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Nicht Kontrolle und Tests machen die Grundschulen stark

25.10.2017

Die Arbeit der Grundschullehrkräfte steht seit einem Jahr in der öffentlichen Kritik. Die GEW hat Informationen und Argumente zusammengestellt, um die Vorwürfe zu widerlegen und fordert bessere Bedingungen für Lehrer/innen und Schüler/innen.

Arbeits- und Rahmenbedingungen an der Grundschule

  • BadenWürttemberg steht in der Lehrer-/Schüler-Relation auf dem letzten Platz der 16 Bundesländer. Unsere Grundschulkinder haben weniger Unterricht als Kinder in anderen Bundesländern.
  • Die Grundschule ist die einzige Schulart, die in der Stundenzuweisung keine Förder und Differenzierungsstunden über die Pflichtstunden hinaus bekommt. Die weiterführenden Schularten haben 10 bis 20 zusätzliche Förder- und Differenzierungsstunden je Zug.
  • Grundschulen haben keine Stunden um Kinder, die nicht in den Religionsunterricht gehen, zu versorgen. Sie werden auf andere Klassen verteilt oder anderweitig beaufsichtigt.
  • Die Beschulung von Flüchtlingskindern und anderen Schüler/innen mit Sprachförderbedarf hat teilweise nicht einmal mehr 18 Stunden. Kinder müssen viel zu früh in den Regelklassen unterrichtet werden.
  • Ganztagesschulen sind unzureichend mit Ressourcen ausgestattet. Die Stundenzuweisung für Inklusionsmaßnahmen orientiert sich am Halbtag.
  • Unterricht wird deutlich häufiger vertreten als auf weiterführenden Schulen wegen der Verlässlichkeit.
  • Die Unterrichtsstunden aus dem Ergänzungsbereich für Fördermaßnahmen und für musischkulturelle Angebote an den Grundschulen sind in den vergangenen zehn Jahren nahezu komplett verschwunden.
  • Die Situation wird dadurch verschärft, dass zum Schuljahr 2017/18 von 1.580 freien Stellen in der Grundschule nur 1.100 besetzt werden konnten.
  • Von allen Schüler/innen in inklusiven Bildungsangeboten sind fast 60 Prozent in den Grundschulen. Die Inklusion ist unzureichend ausgestattet.
  • Mit 44 Prozent ist in keinem anderen Flächenland der Anteil an Kindern mit einem Elternteil, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, so hoch wie in BadenWürttemberg.
  • Schulleiter/innen bekommen 167 Euro brutto monatlich für die Leitung der Grundschule und viel zu wenig Zeit.
  • Die Forderungen des Hauptpersonalrats GHWRGS nach Fortbildungen für fachfremd unterrichtende Grundschullehrer/innen wurden in den letzten 15 Jahren immer abgelehnt. Erst in der vergangenen Woche wurden bei einer Fortbildung zur Rechtschreibung mehr als die Hälfte der interessierten Kolleg/innen mangels Plätzen nicht zugelassen.

Viele zusätzliche Stunden für die Grundschulen?

Im Vergleich zu 2015/16 stehen den Grundschulen seit September 2017 drei zusätzliche Stunden für Deutsch und Mathematik zur Verfügung. Sie gehen auf die Entscheidung der grün-roten Landesregierung zurück, den Grundschulen je zwei Stunden Deutsch und Mathematik zusätzlich zu geben. Dazu kamen 180 Deputate für Sprachförderung. Die vierte Stunde kommt aufgrund einer Verschiebung der grün-schwarzen Landesregierung erst im Schuljahr 2018/19. Mit diesen vier Stunden sollte die Kontingentstundentafel von 98 auf 102 Stunden aufgestockt werden und damit nahe an die Stundentafel von Bundesländern wie Sachsen und Bayern herankommen. Diesen Zuwachs macht die Landesregierung mit der Streichung von vier Stunden für die Fremdsprache in den Klassen 1 und 2 zum Schuljahr 2018/19 wieder zunichte.

Fremdsprache in der Grundschule

Die Fremdsprache in Klasse 1 und 2 wird 2018/19 mit der Begründung abgeschafft, dass zwei Stunden Fremdsprachenunterricht pro Woche bei Grundschulkindern nicht effektiv sind. Dieses Argument greift nicht. Denn unser Bildungsplan sieht fremdsprachliche Sequenzen in vielen Fächern verteilt über die Woche vor.
Mit der Streichung der Fremdsprache in den Klassen 1 und 2 wird der Pflichtunterricht um vier Stunden gekürzt, um für einen Teil der Schüler/innen Fördermaßnahmen in Deutsch und Mathematik anbieten zu können. In keiner anderen Schulart würde die Landesregierung Pflichtunterricht kürzen, um einen Teil der Schüler/innen fördern zu können.
Die Fremdsprache in den Klassen 3 und 4 soll künftig in zwei Unterrichtsstunden wöchentlich angeboten und benotet werden. Das bedeutet: Das was in Klasse 1 und 2 nicht effektiv sein soll, wird in den Klassen 3 und 4 eingeführt. 

Verbesserungen auf den Weg bringen statt Verschlechterungen!

  • Die GEW lehnt die beabsichtigte Einführung von zentralen Klassenarbeiten in den Klassen 2 und 4 entschieden ab. Vom vielen Wiegen wird die Sau nicht fetter!
  • Stunden für LRS, Dyskalkulie und Förder und Unterstützungsmaßnahmen müssen in der Pflichtstundentafel zugewiesen werden.
  • EthikUnterricht, muttersprachlicher Unterricht und islamischer Religionsunterricht dürfen nicht auf die lange Bank geschoben werden.
  • Die GEW lehnt die beabsichtigte Beschränkung bei Teilzeitbeschäftigung und Beurlaubung entschieden ab.
  • Die GEW fordert mit der Landesrektorenkonferenz der Pädagogischen Hochschulen eine Ausweitung des Studiums auf zehn Semester.
  • Die GEW fordert seit langem mehr Studienplätze für das Grundschullehramt und die Abschaffung des hohen NC. Seit vier Schuljahren Jahren steigen die Schülerzahlen an unseren Grundschulen, bis 2025 um 14 (!) Prozent. Wenn nicht jetzt deutlich mehr Lehrkräfte ausgebildet werden, kann bis 2030 nicht einmal der Ersatzbedarf für Pensionierungen gedeckt werden, von pädagogisch notwendigen Verbesserungen ganz zu schweigen.

Wer unterstellt, dass Grundschullehrer/innen nicht mehr ihre Lehrerrolle ausfüllen, wünscht sich offensichtlich den Drill und Druck des vergangenen Jahrhunderts zurück. Die am Kind orientierte Pädagogik ist in keiner Weise Ursache für das Abschneiden beim IQB-Bildungstrend. Verantwortlich ist die Politik, die die Grundschulen unzureichend ausstattet. Die GEW weist jede Diskreditierung der Grundschullehrer/innen entschieden zurück. Es verdient hohe Anerkennung, was Grundschullehrer/innen unter diesen Bedingungen leisten.

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