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Kampagne „Unter 18 nie!“ startetAbenteuer bei der Bundeswehr?

Messestände mit Partyatmosphäre, bunte Lichter und Panzer, in die Kinder steigen, Abenteuerferienlager und Sportevents für Schülerinnen und Schüler: Die Bundeswehr wirbt gezielt bei Minderjährigen. Lässt sich die fragwürdige Praxis stoppen?

02.09.2019 - Erhard Korn, GEW-Vorstandsbereich Grundsatzfragen

Der „Girls’ day“ war in diesem Jahr nicht nur Anlass für die Bundeswehr unter Schülerinnen ab der 5. Klasse für den Soldatenberuf zu werben, er wurde vom neugegründeten Bündnis „Unter 18 nie!“ auch als Auftakt für eine Kampagne gegen die Rekrutierung Minderjähriger genutzt. Die GEW gehört zu den Trägern der Kampagne.

Als einer der wenigen Vertragsstaaten der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen macht die Bundesrepublik von der Ausnahmeregelung des Fakultativprotokolls Gebrauch und wirbt Minderjährige für die eigenen Streitkräfte an. Freiwillig Wehrdienstleistende sowie Soldatinnen und Soldaten auf Zeit, die meist als 17-Jährige eine militärische Ausbildung bei der Bundeswehr beginnen, werden dort an der Waffe ausgebildet und erhalten dasselbe militärische Training wie Erwachsene.

Seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 intensiviert die Bundeswehr ihre Werbeaktivitäten unter jungen Leuten, so dass sich die Zahl Minderjähriger bei der Bundeswehr von 689 auf 2.128 im Jahr 2017 erhöht hat. 2018 sank diese Zahl zwar auf 1.679, macht aber immer noch etwa zehnt Prozent der Rekrutinnen und Rekruten aus. Seit 2011 sind es über 11.500. Besonders stark stieg dabei die Zahl der minderjährigen Soldatinnen, die sich von 2011 bis 2017 fast verachtfacht hat; im letzten Jahr waren es noch 313.

„Die Bundeswehr ist kein Arbeitgeber wie jeder andere. Das muss bei der Berufsorientierung junger Mädchen rüberkommen“, unterstrich Ilka Hoffmann vom GEW-Hauptvorstand beim Start der Kampagne Ende März. „Bereits 15-jährige Mädchen werden für einen Beruf umworben, der viele Risiken mit sich bringt, von Traumatisierungen bis hin zum Tod.“ Mögliche persönliche Folgen würden bei der Bundeswehrwerbung ebenso verharmlost wie die verheerenden Auswirkungen von Kriegen für die Zivilbevölkerung. „Diese Desinformation junger Menschen muss beendet werden. Wir lehnen sie aus politischen, pädagogischen und kinderrechtlichen Gründen ab.“

Die Jugendoffiziere der Bundeswehr haben 2017 mehr als 122.000 Schülerinnen und Schüler erreicht. Weitere über 111.000 Schülerinnen und Schüler haben über Beratung und Vorträge von Karriereberatern Kontakt zur Bundeswehr gehabt. Der Etat für die Nachwuchswerbung der Bundeswehr lag 2017 bei 35,2 Millionen Euro. Allein für die Produktion und Bewerbung der Youtube-Serie „Mali“ hat das Verteidigungsministerium 6,5 Millionen Euro ausgegeben.

„Messestände mit Partyatmosphäre, bunte Lichter und Panzer, in die Kinder steigen, Abenteuerferienlager und Sportevents für Schülerinnen und Schüler – die Bundeswehr wirbt gezielt und zunehmend bei Minderjährigen“, beklagt auch Michael Schulze von Glaßer von der Deutschen Friedensgesellschaft.

Lagerfeuer und Abenteuer

Geschickt anknüpfend an die Seh- und Hörgewohnheiten von Jugendlichen bei TV-Serien und Computerspielen, lockt zum Beispiel seit April die Videoserie auf Youtube „Survival – 7 Offiziere. Eine Mission“ mit Abenteuer und Lagerfeuerromantik, geiler Musik und Fitnesstraining mit starken Kumpeln, Mutproben, Fallschirmspringen – und echten Knarren.

Dass die Bundesregierung vom UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes angemahnt wurde‚ auf Kinder zielende Werbekampagnen für die deutschen Streitkräfte zu unterlassen, wird ebenso ignoriert wie die nahezu gleichlautende Empfehlung der Kinderkommission des Bundestags, die sich für die Rechte der Kinder stark macht. „Die Armee präsentiert sich jungen Leuten als Abenteuerspielplatz mit dem Versprechen auf Selbstverwirklichung. Gefahren und Probleme des Soldatenberufs werden systematisch ausgeblendet“, fasst die Informationsstelle Militarisierung in Tübingen eine Analyse der Werbestrategien zusammen.

