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Was Eltern wissen sollten

14.09.2017

Durch Lehrermangel und Stellenstreichungen hat sich die Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg verschlechtert. Eltern merken, dass der Unterricht ausfällt, wissen aber nicht unbedingt warum. Schulen sollten Eltern über die Ursachen informieren.

Die GEW hat die wichtigsten Fakten für das Schuljahr 2017/18 zusammengestellt. Darüber können Schulen z.B. bei einem Elternabend informieren. Gemeinsam kann dann darüber nachgedacht werden, was getan werden kann, um Schulen bei Lehrermangel und Unterrichtsausfall zu unterstützen.

Aktueller Stand Lehrermangel und Stellenstreichungen

Zum Schuljahr 2017/18

  • werden 1.074 Lehrerstellen gestrichen,
  • werden 570 Stellen zusätzlich geschaffen (320 bzw. 160 für Grundschulen, 257,5 für Realschulen),
  • sollten außerdem ca. 200 für Flüchtlinge befristet geschaffene Stellen nicht verlängert werden. Sie werden jetzt doch verlängert.

Im Saldo sind das ca. 500 Stellen weniger als im vergangenen Schuljahr. Durch die nicht besetzten Stellen verschärft sich die Verschlechterung. An manchen Schulen sind mehrere Stellen unbesetzt.

Tabelle Lehrereinstellung 2017 (Quelle: Kultusministerium)

Lehrämter Offene Stellen 2017 Bereits bis 01.09.2017
besetzte Stellen
Grundschulen 1.580 1.100
Haupt- und Werkrealschulen 1280 275
Realschulen 1820 795
Sonderpädagogik (wissenschaftliche Lehrkräfte) 400 295
Fachlehrer für musisch-technische Fächer 1110 95
Fachlehrer/Technische Lehrer an SBBZ 90 90
Gymnasien 1880 875
Berufliche Schulen 940 940
Insgesamt 5.100 4.465

1) inkl. Einstellungen an Gemeinschaftsschulen

Die Stellenstreichungen gehen weit überwiegend zu Lasten der allgemeinbildenden Schulen. Dazu kommt, dass in der Vergangenheit nicht ausreichend Grundschullehrer/innen und Sonderpädagog/innen ausgebildet wurden. Sie fehlen nun in großem Umfang.

Der Lehrermangel verhindert zukunftsrelevante bildungspolitische Entwicklungen:

  • Der Ganztagsausbau steht unter Finanzierungsvorbehalt.
  • Schulen stehen beim Ausfall von Lehrkräften immer öfter ohne Ersatz da.
  • Die Grundschule bleibt weiterhin die am schlechtesten ausgestattete Schulart.
  • Bildungsbenachteiligung wird nicht ernsthaft angegangen.
  • Flüchtlinge und Zugewanderte erhalten zu wenig Unterstützung.
  • Informatik wird zunächst nur am Gymnasium in Klasse 7 eingeführt, an den anderen Schularten nicht.
  • Für gesellschaftspolitisch drängende Aufgaben, wie z.B. den muttersprachlichen Unterricht und islamischen Religionsunterricht in die Verantwortung des Landes zu nehmen, ist kein Geld da.
  • Ethik-Unterricht wird nur sehr zögerlich eingeführt, in der Grundschule gar nicht.
  • Digitalisierung ist nur verbal ein Thema.
  • Inklusion fährt an die Wand.

Inklusion

Im Schuljahr 2016/17 waren knapp 8.000 Schüler/innen in inklusiven Angeboten an allgemein bildenden Schulen. Die Grund-, Haupt-/Werkreal- und Gemeinschaftsschulen bewältigen rund 95 Prozent der inklusiven Angebote - ohne ausreichende Ressourcen und Unterstützung.

Das was derzeit in Baden-Württemberg als Inklusion propagiert wird, hat mit dem Verständnis der GEW einer inklusiven Schule nichts zu tun. Es wurde versäumt, rechtzeitig für mehr qualifizierte Lehrer/innen zu sorgen. Mehr Sonderpädagog/innen werden frühestens 2020 zur Verfügung stehen, wenn die ersten GHS-Lehrkräfte das Aufbaustudium abschließen.

Tabelle: Der Anteil der Schüler/innen mit Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot nach Schulart und Förderbedarf (Quelle: Statistisches Landesamt, Oktober 2016)

 Lernengeistige
Entwicklung
körperliche
Entwicklung
SehenHörenSprache emotionale /
soziale
Entwicklung
Grundschule 53 %55 %64 %45 %56 %79 % 50 %
Werkreal‐/ Hauptschulen 20 %14 %9 %5 %9 %6 % 23 %
Realschulen 1 %4 %7 %22 %20 %2 % 10 %
allgemeinbildende
Gymnasien
0 %0 %2 %5 %1 %0 % 0 %
Gemeinschaftsschulen 25 %19 %15 %22 %13 %13 % 14 %
Integrierte Schulformen 1 %8 %3 %0 %1 %0 % 3 %

Schülerzuwachs und Bedarf an mehr Lehrkräften an Grundschulen

Seit dem Schuljahr 2014/2015 steigen die Schülerzahlen an den Grundschulen. Für das Schuljahr 2025/26 geht die Modellrechnung des Statistischen Landesamts von 433.000 Grundschülerinnen und -schülern aus – gut 14 Prozent mehr als im aktuellen Schuljahr 2016/17.

Allein die Entwicklung der Schülerzahlen ohne jegliche pädagogische Verbesserungen sowie der Ersatzbedarf für ausscheidende Lehrkräfte lösen 2025 im Vergleich zu 2017 einen zusätzlichen Bedarf von 2.410 Lehrerstellen in der Grundschule aus. Der Bedarf steigt bis 2030 auf 2.560 Stellen.

Guten Unterricht in den Grundschulen sicherstellen

Die Grundschulen in Baden-Württemberg liegen in der Lehrer/Schüler-Relation auf dem 16. Platz aller 16 Bundesländer. Für guten Unterricht an den Grundschulen braucht es zusätzliche Lehrkräfte für individuelle Förderung (Poolstunden), den Ausbau des Ganztagsangebotes, Sprachförderung, eine verbesserte Kooperation zwischen Grundschulen und Kitas, ausreichend Vertretungen sowie die Rücknahme der beabsichtigten Kürzungen im Pflichtunterricht (Fremdsprachenunterricht). Der fehlende Ethikunterricht in der Grundschule führt dazu, dass Kinder, die nicht in den Religionsunterricht gehen, regelmäßig auf andere Klassen verteilt werden.

Die Entscheidung der letzten grün-roten Landesregierung, die Zahl der Stunden in der Grundschule von Klasse 1 bis 4 auf 102 Stunden anzuheben und deshalb um 4 Stunden von 98 zu erhöhen und damit Anschluss zu finden an führende Bundesländer, wird von der grün-schwarzen Landesregierung komplett zurückgenommen. Mit der beabsichtigten Streichung der Fremdsprache in Klasse 1 und 2 fällt Baden-Württemberg wieder auf 98 Stunden zurück. Der Pflichtunterricht für alle Grundschüler/innen wird gekürzt, um für einen Teil von ihnen Fördermaßnahmen anbieten zu können.

In keiner anderen Schulart würde Pflichtunterricht gekürzt, um Fördermaßnahmen zu finanzieren. In allen weiterführenden Schularten einschließlich Gymnasien wurden in den vergangenen Jahren die Poolstunden für Stütz- und Fördermaßnahmen deutlich ausgebaut. Die Grundschule hat weiterhin keine.

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