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Bildungsplanreform: Lob und Kritik der GEW

Ende Januar bezog die GEW in einem Schreiben an das Kultusministerium Stellung zu den Arbeits-fassungen der Bildungspläne. Ausführliche Stellungnahmen folgen, wenn im Herbst 2015 die Anhörungsphase beginnt.

29.04.2015 - b&w

Die GEW sieht in den Leitperspektiven einen geeigneten Weg, dem Bildungsplan gestaltungs- und wirkungskräftige Prioritäten und Prämissen voranzustellen. Sie können den öffentlichen Diskurs über Ziele und Aufgaben schulischer Bildung und Erziehung anregen. Die GEW begrüßt, dass die ursprünglich fünf Leitperspektiven mit einer weiteren zur Bildung von Toleranz und Vielfalt ergänzt wurde. Allerdings bedauert die GEW, dass keine Leitperspektive zur Friedenserziehung und zur Demokratieerziehung aufgenommen wurde. Diese Inhalte müssen nun in den Fachplänen repräsentiert werden.
In den Arbeitsfassungen der Fächer sind die Leitperspektiven noch nicht vollständig umgesetzt. Für den weiteren Bearbeitungsprozess weist die GEW auf die Gefahr hin, dass zu allgemeine Bildungsplanprämissen nur eine deklamatorische Funktion einnehmen und dass die Fachpläne nur im Nachhinein auf die Leitperspektiven Bezug nehmen.


Diese Befürchtung sieht die GEW bei der Leitperspektive „Bildung von Toleranz und Vielfalt“ bestätigt. Ihre Umsetzung unter dem Aspekt der sexuellen Orientierung hat sich bislang nur in den humanbiologischen Themen der Grundschule und der Sekundarschulen niedergeschlagen, im G8 noch nicht einmal dort. Eine solche Operationalisierung ist völlig unzureichend. Am ehesten entspricht der Fachplan für Ethik einer angemessenen Umsetzung, in einem Fach freilich, das auch künftig nur einen kleinen Teil der Schüler/innen erreichen wird.


Die Vereinbarung zur Friedensbildung des KMs mit der GEW und anderen Verbänden lassen auf eine ernsthafte schulische Umsetzung dieses Themas hoffen. Die Friedensbildung verdiente es, in ihren umfassenden und fächerübergreifenden Dimensionen über alle Schulstufen hinweg angemessen und überzeugend repräsentiert zu werden. Dem Ankerfach für Friedensbildung, der Gemeinschaftskunde, fehlen allerdings ausreichende Zeitbudgets – vor allem nachdem ein Teil davon der Einführung des eigenständigen Faches „Wirtschaft“ geopfert wurde. Nicht ohne Grund hat die Gemeinschaftskunde einen verfassungsrechtlichen Status.


Fach Wirtschaft
Der Widerstand der GEW gegen die Einführung des Faches „Wirtschaft“ nährt sich aus der Befürchtung, dass für dieses Fach nicht nur die Kompetenzen ökonomistisch auslegt werden, sondern dass es auch zu einem Einfallstor für einseitige Materialien und zu einem Fach der Wirtschaft werden könnte. Bisher konnte die GEW trotz wissenschaftlicher Expertisen nicht durchsetzen, dass statt dem Fach Wirtschaft eine in die Allgemeinbildung eingebettete, sozioökonomische Bildung umgesetzt wird. Die GEW wird nicht nachlassen, die Einführung und die didaktische  Auslegung des Faches Wirtschaft mit Unterstützung des DGB auch öffentlich massiv zu kritisieren.

Kompetenzorientierung
Die Bildungsstandards werden als Kompetenzmodelle formuliert, nicht zuletzt, weil sie sich für eine testbasierte „Outcome“-Kontrolle eignen. In ihrer Testfunktion erlangen die Kompetenzen in der Kombination mit Testformaten und -aufgaben ihren Handlungssinn. Unterricht als komplexes kommunikatives Interaktionsgeschehen kann jedoch nicht als  bloßes Abarbeiten von Aufgabenformaten gedacht  und geplant werden. Vielmehr sind Planung und Konstruktion von Unterricht stets auf komplexere Bezugsquellen angewiesen, als es die Kompetenzkataloge der Unterrichts- und Lernziele zulassen.


Den inhaltlichen Kompetenzen werden im Bildungsplan Verweise auf prozessbezogene Kompetenzen, auf mögliche Fächerverbindungen und auf Leitperspektiven mitgegeben und teilweise durch verbindliche Lerngegenstände (z.B. Experimente, Liederlisten) ergänzt. Diese reichen allerdings nicht aus, um die Distanz des Bildungsplans zur praktischen Unterrichtsplanung zu verringern. Erst die Übersetzung des Bildungsplans in (Teil-)Curricula kann eine Arbeitsebene für die Unterrichtspraxis werden. Anders als bei der Bildungsplanreform 2004 sollte den Lehrkräften unbedingt beispielhafte Curricula zur Verfügung gestellt werden. Damit könnte einem Bedeutungsverlust des Bildungsplans entgegengewirkt werden. Wenn das KM die Lehrkräfte nicht mit geeigneten Materialien unterstützt, wird die Übersetzung der Fachpläne in konkreten Unterricht tendenziell und stillschweigend in die Zuständigkeit der Schulbuchverlage verwiesen.


Auch mit Fortbildungsveranstaltungen sollten Lehrkräfte und Schulen unterstützt werden. Dort könnten die Lehrer/innen z.B. mit fachbezogenen Workshops die aktive und die kritisch-produktive Aneignung der Fachpläne erfahren und einüben. Wenn dies in die Entwicklung schuleigener und erprobter Curricula einmündet, die auf Internetplattformen allen Schulen und interessierten Lehrkräften zur Verfügung gestellt werden, umso besser. 

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