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Derzeitige Lage an den SchulenAm Limit

Corona stellt den Schulalltag komplett auf den Kopf und Schulleitungen, Lehrkräfte und Schüler*innen vor eine schwierige Situation. Ein Blick in die Albert-Schweizer-Schule in Muggensturm und das Heinrich-Hansjakob-Bildungszentrum in Haslach.

18.12.2020 - Von Andrea Toll, freie Journalistin

Vor dem Eingang, vor jeder Toilette und in jedem Klassenzimmer stehen Tische mit einer Flasche Desinfektionsmittel und dem Hinweis „Hände desinfizieren nicht vergessen“, ein Schild mit der Aufschrift „Maskenpflicht für alle Besucher, Eltern, Anlieferer“ klebt an der Eingangstür, auf jedem Lehrerpult ist ein Spuckschutz montiert, Treppenhäuser und Toiletten sind für Grundschüler*innen und Werkrealschüler*innen getrennt: Diese Maßnahmen gehören seit Monaten zum Corona-Alltag in der Albert-Schweizer-Schule in Muggensturm bei Rastatt. „Und noch viel mehr“, betont Rektor Johannes Hermann. Jeden Morgen von 7:30 bis 8:30 Uhr steht der 42-Jährige mit der Sprühflasche mit Desinfektionsmittel in der Hand vor der Schule und desinfiziert die Hände seiner 242 Schüler*innen, hält einen kurzen Plausch mit ihnen und schickt sie dann rein. Der Vorteil ist, dass sich so keine Gruppen auf dem Weg und im Gebäude bilden.

Damit die Kinder so wenig Kontakt wie möglich im Flur und auf dem Hof haben, mussten Hermann und das Kollegium eine neue Pausenstruktur entwickeln: Die Schüler*innen essen und trinken im Klassenzimmer, dann geht es raus auf den großen Hof. Der ist mit Flatterband in „oben“ und „unten“ aufgeteilt, sodass die zwei Klassenstufen, die Pause haben, einen eigenen Bereich haben. Damit die Pausenzeiten nicht zu knapp sind, wurden sie von 20 auf 30 Minuten verlängert. „Die Kinder finden das super, dass sie vorher essen und dann ohne Frühstücksdose und Getränkeflasche in den Hände ­draußen toben können“, ­berichtet Hermann. „Für uns bedeutet das einen gigantischen Aufsichtsaufwand. Wir sind alle am Anschlag“, ergänzt der Schulleiter.

Hat vor der Corona-Krise eine Fluraufsicht für drei Klassen ausgereicht, ist es nun nötig, dass in jeder Schulklasse eine Aufsicht mit dabei ist. Die achtet darauf, dass die Kinder sich vor jeder Mahlzeit und nach dem Toilettengang die Hände waschen, ihr Essen nicht tauschen und nicht durchs Klassenzimmer rennen. In der Bücherei sowie in der schuleigenen Mensa werden die Klassenstufen strikt getrennt: Statt der vorher üblichen zwei Essenszeiten gibt es jetzt drei. An den Englisch-, Werk- und Kunst-AGs sowie an der Kindersportschule (KiSS) dürfen nur noch Schüler*innen einer Altersstufe teilnehmen – früher waren diese nicht nach Alter, sondern Leistungsniveau aufgeteilt. Zudem beschäftigt die Schule eine extra Reinigungskraft, die die Fachräume nach dem Klassenwechsel außerhalb einer Stufe desinfiziert. „Wir fahren eine sehr strenge Linie, damit uns später keine Vorwürfe gemacht werden können“, betont Hermann.

Bislang mussten nur vier Kinder in Quarantäne; einen Corona-Fall hat die Schule bis heute nicht. Einen positiven Nebeneffekt bringen die Maßnahmen mit sich: Es gibt keine Kopfläuse.

CO2-Ampeln zeigen an, wann gelüftet werden muss

Natürlich spielt auch das Thema Lüften eine wichtige Rolle. Statt auf Stoßlüftung alle 20 Minuten setzt man in der Albert-Schweizer-Schule auf CO2-Ampeln, die anzeigen, wann gelüftet werden muss. Zudem sind in sämtlichen Räumen alle Oberlichter permanent geöffnet und die Heizung läuft auf Hochtouren. Damit den Kindern nicht zu kalt wird, kleiden sie sich im Zwiebel-Look. Dafür haben sie eine warme Jacke oder einen dicken Pullover im Klassenzimmer hängen, obwohl das normalerweise nicht erlaubt ist.

