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Arbeitszeit der Lehrkräfte ist zu hoch

Die Uni Göttingen hat Studien zur Lehrkräftearbeitszeit in Deutschland der letzten Jahrzehnte ausgewertet. Das Ergebnis: Die Arbeitszeiten sind überdurchschnittlich hoch. Warum arbeiten Lehrer zu viel – und was hilft gegen Überstunden?

15.05.2018 - b&w-Artikel, Martin Schommer

Die Sozialwissenschaftler Frank Mußmann und Thomas Hardwig von der Universität Göttingen haben im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in „Zeiterfassungsstudien zur Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland“ alle verfügbaren Studien zur Lehrkräftearbeitszeit in Deutschland der letzten Jahrzehnte ausgewertet. Ergebnis: Die Arbeitszeiten sind überdurchschnittlich hoch.

Für die Expertise werteten die Autoren 16 Studien aus, die zwischen 1960 und 2017 zur Arbeitszeit der Lehrkräfte in Deutschland erarbeitet wurden. Neben reinen Forschungsarbeiten sind unter den Studien auch Arbeiten, die von Arbeitgeberseite (zum Beispiel Kultusministerkonferenz) oder Interessenverbänden (GEW und Lehrerverbände) in Auftrag gegeben wurden.

Die Jahresarbeitszeit der Lehrkräfte wurde zwar in früheren Jahrzehnten in manchen Schularten infolge der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung reduziert. Sie stagniert aber seit den 1990er-Jahren und liegt immer noch über der Arbeitszeit im öffentlichen Dienst. Lehrkräfte an Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien arbeiten pro Woche eine Stunde und 40 Minuten länger als Verwaltungsbeamt/innen (unter Einrechnung der Ferienzeiten).

Durchgängig die höchste Arbeitszeit haben Lehrkräfte an Gymnasien. Seit einigen Jahren nähern sich die Unterschiede zwischen den Schularten aber immer stärker an. Während früher die Lehrkräfte an Grundschulen eine geringere Arbeitszeitbelastung hatten, schließen die Grundschulen zu den anderen Schulformen auf. Heute liegt auch ihre Arbeitszeit über dem Durchschnitt im öffentlichen Dienst. So zeigt die aktuellste Studie aus Niedersachsen, dass die Grundschullehrkräfte eine tatsächliche Jahresarbeitszeit von 1.837 Stunden haben, während die tarifliche Arbeitszeit im öffentlichen Dienst bei 1.784 Stunden liegt.

Für Baden-Württemberg ist das Bild der Stagnation nur eine ungenaue Beschreibung und verdeckt negative Tendenzen. Besonders hervor sticht die Anhebung der Unterrichtsverpflichtung für die Lehrkräfte im höheren Dienst an den Gymnasien und beruflichen Schulen. Die Unterrichtsverpflichtung liegt im Vergleich zu 1998 um zwei Stunden höher.

Erholungszeiten fehlen

Über alle Studien hinweg zeigt sich, dass die Arbeitszeitbelastung in den Schulwochen so hoch ist, dass sie zu üblichen Arbeitszeiten oft nicht zu bewältigen ist. Die Sieben-Tage-Woche und das Arbeiten abends und nachts beziehungsweise die Entgrenzung von Arbeits- und Privatzeit ist für viele Lehrkräfte Arbeitsalltag. Zwischen 14 und 19 Prozent der Lehrer/innen haben überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden in der Schulwoche. Die Wissenschaftler weisen auf die negativen Konsequenzen hin, die diese Arbeitsweise mit sich bringe und fordern dringend mehr Möglichkeiten zur Erholung etwa während der Schulpausen, an Arbeitstagen und an Wochenenden.

Individuelle Arbeitszeit unterscheidet sich enorm

Die Expertise bestätigt auch große Unterschiede bei der individuellen Arbeitszeit der Lehrkräfte. Ein Befund, den die Autoren der Expertise mit Blick auf Fairness und Gleichbehandlung als problematisch bewerten. Schulform, Fächerwahl, die Übernahme von Funktionen, die Klassenstärke und die Pflichtstundenzahl haben einen entscheidenden Einfluss auf die individuelle Arbeitszeit einer Lehrkraft. Eine individuelle Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung führt tendenziell nicht zu einer entsprechenden Reduzierung der tatsächlichen Arbeitszeit.

Umstritten ist, inwieweit Geschlecht und Alter einen Einfluss auf die Arbeitszeit, beziehungsweise die Mehrarbeit haben. Neuere Forschungen legen nahe, dass sich ein großer Teil dieser Differenz aufgrund der eigenen professionellen Hingabe zum Beruf ergibt, die zu ungesunden Arbeitsmustern führt und auf Dauer die Gesundheit schädigt.