Die Bundesrepublik mache sich so bei der weltweiten Ächtung des Einsatzes von Kindersoldaten unglaubwürdig, kritisiert Philipp Ingenleuf vom Netzwerk Friedenskooperative.

Auf erheblichen Widerhall in der Öffentlichkeit stieß die Werbekampagne der Bundeswehr bei von Entlassungen bedrohten Arbeitnehmer/innen bei Ford unter dem pseudowitzigen Motto „Job Fort“. Nicht zu Unrecht wurde kritisiert, dass Werbeoffiziere soziale Benachteiligungen und Ängste ausnutzen. Wenig beachtet wird allerdings, dass vor allem bei benachteiligten Gruppen und jungen Leuten mit Migrationshintergrund und weniger attraktiven Bildungsabschlüssen der Eindruck erweckt wird, Offizierskarrieren stünden allen offen.

Ein Offizier der Bundeswehr wirbt bei einem Schüler für den Soldatenberuf.
Ein Offizier der Bundeswehr wirbt bei einem Schüler für den Soldatenberuf. (Foto: © imago)

Why 18 matters

Die österreichische Richterin Renate Winter, Vorsitzende des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes, beklagt aus ihren weitreichenden Praxiserfahrungen heraus besonders, dass weltweit die überwiegende Mehrzahl der rekrutierten Kinder und Jugendlichen aus armen Familien stammt. Ihre Rekrutierung stellt offenbar eine neue Form von sozialer Ausbeutung dar. Das Alter spielt bei der Rekrutierung deshalb eine wichtige Rolle, so Renate Winter, „weil über 18-Jährige weniger leichtgläubig sind, mehr hinterfragen und kritischer denken.“ Winter unterstützt ein „Straight 18“-Vorgehen, dem sich drei Viertel der Staaten weltweit angeschlossen haben und bei dem Jugendliche weder angeworben noch ausgebildet werden.

Die Konsequenzen einer Verpflichtung für ihre Person und ihr weiteres Leben ist für minderjährige Schülerinnen und Schüler kaum zu überblicken. Dies zeigt sich auch an der hohen Abbrecherquote von etwa 30 Prozent während der sechsmonatigen Probezeit. Danach – also im Realbetrieb – kann man nicht einfach kündigen, sondern muss den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern und mit hohen Rückzahlungen für die bereits in Anspruch genommenen Ausbildungen rechnen.

Fragwürdig bleibt auch die Rolle von Jugendoffizieren, die im Unterricht über die Aufgaben der Bundeswehr und über Sicherheitspolitik informieren sollen und dabei eigentlich dem Beutelsbacher Konsens verpflichtet sind. Allerdings sind für das Verteidigungsministerium: „Jugendoffiziere (...) wichtige Träger der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr, vor allem im schulischen Bereich.“ Diese Öffentlichkeitsarbeit dient aber nicht der eigenen Urteilsbildung, sie soll das Image der Bundeswehr so aufpolieren, dass Werbekampagnen überhaupt wirken können.

Die zwei Ziele der Kampagne „Unter 18 nie!“ sind daher:

  1. Die Anhebung des Rekrutierungsalters für den Militärdienst auf 18 Jahre!
  2. Das Verbot jeglicher Bundeswehrwerbung bei Minderjährigen!

Getragen wird die Kampagne von einem breiten Bündnis, an dem Friedensorganisationen und kirchliche Einrichtungen, und die GEW beteiligt sind. Hauptziel der auf zwei Jahre angelegten Kampagne ist es, dass bis Ende 2020 ein Gesetzentwurf eingebracht wird. Hierfür soll eine politische Mehrheit erreicht werden. Beabsichtigt ist einerseits, das Gespräch mit Politikerinnen und Politikern zu suchen und sie auf die Problematik aufmerksam zu machen; andererseits soll die Öffentlichkeit für die Anwerbung Minderjähriger durch die Bundeswehr sensibilisiert werden.

Besondere Verantwortung der Schulen

Dies gilt auch für die Schulen, die wichtige und verantwortungsvolle Träger der politischen Bildung sind – und nicht Türöffner für „Öffentlichkeitsarbeit“ und „Karriereberater“ der Bundeswehr.

Da uns die Landesverfassung in Artikel 13 verpflichtet „Kinder und Jugendliche gegen (...) geistige, körperliche und seelische Gefährdung zu schützen“, liegt hier aber eine besondere Verantwortung von Gesamtlehrerkonferenzen und Schulleitungen.

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