Aber was ist in dieser Zeit schon normal? Normalerweise ist die Website der ­Schule auch voll mit Berichten über Veranstaltungen. „Nun ist sie grau vor lauter Verordnungen“, stellt Hermann ­bedauernd fest. Trotz der anstrengenden Situation hat der ­engagierte Schulleiter seine gute Laune nicht ve­rloren, was auch am guten Draht zu den Eltern und zum Kollegium liegt. Darüber hinaus befindet er sich in der komfortablen Situation, dass es keine Ausfälle bei den Lehrkräften gibt. „Die Stimmung ist trotz der hohen Belastung positiv – dank des tollen Teams. Wir legen hier großen Wert darauf, Konflikte schnell zu lösen, Wünsche zu erfüllen, Beziehungen zu pflegen und alle mit ins Boot zu holen“, fügt er hinzu.

Auch wenn das für ihn noch mehr Arbeit bedeutet, zum Beispiel die Eltern über die ständig neuen Verordnungen zu informieren und Schulanmeldungen an einem Stehtisch auf dem Schulhof durchzuführen. Welches Thema ihn gar nicht beschäftigt? Die zu vollen Schulbusse. Denn Muggensturm, das in der Rheinebene liegt, ist so topfeben und die Schule so zentral im Ort, dass die meisten Kinder mit dem Rad oder dem City-Roller zur Schule fahren.

Angespannte Stimmung im Bildungszentrum

Ganz anders ist die Stimmung im ­Heinrich-Hansjakob-Bildungszentrum in Has­­lach im Schwarzwald. In der Grund-, Werkreal- und Realschule mit 35 Klassen und 750 Schüler*innen gab es in der Grundschule gerade einen weiteren Corona-Fall und zwar von einer Familie, die fünf Kinder an der Schule hat. Für das Schulleitungsteam, das sich aus Christof Terglane (Rektor), Katrin Knapp (1. Konrektorin) und Silke Nitz (2. Konrektorin) zusammensetzt, bedeutete das extrem viele Telefonate, um ­herauszufinden, mit wem das betroffene Kind Kontakt hatte.

Auch ohne diese zusätzliche Aufregung und Anstrengung empfinden sie ihren Schulalltag als äußerst belastend. Er ist geprägt von vielen neuen Verordnungen, die sie ad hoc umsetzen müssen, Lehrerausfällen durch Quarantäne – zurzeit sind es zehn von 70 Kolleg*innen –, kalten Räumen, gähnender Leere im Lehrerzimmer und in der Schule sowie Druck von außen. „Irgendwie versuchen wir, den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Recht wohl fühlen wir uns hier allerdings nicht mehr und sind mittlerweile sehr dünnhäutig, auch wenn wir uns schon an einiges gewöhnt haben“, gibt der Rektor zu verstehen. „Lange darf es so nicht mehr weitergehen. Das ist für uns eine äußerst herausfordernde Zeit“, ergänzt Knapp, die für die Primarstufe 1 bis 4 zuständig ist. Terglane und seine Kolleginnen schmerzt es, wie sehr sich die Ganztagesschule, die in der Region für ihre offene, freundliche und friedliche Atmosphäre bekannt war, im Laufe der Monate verändert hat – allein durch das umfassende Hygienekon­zept.

Hoher Betreuungsaufwand

Die oberste Priorität ist, die Klassen getrennt zu führen, damit bei einem Corona-Fall nicht die ganze Schule geschlossen werden muss. Dafür hat die Schule eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt. Zum Beispiel wurde das große Außengelände in Parzellen aufgeteilt, in denen sich die Schüler*­innen nur klassenweise aufhalten dürfen. Die Mensa fährt in zwei Schichten: Die Grundschulkinder kommen zuerst, dann die höheren ­Klassen. Nur innerhalb einer Klassenstufe mischen sich die Ganztags­schüler*­innen. Damit diese Regelung auch eingehalten wird, gibt es für jede Klassenstufe eine extra Betreuung. Allein für die Mittagsbetreuung sind pro Woche 30 Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen zusätzlich im Einsatz. „Der Aufwand ist enorm hoch, nicht nur für die Betreuung an sich, ­sondern überhaupt zusätzliche Kräfte zu bekommen, denn im Kinzigtal herrscht ­Vollbeschäftigung“, betont Terglane.