Die Autor/innen der Studie empfehlen, akzeptable Rahmenbedingungen für die Arbeitszeit zu schaffen und für Entlastung zu sorgen. Darüber hinaus fordern sie Maßnahmen, die vor Selbstausbeutung schützen. Ihr Hinweis auf den wachsenden Anteil der nicht unmittelbar unterrichtsbezogenen Tätigkeiten kann durchaus so verstanden werden, diese Aufgaben zu hinterfragen und zu überlegen, ob sie von Lehrkräften erledigt werden müssen und wenn ja, wie sie hierfür Zeitanteile erhalten.

Schlussfolgerungen für Baden-Württemberg

Die Ergebnisse der Expertise spiegeln auch die Realität an den baden-württembergischen Schulen wider. Die hohe Arbeitsbelastung ist dabei kein neues Phänomen, sondern schon seit Jahren ein Problem. Hier gilt es gegenzusteuern. Die GEW fordert deshalb unter anderem:

  1. Übernahme zusätzlicher Aufgaben sollte angerechnet werden: Die Landesregierung muss die Kürzung des allgemeinen Entlastungskontingents zurücknehmen und die Anrechnungsstunden ausbauen.
  2. Absenkung des Deputats und Reduzierung des Klassenteilers: Die Absenkung des Deputats um mindestens zwei Stunden und ein Klassenteiler von 25 können spürbar die Arbeitsbelastung reduzieren. Dazu müssen mehr Lehrkräfte eingestellt werden. Aufgrund des Lehrermangels kann dies nur schrittweise umgesetzt werden. Für Gymnasien gibt es derzeit einen Lehrkräfteüberschuss.
  3. Erhöhung der Ausbildungskapazitäten: Um mittelfristig genügend Lehrkräfte einstellen zu können, muss die Ausbildungskapazität erhöht werden, und zwar stärker, als von der Landesregierung geplant. Die Aufstockung um 200 Studienplätze in der Grundschullehrkräfteausbildung dürfte nur die Hälfte des Nachwuchsbedarfs abdecken. Auch in der Sekundarstufe I und vor allem in der Sonderpädagogik zeichnet sich ein Bewerbermangel ab. Kurzfristig kann der Mehrbedarf nur durch die vermehrte Einstellung von Quereinsteiger/innen bewältigt werden, die ausreichende qualifiziert werden müssen.
  4. Altersermäßigung: Auch bei der Altersermäßigung müssen die Kürzungen zurückgenommen werden. Seit dem Schuljahr 2014/15 erhalten Lehrkräfte erst ab dem 60. eine Stunde und ab dem 62. Lebensjahr zwei Stunden (Teilzeit anteilig) Altersermäßigung. Vorher gab es bereits ab dem 58. eine Stunde und ab dem 60. Lebensjahr zwei Stunden. Mittelfristig muss die Altersermäßigung wieder ausgebaut werden. Ziel muss sein, dass bereits ab dem 55. Lebensjahr das Deputat um zwei Stunden abgesenkt wird. Die Praxis zeigt, dass die Altersermäßigung ein geeignetes Mittel ist, um die Arbeitsbelastung älterer Lehrerkräfte zu senken und vorzeitige Zurruhesetzungen zu verhindern.
  5. Entlastung durch Verwaltungsassistenz, Schulpsycholog/innen und Schulsozialarbeiter/innen: Lehrkräfte müssen neben ihrer originären Tätigkeit Verwaltungsarbeit übernehmen und sind mit Aufgaben konfrontiert, für die ihnen die fachliche Kompetenz fehlt. Die Einstellung von Verwaltungspersonal zur Entlastung der Schulleitungen und der gesamten Lehrerschaft sowie der Aufbau multiprofessioneller Teams können ein Mittel sein, die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte zu senken und gleichzeitig die Qualität zu stärken.

Studie aus Niedersachsen setzt Politik unter Druck

Neue Maßstäbe setzt eine Studie zur Arbeitszeit der Lehrkräfte in Niedersachsen, für die fast 3.000 Lehrer/innen in Niedersachsen über ein komplettes pädagogisches Jahr ihre Arbeitszeit minutengenau dokumentiert haben. Diese Studie wurde von der GEW Niedersachsen in Auftrag gegeben. Das zentrale Ergebnis der Studie, dass die Lehrkräfte in Niedersachsen viel zu häufig Mehrarbeit leisten müssen, hat erhebliche politische Wirkung entfaltet und übt einen enormen Druck auf das niedersächsische Kultusministerium aus, die Arbeitszeitverordnung im Sinne der Lehrer/innen zu verändern. Auch diese Ergebnisse wurden in der Metastudie von Mußmann/Hartwig berücksichtigt.

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