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Keinen geplünderten Planeten hinterlassen

14.09.2017 - b&w-Artikel, Renate Rastätter, Bildungspolitikerin der Grünen

Im Bildungsplan 2016 hat „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mit der Leitperspektive an Bedeutung gewonnen. An vielen Schulen wird sie bereits mit einzelnen Projekten umgesetzt. Das reicht aber noch nicht aus, um den Zielen gerecht zu werden.

Die Schülerinnen und Schüler wachsen in die Verantwortung hinein und es wird maßgeblich auch von ihnen abhängen, ob die globalen Probleme der Zerstörung des Klimas, der Krisenregionen, des Hungers und der sozialen Ungerechtigkeit gelöst werden können. Sie sollen erkennen, dass nur ein gerechter Zugang zu Ressourcen und Bildung sowie vergleichbare Lebensverhältnisse auf der Welt Freiheit, Frieden und Sicherheit dauerhaft gewährleisten können. Nur wenn die Schülerinnen und Schüler auch dazu befähigt werden, das eigene Verhalten sowie ihren eigenen Lebensstil zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern, werden die Ziele der Leitperspektive erreicht.  

Die Leitperspektive Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Unterricht durchgängig zu berücksichtigen, ist eine große Herausforderung für die Lehrkräfte. Um sie nicht zu überfordern, muss aus meiner Sicht klargestellt werden, dass die Leitperspektive primär eine programmatische Zielsetzung ist. Zusammen mit den Leitperspektiven  „Bildung für  Toleranz und Akzeptanz für Vielfalt (BTV) und Prävention und Gesundheitsförderung (PG) geht es hier vor allem um die ethische Bildung der Schülerinnen und Schüler. Am wichtigsten ist dabei die grundlegende Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler für die Ziele der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie müssen darauf vertrauen können, dass Veränderungen möglich sind, und auf dieser Grundlage eine Handlungskompetenz erwerben, die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärkt.

In den Bildungsplänen enthält jedes Fach Inhalte sowie Querverweise zur Umsetzung. Ob und wie sie  dann tatsächlich berücksichtigt werden, bleibt jeder Schule und letztlich jeder Lehrperson überlassen. Es wäre hilfreich, wenn die Schulteams  sich darüber verständigen, was sie in ihren jeweiligen Fächern aufgreifen und wo Chancen bestehen, fächerübergreifend aktiv zu werden. Bis jetzt sind die Schulen so ausgelastet, dass man nicht erwarten kann, dass dies von heute auf morgen geschieht. Sie können also zunächst einmal bilanzieren, was bereits vorhanden ist und weiterentwickelt werden sollte. Vielerorts gibt es bereits einen Schulgarten, Kooperationen mit Naturschutzverbänden, Blumenwiesen mit Insektenhotels, Fair-Trade-Aktionstage, Schulpartnerschaften mit Ländern des Südens sowie vielfältige Umwelt-AGs. Oft hängen sie vom Engagement einzelner Lehrkräfte ab.

Schulgärten, Schulverpflegung sowie Kooperationen mit Biobauernhöfen  haben ein hohes Potenzial, um ein Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung zu erzeugen, da ein Bezug zur Lebenswelt der Schüler/innen hergestellt wird. Dabei kann der globale Zusammenhang von Klimaschutz, Artenvielfalt, Welternährung, Ressourcenverbrauch, Lebensmittelverschwendung sowie Tierschutz aufgezeigt werden:  Wie ist die CO2-Bilanz verschiedener Lebensmittel? Warum kann man im Discounter ein Ei für 10 Cent kaufen? Und warum kostet ein Bio-Ei  vier- bis fünfmal so viel? Woher kommt der Sojakraftschrot für die Schweine in der Massentierhaltung – und was sind die Folgen in diesen Ländern? Warum ist es wichtig, regionale und saisonale Produkte zu konsumieren? Und wenn tierische Produkte, dann aus artgerechter Haltung?
Der ökologische Lerngarten der PH Karlsruhe ist gerade als ausgezeichnetes Projekt der „UN-Dekade für Biologische Vielfalt 2016“ prämiert worden. Die Biologiestudierenden der PH entwickeln pädagogische Projekte und forschen zur Schulgartenarbeit. Wenn sie einmal an die Schulen kommen, werden sie dort eine große Bereicherung sein.
Bei der wachsenden Anzahl der Ganztagsschulen sollte die Chance genutzt werden, Schulverpflegung in das pädagogische Ganztagskonzept einzubinden. Denn es ist verheerend, wie viel Essen in Schulkantinen weggeworfen wird.

Was fehlt?

Entscheidend ist die Authentizität und Vorbildfunktion der Lehrpersonen. Insbesondere jüngere Schülerinnen und Schüler müssen spüren, dass ihren Lehrerinnen und Lehrern die umweltrelevanten Themen sehr wichtig sind und dass sie selbst auch versuchen, ihr Leben daran auszurichten. Wertebewusstsein und ethische Orientierung können aber nicht verordnet werden, sondern entstehen, wenn Sachverhalte nicht nur gelernt, sondern auch auf ihre Auswirkungen reflektiert werden.

Für mich ist es deshalb entscheidend, dass die Leitperspektive „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in die Lehrerbildung einfließt. Einerseits muss sie Bestandteil der fächerbezogenen Ausbildung werden, andererseits muss sie in der ethisch-philosophischen Grundlagenbildung berücksichtigt werden. Ebenso im Referendariat und in den schulbezogenen Fortbildungen. Außerdem sind Sammlungen praktischer Unterrichts- und Projektbeispiele samt Materialien für die Lehrkräfte unverzichtbar. Auch Anreize, etwa ein Innovationsfonds, aus dem kreative Schulen Mittel erhalten können, wären hilfreich und erfolgsversprechend.     

Globale Klassenzimmer

Wer das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung in Schule und Unterricht verstärkt umsetzen will, kann sich bei außerschulischen Lernorten Unterstützung holen. Die meisten sind als „Globale Klassenzimmer“ bekannt und an vielen Orten in Baden-Württemberg zu finden. Auch Weltläden bieten Bildungsangebote an.

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