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Pfad zur Seite:Startseite - Service - Zeitschrift b&w - b&w 2010 - Januar 2010 - Berufsbild Erzieher/in

Berufsbild Erzieher/in

(b&w 1/2-10
Seite 22f)

* Der Text basiert auf einer gekürzten Fassung des Vortrags zum Erzieher/innentag 2009 der GEW am 21.11.2009 in Tübingen.

Profi(l) Erzieherin – Wahrsagungen & Wünsche

Berufsbild: Dr. Roger Prott arbeitet in der Fort- und Weiterbildung für Erzieher/innen und ist Autor zahlreicher Fachartikel. Er betrachtet unter fünf Aspekten das Profil einer Erzieher/in und deren professioneller Ausrichtung für die nächsten 10 bis 15 Jahre.*

a) Allgemeine Berufsaussichten
Der Beruf Erzieher/in hat Konjunktur und Perspektive. Der neue Tarifvertrag sowie die vielerorts angekündigten Verbesserungen der Rahmenbedingungen zeigen die Beachtung, die dieser Bereich erfährt. Erwartbaren Rückschlägen zum Trotz ist die Entwicklung nicht umkehrbar. Allerdings erhöhen die Verbesserungen den Druck auf alle Erzieher/innen zu hochklassiger pädagogischer Arbeit.
Zwischen den Jahren 2007 und 2020 wird es in Baden-Württemberg rund 45.000 Kinder im Kindergartenalter von 3 bis unter 7 Jahren weniger geben. Jedoch werden dann voraussichtlich 50.000 Kinder unter 3 Jahren mehr betreut. D.h. zusätzliche 5.000 Kinder brauchen Erzieher/innen. In dieser Altersgruppe gilt eine andere Erzieher/innen-Kind-Relation. Bedarf und Arbeitsplätze scheinen gesichert; diese mittlere Prognose kann aber regional unterschiedliche Ausprägungen haben. Insgesamt wird es eher schwierig, die Stellen zu besetzen.

Regional unterschiedliche Entwicklungen wirken, mehr noch aber die Bildungspolitik, auf die man allerdings einwirken kann. Eine Vorverlegung der Schulpflicht ist keineswegs ausgeschlossen. Politiker/innen und Lehrkräfte der Grundschulen werden bei sinkenden Schülerzahlen dafür kämpfen. Das ist billiger als gute Elementarbildung und lässt sich mit angeblich besserer Bildungsqualität verkaufen. Als weiteres Argument muss die Entwicklung in einem Teil Europas, England etwa, herhalten. Auch Bachelor-Kleinkindpädagog/innen und Tagesmütter stehen bereit im Wettbewerb um die Kinder. Angesichts zusätzlicher 5.000 Kinder sehe ich hier keine Konkurrenz (wie bei der Schule), sondern als Wettbewerb um bestmögliche Qualität unterschiedlicher Arbeitsweisen.

Als Wahrsagung zusammengefasst, sehe ich gesicherte Arbeit für Erzieher/innen in einem neuen Kindergarten mit einer Alterszielgruppe mindestens zwischen ein und fünf Jahren. Die Konkurrenz zur Schule wird sich verschärfen und konzeptionell geführt werden, bei Arbeitsteilung zwischen Erzieher/innen, Bachelor-Pädagog/innen und Tagesmüttern.

Zwischen Wahrsagung und Wunsch liegt ein Punkt, der für das Erzieher/innen-Profil bedeutsam ist. Hier ist Europa eine Chance. Die BRD hat nicht genügend formal qualifizierte Fachkräfte – nach Europamaßstäben. Darum werden Erzieher/innen mit Praxiserfahrung und Zusatzqualifikationen den Bachelorpädagog/innen gleichgestellt. Durchlässigkeit im Bildungssystem (eine OECD-Forderung) verbessert die Statistik.

Die Wünsche passen dazu. Mit Blick auf die jüngeren Kinder müsste es eine Qualifizierung geben, die den Bedürfnissen der Kinder ebenso entspricht, wie sie zu einer Profi-lierung der Erzieher/innen beiträgt. Eine zweite Qualifizierungsrichtung ist „Leitung“, vor allem wegen der Aufstiegsmöglichkeiten für Erzieher/innen. Es ist paradox: Indem sich die GEW für Bachelorstudiengänge stark macht, begrenzt sie die einzig vorhandenen Aufstiegsmöglichkeiten für Fachschulerzieher/innen, denn die Bachelors werden vor allem Leitungsstellen besetzen. Hier bedarf es gemeinsam mit Trägern dringender Korrektur. Im Wettbewerb mit Tagesmüttern sollten Erzieher/innen sich nicht abgrenzen, sondern eng kooperieren. Kooperation schärft das Profil.