Auch am Nachmittag bleiben die Klassenstufen unter sich oder die Schüler*innen gleich ganz zu Hause, da online unterrichtet wird. Das gilt für die Sekundarstufe und die älteren Grundschulkinder. Müssen Lehrkräfte in Quarantäne, halten sie per Videostream in ihrer Klasse den Unterricht ab. Eine zusätzliche Lehrkraft ist vor Ort, um in der Klasse zu unterstützen. „Positiv ist, was wir als Gesamtkollegium in den letzten Monaten alles online hinbekommen haben. Das war ein digitaler Quantensprung“, stellt Konrektorin Nitz heraus.

Kreativangebote für die Grundschüler*innen gibt es nur noch in einer Light-Version. Es fehlen die Fachkräfte, die die Inhalte vertiefend vermitteln. Vielmehr machen die Kinder in dieser Zeit ihre Hausaufgaben. Bis auf die Robotik- und Imkerei-AG, bei denen ausreichend Abstand gehalten werden kann, musste die Schule alle AGs streichen.

Durchatmen beim Sportunterricht

Um nicht auch noch den Sportunterricht für die Sekundarstufe streichen zu müssen, lassen sich die Lehrer*innen einiges einfallen: Sie gehen mit ihren Klassen nach draußen, in den Wald und bauen  Bewegungseinheiten in ihren Unterricht ein, damit die Kinder ihre Masken zwischendurch absetzen und durchatmen können. Für die Grundschüler*innen hat sich in diesem Fach kaum etwas geändert – abgesehen davon, dass auf genügend Abstand geachtet wird. „Die ­Qualität unserer Ganztagesschule hat gelitten. Früher hatten wir ein Bildungs-, jetzt nur noch ein Betreuungsangebot. Das tut weh, wenn Schule nur noch pragmatisch gelebt wird“, sagt Terglane bedauernd.

Das Thema Lüften beschäftigt die Schulleitung ebenfalls. Wie von der Landes­regierung empfohlen, wird am Bildungszentrum alle 20 Minuten stoßgelüftet. Dann heißt es bei den Kleinen, schnell Jacken anziehen und Mützen aufsetzen. „Es ist eiskalt und wir laufen hier alle im Zwiebel-Look rum“, berichtet Knapp. Die 40 Millionen Euro, die die Regierung für die 4.500 Schulen im Land unter anderem für Luftreiniger ­bereitgestellt hat, ärgern Terglane ­sichtbar. „Das ist für mich Politikgedöns! Denn was sollen wir mit den 8.500 Euro, die wir bekämen, anstellen? Wir müssen 35 Klassen ausstatten.“ In seinen Augen sind durchdachte Lüftungs- und Unterrichtskonzepte sowie finanzielle Unterstützung wichtiger denn je. „Wir halten die Schule am Leben, damit die ­Wirtschaft ­funktioniert. Wenn wir das mit einem gewissen Qualitätsanspruch tun sollen, dann müssen wir mit ­ausreichend Mitteln versorgt werden, um die Digitalisierung der Schule voranzubringen und personalisierten Unterricht zu ermöglichen“, hebt der Schulleiter hervor.

Und noch etwas ärgert ihn: die von der Landesregierung ausgezahlten 600 Euro für Schulleiter. Das bringe ihn in eine moralische Zwickmühle, da seine Kolleginnen Knapp und Nitz sowie das gesamte Team eine Menge leisten und weit über ihre Grenzen gehen. ­Deswegen hat er sich entschieden, von dem Geld ein Grillfest für alle zu organisieren – wenn die Pandemie Geschichte ist, man wieder zusammen feiern darf und es auf dem Campus wieder so entspannt zugeht wie vor der Corona-Krise.