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Personalbestand passt nicht zum Aufgabenspektrum

04.07.2017

Der Wissenschaftsrat hat sich mit Karrierewegen und Arbeitsbedingungen an Fachhochschulen beschäftigt. Im Oktober 2016 legte er einen Sachstandsbericht mit Empfehlungen vor. Dieser Bericht bestätigt viele Befürchtungen und Vermutungen der GEW zu den Arbeitsbedingungen: Die Beschäftigungsverhältnisse sind oft befristet und prekär.

Die Fachhochschulen heißen in Baden-Württemberg „Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW). Ursprünglich wurde der Hochschultyp HAW mit dem Fokus auf die Lehre gegründet. Die Lehre übernahmen überwiegend Professor/innen, so dass ein klassischer Mittelbau nicht vorgesehen und nötig war. Eine der Kernaufgaben der HAWs ist auch heute noch die wissenschaftliche und praxisorientierte Fachkräfteausbildung. Die HAWs sind für viele Studierende attraktiv, da die Lehre praxisnah, oftmals enge Kontakte zur regionalen Wirtschaft bestehen und die Hochschulen regional verankert sind. Diese Hochschulen haben in der Regel eine geringere Studierendenzahl als Universitäten – in Baden-Württemberg zwischen 1.100 und 8.000 Studierenden. Die Studierenden der HAWs sind eine sehr heterogene Gruppe, da es neben dem klassischen Abitur noch zahlreiche weitere Zugangswege zu diesem Hochschultyp gibt. Im Gegensatz zu den Universitäten hat sich die Zahl der HAWs in den letzten Jahren – vor allem im Privathochschulbereich – stark erhöht. Die staatlichen HAWs in Baden-Württemberg haben ihr Studienangebot und die Studienplätze massiv ausgebaut und teilweise auch neue Standorte eröffnet.

Zahl der Professuren kann mit Studierendenzahl nicht mithalten
Die Zahl der Studierenden an HAWs ist bundesweit zwischen 2005 und 2014 etwa um den Faktor 1,5 gewachsen, die Zahl der Studienanfänger/innen um den Faktor 1,7. Demgegenüber wurde die Zahl der Professor/innen im selben Zeitraum nur um den Faktor 1,2 erhöht. Die Betreuungsrelationen verschlechterten sich deshalb deutlich. Im Jahr 2014 kamen auf 15.987 hauptberufliche Professor/innen 717.271 Studierende. Dieses Verhältnis von rund 1:45 konterkariert die wichtigsten Merkmale des Studiums an Fachhochschulen: kleine Lerngruppen, vorwiegend Lehre von Hochschullehrer/innen und eine intensive Betreuung. Zwar kann bundesweit ein starker Zuwachs der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den letzten Jahren verzeichnet werden, jedoch ausgehend von einem extrem niedrigen Wert. So stieg zwischen 2005 und 2014 die Zahl von deutlich unter 3.000 auf über 10.500 Personen. Zu ihren wichtigsten Tätigkeiten gehören wissenschaftliche Dienstleistungen in der zunehmend stärker werdenden
Forschung und Entwicklung, im Transfer und im Wissenschaftsmanagement. Neue Aufgabenfelder kamen dazu. Die Lehre gehört nur teilweise zu den Aufgaben der wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen. Vielfach gibt es hybride Stellenprofile, so dass bei einer Person gleich mehrere Aufgaben und Zuständigkeiten zusammentreffen. Im Unterschied zu Universitäten arbeiten nur wenige Mitarbeiter/innen an einer Dissertation, die wenigsten sind bereits promoviert. Bundesweit gesehen sind wissenschaftliche Mitarbeiter/innen an HAWs noch immer mehrheitlich im gehobenen, nicht im höheren Dienst eingruppiert. Das führt zu einem deutlich schlechteren Einkommen und macht diese Arbeitsplätze im Vergleich zu anderen Hochschulen oder der Wirtschaft deutlich unattraktiver.