b) Professionelle Arbeit mit dem Kind
In 15 Jahren werden die Standards des Orientierungsplans (OP) bereinigt, aber anerkannt sein, egal ob es den Plan noch gibt oder nicht. Große Veränderungen sind nicht zu erwarten. Die OP-Standards liegen im internationalen und nationalen Vergleich durchaus richtig, z.B. mit dem Ansatz am einzelnen Kind (also nicht an der Gruppe), mit Beobachtung und Dokumentation, Projektarbeit, offenen Arbeitsformen. Diese Fixpunkte stehen auch für den vertrauten sozialpädagogischen Ansatz der Gleichwertigkeit von Bildung, Erziehung und Betreuung. Wo immer einmal die Grenze zwischen Schule und Kindergarten liegen wird, für letztere wird dieser Ansatz Bestand haben – und Schule täte gut daran, sich anzupassen, anstatt Kinder und Kindergärten anpassen zu wollen.

Pädagogische Haupthemen werden Ernährung und Bewegung sein, sowie die Überwindung der Institution: raus aus dem Haus! Niemand kann Kinder drinnen auf die Welt draußen vorbereiten. Weil mehr der Jüngsten die Einrichtungen besuchen, gewinnen Pflege und Betreuung größeres Gewicht. Das schadet nicht, sondern unterstützt den pädagogischen Auftrag. Im Umgang mit den Kleinen müssen Erzieher/innen das Verhältnis von Nähe und Distanz ausloten. Die Parole „Bindung!“ ist eindeutig zu einseitig und damit gefährlich für alle Beteiligten.

Damit die Wahrsagung wahr wird, wünsche ich mir, dass der Morgenkreis als Massenzwangsveranstaltung abgeschafft wird. Er hat mit individuellem Arbeiten und vielen Zielen nichts zu tun. Verzichtbar, weil gegen wichtige Ziele gerichtet, ist das Aufleben der 4-Ecken-Pädagogik in Gestalt von „Bildungsinseln“. Schon der Begriff ist Quark. Bildung gibt es nicht verinselt und wenn, dann ist der Kindergarten hoffentlich in Gänze ein paradiesisches Eiland.

c) Professionelle Arbeit darüber hinaus
Zur Arbeit jedes/r Erziehers/in gehört mehr als der Umgang mit Kindern und ihren Eltern. Laut Kultusministerkonferenz sollen alle Fachschulen auf berufliche Selbständigkeit hin ausbilden. Erzieher/innen müssen z.B. auch betriebswirtschaftliche Zusammenhänge in Planungen und Handlungen einbeziehen.

Nicht alle Erzieher/innen wurden durch ihre Fachschule darauf vorbereitet. Das ist ein Grund, aber keine Entschuldigung dafür, da stehen zu bleiben. Als Wunsch formuliert: alle Erzieher/innen (Träger, GEW, FS) machen sich das Ziel der KMK von 2002 zu eigen und arbeiten danach!

d) Zusammenarbeit mit Eltern und Grundschule
Bis zum Jahr 2020 bekommen die Erwartungen an Erzieher/innen eine solide Basis, die Elternrechte im Kita-Gesetz werden an das Ziel Partnerschaft angepasst, d.h. gestärkt.

Auch wenn es heute nicht so aussieht, weil die Projekte „schulfähiges Kind“ und „Bildungshäuser“ gegen seinen Geist arbeiten, der neue Kindergarten ist als Einrichtung früher Bildung durchgesetzt und die Standards des OP haben Bestand (s.o.). Alle Lehrkräfte an allen Grundschulen achten den eigenständigen Ansatz und bemühen sich darum, den OP inhaltlich und methodisch fortzuführen.

Der dazu passende Wunsch sieht Erzieher/innen, die das Bemühen der Lehrkräfte unterstützen, indem sie den OP offensiv und selbstbewusst vertreten. Jede/r Erzieher/in qualifiziert sich für eine Kooperation auf Augenhöhe!

e) Zusammenarbeit im Team
Die Praxis des offenen Arbeitens der Erzieher/innen wird Kindern als gelungenes Muster für Kooperation dienen. Erzieher/innen werden Kritik untereinander und professionell äußern. Keine vertuscht mehr das Fehlverhalten einer Kollegin, verschließt Augen oder Türen.

Ein Wunsch geht in Erfüllung, wenn Erzieher/innen daran denken, dass für das Bild aller Erzieher/innen in der Öffentlichkeit diejenige prägend ist, die ihre Arbeit am untersten Niveau ausübt.

Einen übergreifenden Wunsch zum zukünftigen Profi(l) Erzieher/in habe ich noch. Das folgende Zitat von Ludwig Liegle betrifft alles Angesprochene. Die Erkenntnis kann als ein Kriterium für das Bereinigen des OP dienen: „Zu den wichtigsten Regeln der Kindererziehung gehört … Zeit zu verlieren … in dem Sinne, dass wir der Kindheit ihre Zeit und jedem einzelnen Kind seinen individuellen Zeitrhythmus … einräumen.“

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