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Ukrainische Lehrkraft an der Schule

Ein echter Glücksgriff

Nach den Faschingsferien kamen die ersten Kinder aus der Ukraine in den Schulen an. Welche Herausforderungen haben die Schulen zu bewältigen? Ein Praxisbericht aus der Gemeinschaftsschule in Hüfingen im Schwarzwald-Baar-Kreis.

Oksana Khimchynska (links) und Ruth Zacher (rechts)
Schulleiterin Ruth Zacher (rechts) ist sehr froh, dass die ukrainische Lehrerin Oksana Khimchynska an ihrer Schule unterrichtet. (Foto: privat)

Schule gibt den Kindern eine Struktur und einen Alltag, es hilft auch, sich abzulenken und dass sie unter Gleichaltrigen sein können. Integration funktioniert nur über die Sprache. Deshalb ist es wichtig, Kindern früh einen Zugang zur Schule zu ermöglichen.

Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer*innen in Hüfingen kümmern sich sehr um geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine. So finden die Kinder auch schnell den Weg zu uns, der Lucian-Reich-Schule, eine Gemeinschaftsschule in Hüflingen. Nach den Faschingsferien kamen die ersten drei.

Es war uns bewusst, dass es nicht bei drei Kindern bleiben würde. Innerhalb von drei Wochen waren es schon 12 und momentan sind 30 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine an unserer Schule.

Obwohl wir bereits eine integrierte Vorbereitungsklasse samt Konzept an unserer Schule haben, wurden weitere Organisationen nötig. Schnell entschieden wir, dass die Kinder aus der Ukraine vorerst nur Deutsch am Vormittag erhalten, da die meisten mittags noch an ihrem Online-Unterricht der Ukraine teilnahmen. Wir entschieden auch, dass die Kinder vorerst nicht integrativ unterrichtet werden, sondern in eine Vorbereitungsklasse gehen. Unser Stundenkontingent ist eigentlich zu klein, aber irgendwie schaffen wir es doch immer wieder, Unterrichtsstunden für die geflüchteten Kinder umzuschichten. Platz haben wir, so konnten wir einen extra Raum für die neue Schüler*innengruppe einrichten. Eine Lehrkraft, die ein paar Stunden Sprachförderung anbietet, können wir einsetzen. Material steht uns zur Verfügung, fehlendes wurde besorgt. Alle Beteiligten sind offen und hilfsbereit. Der Schulträger unterstützt uns, der Elternbeirat wie auch der Förderverein. Unsere Rahmenbedingungen sind folglich ganz ordentlich.

Dann kam Oksana Khimchynska. Sie hat in gutem Deutsch ihren 15-jährigen Sohn an unserer Schule angemeldet. Schnell fanden wir heraus: Sie ist eine ukrainische Lehrerin für die Fächer Deutsch und Englisch. Wir fragten sie sogleich, ob sie sich vorstellen könnte, bei uns zu unterrichten. Es dauerte noch bis Anfang Mai, dann konnte sie beginnen.

Willkommensplakat für die ukrainischen Kinder und Jugendlichen an der Lucian-Reich-Schule
Willkommensplakat für die ukrainischen Kinder und Jugendlichen an der Lucian-Reich-Schule

Bürokratie überwunden

Obwohl Oksana gut Deutsch spricht, empfinde ich es als Schulleiterin eine Herausforderung, ihr all die deutschen Formalien zu erklären: Was ist das LBV? Was ist eine Belehrung und Aufklärung nach dem Infektionsschutzgesetz? Wie viel verdient sie? Inzwischen haben wir den größten Teil der bürokratischen Hürden überwunden. Oksana arbeitet mit rund einem halben Lehrauftrag zusammen mit der Lehrkraft für Sprachförderung mit den ukrainischen Kindern. Es ist ein Segen, dass sie da ist.

Oksana kommt aus dem Westen der Ukraine. Der Krieg hatte sie noch nicht erreicht. Normal arbeiten ging trotzdem nicht mehr. Vier bis fünf Mal am Tag gab es Luftalarm und sie musste mit den Schüler*innen in den Keller. Drei Tage dauerte ihre Flucht nach Deutschland. Ihren Mann und ihre Eltern musste sie zurücklassen. Neben dem Unterricht in der VKL ist die Lehrerin noch mit ukrainischem Online-Unterricht und Deutschkursen für ukrainische Frauen beschäftigt. Sie ist dankbar für die Arbeit, nicht zuletzt wird sie abgelenkt vom ständig besorgten Blick auf ihr Handy.

Dankbar sind auch die ukrainischen Kinder und Jugendlichen. Sie können in ihrer Sprache Fragen stellen und erzählen. Es ist jemand da, der sie versteht und weiß, was sie erlebt haben. Oksana macht sich Sorgen um die Zukunft dieser Kinder, vor allem um die, die vor einem Abschluss stehen. Alle Pläne der Schülerinnen und Schüler haben sich in Luft aufgelöst. Je nachdem, aus welcher Region sie kommen, ist ihre Heimat zerstört. Nach einer schnellen Rückkehr sieht es nicht aus.

Schnell Deutsch lernen

Ein Konzept zur Sprachförderung zu entwickeln, das sehr flexibel ist und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingeht, ist nicht leicht. Die Schülerinnen und Schüler sind unterschiedlich alt, unterschiedlich weit in ihren Lernprozessen, einige hatten schon Deutsch, andere nicht. Jede Woche kommen neue Kinder dazu. Die VKL-Lehrkraft und Oksana arbeiten sehr eng zusammen, unternehmen Ausflüge mit den Kindern und tun alles, damit sie sich wohlfühlen und schnell Deutsch lernen. Ziel ist die Regelklasse. Wie es irgendwann mit Englisch weitergeht, ist noch völlig offen. Einige haben es nicht gelernt.

Die ukrainischen Schüler*innen sind sehr ruhig, fallen kaum auf. So ganz sind sie wohl noch nicht angekommen. Damit sie am ukrainischen Online-Unterricht teilnehmen können, haben wir ihnen Laptops geliehen. Sie kommen offensichtlich gut klar damit. Online-Unterricht ist ihnen vertraut. Ein ganz großer Vorteil ist: Mit diesem Unterricht halten sie Kontakt zu ihrem Land und ihrer ehemaligen Klassengemeinschaft. Obwohl die Schüler*innen in verschiedenen Ländern verstreut sind, finden sie online zusammen, zumindest zum Teil.

Ungewohnt für Oksana und die ukrainischen Schüler*innen sind unsere Einschränkungen, was die Handy-Nutzung anbelangt. Dagegen sei das Unterrichten an der Gemeinschaftsschule freier, als Oksana das kennt. Dass Kinder auch mal auf dem Flur lernen und andere Orte als das Klassenzimmer nutzen, ist neu für sie.

Wir sind froh, dass wir das Glück haben, Oksana als Lehrerin zu haben. Sie bereichert unser Kollegium und ist eine gute Vermittlerin für die Kinder. Es ist spannend zu erfahren, wie unterschiedlich die Schulsysteme in den Ländern sind und welche Gemeinsamkeiten es doch gibt.

Kontakt
Ruth Schütz-Zacher
Vorsitzende Personengruppe Schulleitungsmitglieder
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