Die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen sind befristet eingestellt
Zur qualitätsgerechten Aufgabenerfüllung ist neben der Professur in Wissenschaft und Wissenschaftsmanagement sowie in Technik und Verwaltung qualifiziertes Personal erforderlich. Auch sie brauchen attraktive Arbeitsbedingungen und Entwicklungsperspektiven. Wie im gesamten Hochschulbereich sind befristete Verträge, vielfach mit kurzen Vertragslaufzeiten, ein Problem. Die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen sind befristet eingestellt. Aus Sicht des Wissenschaftsrats ist die Zahl der dauerhaft verfügbaren Stellen zur Erfüllung allgemeiner Hochschulaufgaben zu gering. Wenn weder die Gehälter noch die Vertragslaufzeiten und Weiterqualifizierungsmöglichkeiten hinreichend attraktiv und konkurrenzfähig sind, ist es schwierig, geeignete Beschäftigte ohne Professur zu gewinnen. Für das weitere wissenschaftliche Personal gibt es nur vereinzelt Möglichkeiten, andere oder höherwertige Aufgaben zu übernehmen und längerfristige Perspektiven zu erhalten. Die Verbeamtung von Beschäftigten ist bis auf wenige Abteilungsleitungsfunktionen nicht möglich. Diese Bedingungen führen jedoch dazu, dass es mittlerweile auch beim Verwaltungs- und technischen Personal Schwierigkeiten gibt, geeignete Personen zu gewinnen. Besonders bei den anspruchsvollen Aufgaben des Wissenschaftsmanagements, bei denen HAWs mit Universitäten um denselben Personenkreis konkurrieren, haben HAWs Wettbewerbsnachteile, da sie für diese Aufgaben selten Stellen im höheren Dienst vergeben können. Damit sich die Professor/innen auf ihre Kernaufgabe, die Lehre, konzentrieren können, sollte neben der Professur zusätzliches Personal für Daueraufgaben vorhanden sein. Zunehmend greifen die HAWs auch auf Lehrbeauftragte zurück, die die notwendige Lehre erbringen müssen. Der Wissenschaftsrat hat 2010 einen adäquaten Einsatz von Lehrbeauftragten empfohlen. Maximal 20 Prozent des gesamten Lehrdeputats sollen Lehrbeauftragte in erster Linie im Wahlbereich übernehmen. Einen übermäßigen Einsatz hält der Wissenschaftsrat für nicht vertretbar. Jedoch können diese Empfehlungen an den badenwürttembergischen HAWs nicht immer eingehalten werden. Zuweilen übernehmen Lehrbeauftragte auch die reguläre Lehre und teilweise liegt deren Quote bei über 20 Prozent.

Fachhochschulen verfügen aufgrund des anders gewichteten Aufgabenspektrums über wesentlich weniger Haushaltsstellen für das weitere Personal als Universitäten. Im Durchschnitt fallen auf drei Professuren eine aus Grundmitteln finanzierte wissenschaftliche Mitarbeiterstelle. Das belastet die Professor/ innen mit qualifikationsinadäquaten Aufgaben. Die Arbeitsverdichtung kommt unter anderem auch, weil der Gesetzgeber den HAWs verschiedene neue Aufgaben zugewiesen hat. Manche Aufgaben wurden auch neu gewichtet. So gab es beispielsweise in den letzten Jahren eine starke Entwicklung zu mehr anwendungsorientierter Forschung, die Aufgaben im Transfer und im Wissenschaftsmanagement haben ebenfalls zugenommen. Die vielen neuen Aufgaben, der starke Anstieg der Studierendenzahlen und das gleichzeitig nicht gleichmäßige Mitwachsen der HAWs führen dazu, dass die Arbeitsverdichtung deutlich zugenommen hat und auch die Hochschullehrer/innen die Arbeitsbedingungen nicht immer attraktiv finden. Auch stellt der Wissenschaftsrat fest, dass das Berufsbild der Fachhochschulprofessur potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern oft nicht hinreichend bekannt und auch nicht attraktiv erscheint. Der Wissenschaftsrat empfiehlt daher den Ländern, den Personalbestand auszubauen, die Personalstruktur an die neuen Aufgaben anzupassen, darüber hinaus die Personalgewinnung strategisch zu verankern, die Karrierebegleitung und Qualifizierung transparent zu machen und die notwendigen Maßnahmen für das Personalmanagement und die Umsetzungsbedingungen zu schaffen. Bleibt zu hoffen, dass die Landesregierung diese Empfehlung ernst nimmt und die Ausstattung der HAWs in Baden-Württemberg verbessert.

Quellen:
Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Personalgewinnung und -entwicklung an Fachhochschulen (Drs. 5637-16), Oktober 2016 www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/5637-16.pdf, Kurzfassung: www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/hginfo_2716.pdf
Statistisches Landesamt Baden-Württemberg: Studierende anbaden-württembergischen Hochschulen im Wintersemester 2015/16www.statistik.baden-wuerttemberg.de/Service/Veroeff/Statistische_Berichte/323416001.pdf

 

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