachen Lehrerstellen. 5.000 junge Lehrerinnen und Lehrer werden arbeitslos, weil die Landesregierung bereits im ersten Jahr ihrer Amtszeit fast tausend Stellen gesperrt, gestrichen oder weggemogelt hat. Die einzig zutreffende Bezeichnung dafür ist „Wahlbetrug“. Am 10. Juli 2007 haben dagegen über 3.000 Menschen in Stuttgart demonstriert und dabei große Unterstützung und Solidarität aus der Bevölkerung erhalten. Die Landesregierung sollte dieses Signal ernst nehmen und ihre Einstellungspolitik schleunigst korrigieren, wenn sie einen Rest an Glaubwürdigkeit erhalten will.
Ausbaden müssen diese Politik alle – die Schülerinnen und Schüler ebenso wie die betroffenen Junglehrerinnen und Junglehrer. Die älteren Kolleginnen und Kollegen müssen mehr und länger arbeiten, während die jungen ausgesperrt bleiben und in andere Bundesländer oder Privatschulen abwandern.
Die Aussichten für das kommende Schuljahr sind alles andere als gut. Trotzdem wünsche ich uns allen erholsame Ferien – vielleicht wird ja im August wenigstens das Wetter besser.
Mit kollegialen Grüßen Ihr Rainer Dahlem
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