GEW Baden-Württemberg
Du bist hier:

Berufliche Gymnasien: Weiterentwicklung dringend nötig

Ab dem Schuljahr 2018/19 können die ersten Schüler/innen der Gemeinschaftsschulen an die beruflichen Gymnasien wechseln. Den Herausforderungen der zunehmenden Heterogenität sollte man sich schleunigst stellen.

10.05.2016 - Ingrid Letzgus, Vorsitzende Fachgruppe Kaufmännische Schulen

Im Schuljahr 2014/15 bekamen ca. 92 Prozent der Bewerber/innen einen Platz an einem beruflichen Gymnasium. Im Schuljahr 2010/11 waren es noch 70 Prozent. Es war die GEW, die sich für den Ausbau der beruflichen Gymnasien massiv eingesetzt hat. Nun bekommen fast alle Schüler/innen, die die Aufnahmebedingungen erfüllen, auch einen Platz. Ein schöner Erfolg für die Durchlässigkeit unseres Schulsystems! Neben den Absolvent/innen der Realschulen, der Werkrealschulen, der zweijährigen Berufsfachschulen, der Schüler/innen aus den allgemeinbildenden Gymnasien könnten bald auch Schüler/innen der Gemeinschaftsschulen kommen.

Diese Entwicklung hat allerdings auch ihre Kehrseite. Die Schüler/innen kommen nicht nur aus völlig verschiedenen Schularten, sondern auch aus Schulen mit sehr unterschiedlichen Lehr- und Lernkulturen und verschiedensten Lernerfahrungen. In den Gemeinschaftsschulen und auch in der weiterentwickelten Realschule, die ab 2016 aufwächst, werden zudem neue pädagogische Konzepte praktiziert.

Die Lehrkräfte an den beruflichen Gymnasien bemühen sich nach Kräften, dieser Heterogenität mit einem möglichst differenzierten Unterricht und flankierenden pädagogischen Maßnahmen, wie Einzelgesprächen und Mentorentätigkeit, gerecht zu werden und den Schüler/innen die bestmögliche Unterstützung zukommen zu lassen. Hierbei kommen die Lehrkräfte allerdings nicht selten an die Grenzen ihrer pädagogischen Möglichkeiten. So ist z.B. die individuelle Förderung an den beruflichen Gymnasien, die am Schulversuch individuelle Förderung teilnehmen, noch häufig darauf begrenzt, in einer zusätzlichen Unterrichtsstunde die Unterrichtsinhalte zu wiederholen oder die Schüler/innen bei den Hausaufgaben zu betreuen. Es fehlen ein inhaltliches Gesamtkonzept und die notwendigen Kapazitäten. Dies ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen, wie fehlende Räume, fehlende Deputatsstunden oder überfrachtete Lehrpläne auch nicht zu leisten.

Wo könnte man ansetzen?

Die Gemeinschaftsschule praktiziert in sehr viel höherem Maße individuelle und selbstständige Lernformen. Hier muss das berufliche Gymnasium anschlussfähig werden, d.h. es gilt zu prüfen, wie Unterrichtsarrangements verändert werden können bzw. müssen. Das wird auch Konsequenzen für die schulische Organisation – von der Bildung von Lehrkräfteteams bis hin zur Raumgestaltung – haben.
Notwendig ist auch eine Überarbeitung der Lehrpläne, um berufliche Gymnasien und die Schularten der Sekundarstufe I inhaltlich besser aufeinander abzustimmen.

Eine wichtige Scharnierfunktion hat die Eingangsklasse. Hier sollte es schwerpunktmäßig um pädagogische Diagnose und anschließende Förderplanung gehen. So könnte zu Beginn der Eingangsklasse eine individuelle Feststellung der Kompetenzen und des Lernstandes der Schüler/innen stattfinden. Auf dieser Basis werden dann individuelle Lehr- und Lernarrangements zwischen den Lehrkräften und den Schüler/innen vereinbart. Aufgabe und Ziel der Eingangsklasse sollte sein, dass alle Schüler/innen individuell und gemäß ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Möglichkeit erhalten, am Ende der Eingangsklasse mindestens auf einem vergleichbaren, definierten Leistungsstand zu sein.
In der Jahrgangsstufe ist in manchen Fächern eine Differenzierung mit verschiedenen Anforderungsniveaus (vergleichbar den früheren Leistungs- bzw. Grundkursen) sinnvoll. Diese Differenzierung kann sich nach den Fähig- und Fertigkeiten der Schüler/innen, ihren Zielen, ihren beruflichen und/oder gesellschaftlichen Wünschen und ethischen Vorstellungen richten. Oberstes Ziel ist und bleibt der Erwerb der Kompetenzen, die zur allgemeinen Hochschulreife befähigen.
Für die Umsetzung solcher Konzepte brauchen die Schulen Unterstützung. Das geht nicht zum Nulltarif! Unbedingt notwendig sind Deputatsstunden, die in der Stundentafel verankert sind, und eine räumliche Ausstattung, die eine Umsetzung dieses Konzeptes unterstützt. Noch weiter gedacht gehört auch ein Unterrichten im Ganztagesbetrieb dazu.

Starke Differenzierung in Richtungen und Profile prüfen

Der quantitative Ausbau der beruflichen Gymnasien in den vergangenen Jahren war mit einer weiteren inhaltlichen Ausdifferenzierung verbunden. Die entsprechende Profilierung ist ein Markenzeichen der beruflichen Gymnasien und sinnvoll. Mittlerweile stagnieren die Schüler/innenzahlen in der Eingangsklasse. Man muss bei insgesamt sinkenden Schüler/innenzahlen in Zukunft davon ausgehen, dass dies auch die beruflichen Gymnasien trifft. Offen bleibt deshalb die Frage, ob die Ausdifferenzierung unter der Maßgabe der regionalen Schulentwicklung in Zukunft so bestehen bleiben kann. 

Zurück